Streit über Wochenarbeitszeit: Zurück zur 40-Stunden-Woche?
Abwägen müsse man, sagt Albert Sauter. Abwägen, ob es sinnvoll ist, wieder länger zu arbeiten, um die deutsche Wirtschaft effizienter zu machen. Abwägen, das ist auch Albert Sauters Geschäft, denn seine Firma im württembergischen Balingen stellt Waagen und Gewichte her. Albert Sauter leitet das Familien-Unternehmen Kern & Sohn in achter Generation. Hier hat es die 35-Stunden-Woche nie gegeben. Das Unternehmen ist nicht im Metall-Tarifvertrag, und gearbeitet wurden immer 40 Stunden. Schon immer hielt der Firmenchef das für eine gute Idee, und heute in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erst recht. "Fünf Stunden weniger Arbeit hieße, wir bräuchten mehr Personal", sagt er. "Das hieße aber auch Teamabstimmung. Wann bist Du da? Wann ist der Andere da?" Der Organisationsaufwand würde steigen, und man müsste mehr Geld ausgeben für Räume und Softwarelizenzen. Ein Modell für die deutsche Wirtschaft? Sauter ist überzeugt: Deutschland könne sich schlicht nicht mehr leisten, kürzer zu arbeiten als 40 Stunden pro Woche. Vor allem, weil die internationale Konkurrenz oft sogar noch länger arbeitet. Sauter denkt zum Beispiel an Indien, das er auch deshalb gut kennt, weil dort bei lokalen Firmen ein Teil seiner Waagen-Produktion läuft. Dort gelte eine 45-Stunden-Woche, sagt er und appelliert an die Belastbarkeit der Deutschen: "Ich selber war auch noch samstags vormittags in der Schule gewesen, als Grundschüler. Also, das geht. Und deshalb geht es auch für die deutsche Industrie." Gesprächsbereitschaft und gutes Klima Weil das Unternehmen nicht tarifgebunden ist, werden die Arbeitsbedingungen bei Kern & Sohn direkt mit dem Betriebsrat der Firma ausgehandelt. Der lobt das Betriebsklima dort und das gute Verhältnis zum Chef. In Diskussionen mit ihm aber gehe es immer wieder auch um die Wochenarbeitszeit. Eine kürzere habe schließlich auch Vorteile für die Unternehmensführung, sagt Betriebsrat Stefan Rothmund. Denn andere Arbeitgeber ganz in der Nähe hätten die 35-Stunden-Woche. "Wenn man neue Mitarbeiter sucht, dann wäre es mit Sicherheit attraktiver, sagen zu können, dass man auch die 35 Stunden macht", sagt Rothmund. Er selbst sei aus anderen Gründen gerne im Betrieb. Und auf die setzt auch der Chef. Er versucht, neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit speziellen Angeboten zu locken. Mit einem Zuschuss zum Fitness-Studio zum Beispiel - aber auch schlicht mit einer Bezahlung, die etwas über dem Tarif liegt. Und wer aus privaten Gründen doch einmal kürzer arbeiten wolle, können im Einzelfall gerne mit ihm darüber reden, sagt Albert Sauter. Etwa kurz vor der Rente oder wenn man Angehörige pflegen müsse. Proteste bei Mercedes-Benz Bei Mercedes-Benz sorgt das Thema Wochenarbeitszeit gerade für große Aufregung. Vergangenen Freitag demonstrierten die Belegschaften vieler Werke gegen die Pläne des Managements. Die Konzernleitung will zurück zur 40-Stunden-Woche, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der entscheidende Unterschied zum Waagen-Hersteller in Balingen: Bei Mercedes soll es keinen Lohnausgleich geben. Sprich: fünf Stunden mehr arbeiten bei gleichem Lohn. Die Gewerkschaft IG Metall hält das für inakzeptabel. Die schwierige Situation im Konzern habe auch mit Fehlern des Managements zu tun. Und die Belegschaft dafür bluten zu lassen, sei ein weiterer. Stattdessen brauche es kluge Investitionen in die richtige Innovation. Zudem bezweifelt die IG Metall, dass es im Moment beim kriselnden Autobauer überhaupt genug Arbeit gibt für 40 statt 35 Stunden. Die 35-Stunden-Woche hatte die IG Metall in den 1980er-Jahren erkämpft. Sie gilt in der Metall- und Elektro-Branche seit 1995. In Ostdeutschland allerdings liegt die tarifliche Wochenarbeitszeit heute vielerorts noch bei 38 Stunden. Anderswo ein Kompromiss Bei Mercedes hält die IG Metall hart dagegen, anderswo aber hat sie gerade einen Kompromiss gemacht: beim Autozulieferer Aumovio in Villingen-Schwenningen. Seit 1. Juli gilt dort: 38 statt 35 Stunden ohne Lohnausgleich. Das sei eine große Ausnahme, heißt es bei der Gewerkschaft. Hier sei nur so ein Stellenabbau zu verhindern gewesen, und es sei damit zu rechnen, dass das Arbeitsaufkommen bald steigen werde. Die Ausnahme aber müsse in der deutschen Autoindustrie dringend zur Regel werden, empfiehlt Waagen-Bauer Albert Sauter. Die Situation bei VW zum Beispiel sei heute schon dramatisch. Ähnliches stehe bei Mercedes bevor, befürchtet er. Es sei nicht mehr die Frage, ob 40 Stunden oder nicht: die 40 Stunden müssten sein. "Und dann müssen wir immer noch viele Kerzen in der Kirche anzünden, dass die Arbeitsplätze wirklich bestehen bleiben", warnt der Unternehmer. Um das sicherzustellen, müsse vermutlich noch viel mehr passieren, glaubt er. Sein Vorschlag: einige der Feiertage abzuschaffen. Beliebt wird er sich damit nicht machen. Doch er ist überzeugt: in der Abwägung sind solche Opfer besser als ein weiterer Niedergang der deutschen Wirtschaft.