Stille Atherosklerose betrifft schon viele junge Erwachsene
Schon bei Erwachsenen unter 30 Jahren lassen sich atherosklerotische Plaques überraschend häufig nachweisen. Eine große Untersuchung aus Dänemark und Spanien fand die stille Gefäßerkrankung bei 8,7 Prozent der Männer und 6,7 Prozent der Frauen zwischen 18 und 29 Jahren. Insgesamt war mehr als die Hälfte der 16.808 untersuchten Erwachsenen betroffen.
Kopenhagen (Dänemark). Atherosklerose kann sich über Jahrzehnte entwickeln, ohne Beschwerden zu verursachen. Dabei lagern sich Plaques in den Arterien ab, die später Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen können. Ein Plaquebefund bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein Betroffener später ein solches Ereignis erleidet.
Für die Vorbeugung wird das kardiovaskuläre Risiko bislang vor allem aus Alter, Geschlecht, Rauchen, Blutdruck und Cholesterin abgeschätzt. Solche Risikomodelle beschreiben die Wahrscheinlichkeit einer späteren Erkrankung, zeigen aber nicht direkt, ob in den Gefäßen bereits Atherosklerose vorhanden ist. Genau diese Lücke wollte die neue Untersuchung über die gesamte Spanne des Erwachsenenalters erfassen.
Plaques schon vor dem 30. Lebensjahr
Forscher des Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares Carlos III (CNIC) um Dr. Borja Ibáñez haben dafür die Ausgangsdaten einer prospektiven Kohortenstudie ausgewertet. Insgesamt wurden 16.808 Erwachsene zwischen 18 und 70 Jahren ohne bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung untersucht. Die Altersgruppen waren vorab festgelegt und enthielten jeweils vergleichbare Anteile von Frauen und Männern.
Mit dreidimensionalem Gefäßultraschall suchte das Team nach Plaques in den Hals- und Oberschenkelarterien. Zusätzlich wurden die Herzkranzgefäße mit einer Computertomografie-Angiografie untersucht. Über alle Altersgruppen hinweg wiesen 57,1 Prozent der Teilnehmer eine stille Atherosklerose auf. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall lag zwischen 56,3 und 58,0 Prozent.
Schon in der jüngsten Gruppe von 18 bis 29 Jahren fanden sich Plaques bei 8,7 Prozent der Männer und 6,7 Prozent der Frauen. Mit steigendem Alter nahm die Häufigkeit deutlich zu. Zugleich wuchs das Plaquevolumen stark an und immer häufiger waren mehrere Gefäßregionen betroffen. Bei jüngeren Erwachsenen blieb die Erkrankung dagegen meist auf eine einzelne, häufig periphere Gefäßregion beschränkt.
„Diese Daten aus mehreren Körperregionen stützen die Vorstellung, dass stille Atherosklerose ein systemischer, fortschreitender Krankheitsprozess ist, wobei Männer einen etwa fünf bis zehn Jahre früheren Verlauf zeigen als Frauen“, erklärt Prof. Henning Bundgaard vom Rigshospitalet.
Frauen holen in der Lebensmitte auf
Bei Männern stieg die Häufigkeit der Atherosklerose bereits in jüngeren Altersgruppen an. Frauen zeigten dagegen später einen besonders steilen Anstieg in der Lebensmitte, ungefähr im typischen Alter der Menopause. Die Studie beschreibt damit unterschiedliche zeitliche Verläufe, belegt aber nicht, dass die Menopause selbst den Anstieg verursacht.
Auch die Verteilung der Plaques könnte für die Früherkennung wichtig sein. Eine ausschließlich auf die Herzkranzgefäße begrenzte Atherosklerose war in allen Altersgruppen selten. Sie trat bei höchstens 9,3 Prozent der Männer und höchstens 5,0 Prozent der Frauen auf. Bei den meisten Menschen mit koronaren Plaques ließen sich zugleich Veränderungen in Hals- oder Beinarterien nachweisen.
Direkte Bildgebung ergänzt Risikoscores
Die Forscher verglichen ihre Bildbefunde außerdem mit der herkömmlichen Risikoeinschätzung. Dabei wurde nur ein kleiner Teil der Menschen mit bereits vorhandener stiller Atherosklerose als besonders gefährdet eingestuft. Vor allem bei jüngeren Erwachsenen kann eine auf langfristige Risikofaktoren gestützte Bewertung deshalb andere Informationen liefern als ein direkter Blick auf die Gefäßwand.
„Seit Jahrzehnten schätzen wir das kardiovaskuläre Risiko anhand von Faktoren wie Alter, Blutdruck und Cholesterin. Diese Studie zeigt, dass wir jetzt einen Schritt weitergehen und die Krankheit direkt erkennen können, bevor sie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursacht“, erklärt Dr. Borja Ibáñez.
Für eine mögliche bildgestützte Früherkennung erscheinen besonders die gut zugänglichen Hals- und Beinarterien interessant. Ultraschall ist dort schneller und weniger aufwendig als eine Untersuchung der Herzkranzgefäße per Computertomografie. Die Ergebnisse zeigen jedoch noch nicht, dass ein breites Screening gesunder Menschen Herzinfarkte oder Schlaganfälle tatsächlich verhindert.
„In dem von uns vorgeschlagenen Modell werden tragbare Ultraschallgeräte, die von jedem medizinischen Fachpersonal genutzt werden können, zum Standardinstrument für das Atherosklerose-Screening ab den frühen Phasen des Erwachsenenlebens“, sagt Dr. Borja Ibáñez.
Ob eine solche Strategie die heutige Prävention verbessert, soll in weiteren prospektiven Untersuchungen geklärt werden. Für die nächste Phase des Forschungsprogramms ist ein randomisierter Versuch geplant, der eine durch Bildgebung gesteuerte Prävention mit dem bisherigen Vorgehen vergleichen soll. Bis dahin liefern die Daten vor allem eine umfangreiche Bestandsaufnahme darüber, wie früh und wie häufig stille Atherosklerose im Erwachsenenleben bereits vorhanden ist.
Quellen:
Originalstudie im Fachmagazin New EnglandJournal of Medicine, doi: 10.1056/NEJMoa2609059
Offizielle Studienmitteilung von Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares Carlos III (CNIC)
Offizieller Publikationseintrag von European Society of Cardiology (ESC)
2. September 2026 - Kathrin Klatt
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