Starke EM-Bilanz in Birmingham DLV-Team im Medaillenrausch und bereit für mehr
Einen so gelösten Julian Weber wie in Birmingham hat es selten gegeben. Überglücklich über sein Speerwurf-Gold ("Das geilste Feeling, das ich bisher hatte") und mächtig stolz auf das deutsche Team sprudelte es aus dem Routinier nur so heraus. "Die deutsche Leichtathletik ist geil, wir sind unfassbar stark und es kommt so viel Gutes in der Jugend hinterher", sagte der 31-Jährige. "Das macht echt Spaß." 21 Medaillen für das deutsche Team Die ersten Titelkämpfe in Großbritannien können aus deutscher Sicht mit ingesamt 21 Medaillen, vielen Topplatzierungen und persönlichen Bestleistungen tatsächlich in die Kategorie "schwarz-rot-geil" einsortiert werden - auf europäischer Ebene. Weber und Co. toppten sogar das Gesamtergebnis der starken Heim-EM 2022 in München (16 Medaillen, darunter siebenmal Gold) und auch das von Rom von vor zwei Jahren (elf Medaillen, nur einmal Gold durch Malaika Mihambo). Bügner: "Dürfen jetzt nicht überheblich werden" "Wir haben hier in Birmingham ein Team erlebt, das großartig aufgetreten ist", erklärte Jörg Bügner, DLV-Vorstand Leistungssport. "Wir sind auf einem sehr guten Weg, sehen eine größere Breite, junge Athletinnen und Athleten rücken nach, etablierte Leistungsträger entwickeln sich weiter und auch das Selbstverständnis unseres Teams verändert sich. Wir treten mit größerem Selbstvertrauen auf." Die Feste zu feiern, wie sie fallen, ist erlaubt. Abheben nicht. "Wir dürfen jetzt nicht überheblich werden. In bestimmten Disziplinen war hier die absolute Weltklasse am Start, in anderen nicht. Es gibt noch einiges zu tun", so Bügner. "Wir wissen sehr genau, dass der Weg in einigen Disziplinen bis zur internationalen Spitze noch weit ist." Mihambo ohne Medaille Weitsprung-Queen Malaika Mihambo ist die personifizierte Weltklasse, aber auch nur ein Mensch. Gold war das Ziel, am Schlusstag blieb für die Olympiasiegerin im Alexander Stadium aber nur Platz fünf. Bis LA 2028 will sie noch weitermachen, sofern Körper und Kopf noch mitspielen. Vize-Weltmeister Petros in Weltklasse-Manier Amanal Petros kam spät in Englands zweitgrößte Stadt, sah die wilde Marathon-Strecke und siegte trotzdem - Weltklasse vom Vize-Weltmeister. Gesa Krause, mittlerweile die deutsche Grande Dame über die 3000 m Hindernis, kürte sich in unnachahmlicher Weise zum dritten Mal zur Königin von Europa. Konkurrentin Lea Meyer (nur Platz vier) stürzte wie schon bei der WM in Eugene, verrannte sich verbal auch in der Mixed Zone, fing sich dann aber selbst wieder ein. Neugebauer auch der König Europas Weltmeister Leo Neugebauer wuchtete seine Muskelmassen mit letzter Willenskraft über die Zehnkampf-Ziellinie und rettete für EM-Gold vier Sekunden vor dem wiedererstarkten Silbermedaillengewinner Niklas Kaul ins Ziel - "schwarz-rot-geil" in episch. Die dilletantischen Messfehler beim Stabhochsprung der Zehnkämpfer fielen am Ende zum Glück nicht ins Gewicht, reihten sich aber ganz oben in der Liste der zahlreichen organisatorischen Ungereimtheiten ein. Neugebauer ("Alle versuchen ihr Bestes") steckte es in Weltklasse-Manier weg und "kann ein Held für die Ewigkeit werden", glaubt Zehnkampf-Legende Jürgen Hingsen. "Jetzt fehlt nur noch der Olympiasieg." 2028 in Los Angeles wäre Neugebauer mit 28 Jahren im besten Zehnkampf-Alter. Ansah: Medaillen-Glück, aber ungewisse Zukunft Ob Owen Ansah dann noch mitsprinten darf, ist offen. Mit Gold über 200 und Bronze über 100 m schaffte der Hamburger Historisches. Angesichts des NADA-Verfahrens aufgrund eines mutmaßlich verweigerten Dopingtests lief bei dem 25-Jährigen im sonnigen Birmingham aber ein sehr langer Schatten mit. Er könnte seine Medaillen wieder verlieren und für vier Jahre gesperrt werden. Fokus war das große Thema vieler Athleten bei dieser EM, bei sich bleiben, Nebengeräusche ausblenden. Ansah gelang das meisterlich, der Rest liegt nun nicht mehr in seiner Hand. Der werdende Papa Frederik Ruppert lief ohne jeden Zweifel zum Hindernis-Titel, Karl Bebendorf dahinter zu Bronze. Merlin Hummel war bei seinem Hammer-Silber fast meditativ unterwegs. Ulbricht und Bremm sensationell Mental stark und erfrischend offensiv war das deutsche Team in Birmingham eingestellt, staunte manchmal aber auch einfach nur: Wie bei Speer-Vize-Europameisterin Julia Ulbricht ("Ich kann es nicht fassen") oder im Fall von Florian Bremm, der hinter Superstar Jakob Ingebrigtsen sensationell Silber über 5000 m gewann ("Das war für mich surreal"). Deutsches Understatement adé, dabei aber demütig bleiben, so lautete die Devise. Oder schlicht dankbar sein, überhaupt dabei gewesen zu sein. Tränen des Glücks bei Lückenkemper Gina Lückenkemper, 100-m-Europameisterin von München, schied bereits im Halbfinale aus und verdrückte trotzdem Tränen des Glücks. "Hier auf der Bahn zu stehen, ist alles andere als selbstverständlich", sagte sie und ihr war anzumerken, dass der Zeckenbiss aus dem Juni mehr in der 29-Jährigen ausgelöst hat als nur die körperlichen Begleiterscheinungen. Silber mit der erstmals bei einer EM gelaufenen Mixed-Staffel ließ Lückenkemper am letzten Tag ein Happy End feiern. Starker DLV-Teamgeist Die Mannschaftskapitänin lieferte auch das deutsche "Team-Bild" dieser EM, als sie direkt nach der verpatzten Staffelstabübergabe im Vorlauf über 4x100 m die untröstliche Sophia Junk auffing - geplatzter Medaillentraum hin oder her. Der DLV-Teamgeist war intakt, dem konnte auch die Causa Ansah nichts anhaben. Tränen der Enttäuschung vergoss Siebenkampf-Hoffnung Sandrina Sprengel. Die WM -Fünfte von Tokio patzte gleich in der ersten Disziplin über die Hürden und bekam die Kurve nicht mehr (Platz 15). Sophie Weißenberg verdiente sich hingegen das Prädikat "Comebackerin des Jahres", kämpfte sich nach langer Leidenszeit mit persönlicher Bestleistung (6496 Punkte) auf Rang fünf. Bei anderen, vor allem jungen Deutschen führte der riesige Ehrgeiz noch zu überzogenen Erwartungen. "Ich habe noch nie so eine Enttäuschung verspürt", sagte Hürdenläufer Owe Fischer-Breiholz - nach Platz fünf in seinem großen Finale, in dem Emil Agyekum Silber gewann und Karsten Warholm einmal mehr zeigte, wo die Messlatte liegt. Duplantis mit Gold, aber ohne Weltrekord Die Stabhochsprung-Latte ließ sich Armand "Mondo" Duplantis etwas überraschend nicht auf Weltrekordhöhe von 6,32 m legen. Der Schwede nahm mit übersprungenen 6,15 m sein viertes EM-Gold ganz ohne Paukenschlag mit nach Hause. So blieb der erhoffte, atmosphärische Gänsehaut-Moment am Schlusstag im Alexander Stadium aus. Die waren ohnehin rar gesät in der vor allem in den ersten Tagen oft spärlich besetzten 23.000-Zuschauer-Arena im Norden Birminghams. Das 800-m-Finale der Frauen, in dem die Schweizerin Audrey Werro Lokalheldin und Olympiasiegerin Keely Hodgkinson niederrang und Hürden-Weltmeisterin Femke Broeders-Bol Bronze holte, war so einer, der Lärm ohrenbetäubend. Superstar Hunt holt vier Goldmedaillen Amy Hunt, mit vier Goldmedaillen der britische Superstar dieser Titelkämpfe, ließ die englischen Fans verlässlich ausflippen. Ansonsten waren es die Iren (wie Siebenkampf-Europameisterin Kate O'Connor) oder auch der Leo-Neugebauer-Fanclub aus Freunden und Familie, die für Stimmung sorgten. Was bleibt also aus Birmingham? Die Erkenntnis, dass die "Brummies" äußerst gastfreundliche Menschen sind und damit den Kontrapunkt zum rauhen Stadtbild der Metropole in den West Midlands Englands setzen. Die Briten können Leichtathletik (feiern). Aber dann vielleicht doch lieber in London, das sich für die WM 2029 bewirbt. Peking 2027 kommt, LA 2028 im Blick Die nächste internationale Station für das DLV-Team heißt Peking, wo im kommenden Jahr die 21. Leichtathletik-Weltmeisterschaften stattfinden (11. bis 19. September 2027). Was das starke EM-Ergebnis wert ist, wird die "Generation L.A." dann im weltweiten Vergleich erfahren, bei der Generalprobe für LA 2028. "Das hier war nur der Anfang" Mihambo ist dann 34, Weber 33, Krause 36. Neugebauer sollte in seiner Wahl-Heimat mit 28 auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt sein.