Stoppen Statine den Zerstörungsprozess im Auge?
Der gefürchtete Grüne Star (Glaukom) schädigt den Sehnerv oft jahrelang unbemerkt und gilt weltweit als eine der häufigsten Ursachen für Erblinden. Eine neue Untersuchung im British Journal of Ophthalmology legt nahe, dass Cholesterinsenker (Statine) das Risiko für Grünen Star senken und das Voranschreiten verlangsamen können. Ein Durchbruch in der Augenheilkunde? Verona Prokosch ist Glaukom-Chirurgin und Direktorin der Augenklinik an der Uniklinik Mainz. Sie sagt, welche Aussagen man treffen kann, und woran es der Studie mangelt.
Frau Prokosch, wie bewerten Sie diese Studie?
Die Idee, dass Statine nicht nur dem Herzen nützen, sondern auch den Sehnerv gegen Erkrankungen wie Grünen Star schützen könnten, ist nicht neu. Das wird in der Fachwelt seit über zehn Jahren diskutiert. Die aktuelle Untersuchung ist also kein plötzlicher Durchbruch, sondern reiht sich in über hundert Arbeiten der letzten Jahre ein, die in eine ähnliche Richtung geforscht haben.
Was macht die neue Publikation dann überhaupt so interessant?
Ihre Größe. Die Forschenden haben auf eine riesige Fallzahl und sehr umfangreiche Datenbanken zurückgegriffen. Und je größer die Patientenzahl bei so einer Untersuchung ist, desto verlässlicher sind die statistischen Ergebnisse. Das macht die Arbeit deutlich aussagekräftiger als frühere, kleinere Berichte.
Statine sollen laut Studie zum einen verhindern, dass sich das Glaukom bildet, und zum anderen die Entwicklung verlangsamen, wenn es sich schon gebildet hat. Welcher Punkt ist wichtiger?
Wahrscheinlich handelt es sich dabei um ein und denselben Effekt. Man muss verstehen, wie tückisch ein Glaukom ist: Wir Augenärzte können die Krankheit meist erst dann feststellen, wenn bereits etwa die Hälfte der Nervenfasern im Auge abgestorben ist. Vorher merken die Betroffenen nichts und auch in den Messungen bleibt die Erkrankung unsichtbar. Wenn ein Medikament diesen Zerstörungsprozess nun von Anfang an abbremst, erreicht der Patient die kritische 50-Prozent-Marke vielleicht gar nicht erst und taucht in der Statistik als „gesund“ auf. Es ist also sehr gut möglich, dass das Medikament in beiden Fällen genau dasselbe tut: Es verlangsamt den Abbau des Sehnervs.