"Stehen sicherlich nicht am Rande des Weltuntergangs"
Immer häufiger nutzen Kriminelle Künstliche Intelligenz für ihre Angriffe. Nur die wenigsten Unternehmen schützen sich ausreichend davor. Der Vizepräsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik warnt vor einer zunehmend angespannten Cybersicherheitslage.
"Das Internet ist für uns alle Neuland." Für diesen Satz erntete die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Jahr 2013 viel Spott. Denn 2013 war das Internet für die meisten Menschen längst kein Neuland mehr, sondern selbstverständlicher Teil ihres Alltags. Inzwischen ist eine neue Ära angebrochen, die des KI-Zeitalters. Und wieder stellt sich die Frage: Hat Deutschland diese Zäsur begriffen?
Die Welt befindet sich jedenfalls erneut im Umbruch, sowohl Privatmenschen als auch Unternehmen experimentieren mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz – in den unterschiedlichsten Bereichen. Doch das gilt auch für Kriminelle, denn gleichzeitig nehmen KI-gestützte Cyberangriffe zu. Eine Entwicklung, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) mit Sorge beobachtet.
Viele Unternehmen sind bisher ungeschützt
BSI-Vizepräsident Thomas Caspers sagte am Mittwoch in der Bundespressekonferenz in Berlin: "KI ist in der Breite der Wirtschaft angekommen." Allerdings zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des BSI und des TÜV-Verbands jetzt: Nur etwa jedes zehnte Unternehmen in Deutschland hat bisher Prozesse für speziell auf Künstliche Intelligenz bezogene Sicherheitsvorfälle etabliert.
Demnach gaben lediglich elf Prozent der 505 Unternehmen, die an der Befragung im Juli teilnahmen, an, bei ihnen existierten bereits spezielle Vorkehrungen für solche Fälle. In jedem vierten Unternehmen (25 Prozent) hingegen gibt es gar keine entsprechenden Regelungen für KI-gestützte Angriffe.
Künstliche Intelligenz: Studie zeigt Widerspruch auf
Der Umfrage zufolge setzten im vergangenen Juli bereits 49 Prozent der deutschen Betriebe selbst KI ein. Dem gegenüber stehen 42 Prozent der Unternehmen, die KI derzeit nicht nutzen und das auch nicht planen. Neun Prozent der Unternehmen nehmen sich einen KI-Einsatz innerhalb der nächsten zwölf Monate vor.
Woher kommt die Zurückhaltung? Von den KI-skeptischen Firmen nannte mehr als die Hälfte (53 Prozent) Bedenken in Bezug auf Datenschutz oder Sicherheit. Dabei könne KI auch zur Sicherheit beitragen, erklärt Caspers – wenn entsprechende Strukturen frühzeitig etabliert würden. Dazu wollen das BSI und der TÜV-Verband mit der Studie beitragen.
Derzeit nutzen der Umfrage zufolge allerdings nur 31 Prozent der befragten Unternehmen KI zur Verbesserung der eigenen IT-Sicherheit. Dabei sieht sich bereits jedes sechste Unternehmen mit KI-gestützten Angriffen konfrontiert. Der BSI-Vizepräsident sieht hier eine hohe Dunkelziffer und bezeichnet die Zahlen als "alarmierend". Phishing stellt dabei eine dominierende Form von KI-gestützten Angriffen dar. Allerdings nimmt auch der sogenannte CEO-Fraud zu – eine gezielte Täuschung von Mitarbeitenden, um sie beispielsweise zu Geld-Überweisungen zu bringen, in dem Betrüger sich mittels KI als der Chef eines Unternehmens ausgeben.
Trotzdem sagt Caspers: "Wir stehen sicherlich nicht am Rande des Weltuntergangs. Die Welt geht nicht unter wegen dem, was derzeit mit KI möglich ist." Allerdings räumt er auch ein: "KI verschärft die ohnehin angespannte Cybersicherheitslage." Bemerkenswert ist hierbei, dass laut Studie nur 42 Prozent der Unternehmen KI-Lieferanten oder -Anbieter vor dem eigenen Einsatz auf Sicherheit überprüfen.
BSI baut KI-Sicherheitsinstitut auf
Deshalb baut das BSI gerade gemeinsam mit der Bundesnetzagentur ein KI-Sicherheitsinstitut auf, das AISI Deutschland. AISI steht dabei für die englische Abkürzung von KI (AI) und Safety and Security Institute (SI). Es soll die Risiken und Fähigkeiten moderner KI-Modelle bewerten und so sicherheitsrelevante Auswirkungen von KI auf Staat, Wirtschaft und Gesellschaft identifizieren sowie den Staat und öffentliche Auftraggeber bei der sicheren Beschaffung unterstützen.
Empfehlungen der Redaktion
Europa will dem Drachen die Zähne zeigen
Studenten verbergen Jüdischsein oft – sicherheitshalber
Jobverlust wegen KI? Vor allem Jüngere machen sich Sorgen
Denn Caspers sieht den Einsatz von KI noch nicht ausgeschöpft – im Gegenteil. "Wir sind noch nicht in dem Zeitalter angekommen, wo KI sinnvoll Anwendung findet", sagt er. Wichtig sei dabei aber, dass Innovation möglich bleibt, um nicht abgehängt zu werden. Dafür müssten jetzt die Leitplanken gesetzt werden.
Die großen Player auf dem Markt, China und die USA, würden derzeit viel ausprobieren. Auf dasselbe Leistungsniveau wird Deutschland Caspers zufolge vermutlich nicht kommen – allein mit Blick auf die Ressourcen. Um die Abhängigkeit von diesen KI-Riesen zu reduzieren, sei es deshalb wichtig, die "wirklich relevanten Anwendungsbereiche" zu identifizieren. Hier sei es dann möglich, mit europäischen Modellen erfolgreich zu sein, sogar "auf Augenhöhe" mit Entwicklern in den USA und China.