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Streit um Tabaksteuer

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Zigaretten bald 11,78 Euro – doch der Staat könnte sich verrechnen

Von: Marcel Reich

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Rauchen soll teurer werden, der Staat rechnet mit Milliarden. Doch die Tabakbranche warnt: Am Ende könnten viele Raucher einfach anders einkaufen.

Frankfurt – Rauchen soll in Deutschland deutlich teurer werden. Die schwarz-rote Koalition will die Tabaksteuer von 2027 an schrittweise erhöhen. Nach den derzeitigen Plänen der Koalitionsfraktionen könnte eine durchschnittliche Packung mit 20 Zigaretten im Jahr 2030 rund 11,78 Euro kosten. Für den Bundeshaushalt soll das Milliarden bringen. Doch aus der Tabakbranche kommen Zweifel an der Rechnung: Steigen die Preise zu stark, könnten Verbraucher verstärkt im Ausland einkaufen oder auf den Schwarzmarkt ausweichen.

Fest beschlossen ist der verschärfte Steuerpfad allerdings noch nicht. Das Bundeskabinett hatte am 6. Juli zunächst einen etwas moderateren Entwurf verabschiedet. Danach könnte der Durchschnittspreis einer 20er-Packung von derzeit etwa 8,05 Euro auf 8,77 Euro im Jahr 2027, 9,56 Euro im Jahr 2028, 10,42 Euro im Jahr 2029 und 11,36 Euro im Jahr 2030 steigen. Die Koalitionsfraktionen wollen im parlamentarischen Verfahren jedoch darüber hinausgehen. Die Bundesregierung bestätigte, dass das Bundesfinanzministerium auf Wunsch der Regierungsfraktionen eine entsprechende Formulierungshilfe vorbereitet hat. Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios würde der verschärfte Pfad 2030 zu einem Durchschnittspreis von etwa 11,78 Euro führen.

Zigaretten könnten 2030 fast zwölf Euro kosten

Das Ziel ist doppelt: Die höheren Preise sollen den Tabakkonsum senken und gleichzeitig den Bundeshaushalt entlasten. Schon den ursprünglichen Gesetzentwurf bezeichnet das Finanzministerium ausdrücklich als Maßnahme zur Haushaltskonsolidierung. Nach dem Kabinettsentwurf wären für 2030 zusätzliche Einnahmen von rund 3,6 Milliarden Euro vorgesehen gewesen. Mit der von den Koalitionsfraktionen geplanten Verschärfung könnten es nach Berechnungen, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegen, sogar rund 4,4 Milliarden Euro zusätzlich werden.

Genau an dieser Stelle beginnt der Streit. Denn je stärker der Preis steigt, desto unsicherer wird die Grundlage der Kalkulation: Kaufen Raucherinnen und Raucher weiter legal in Deutschland? Oder verlagert sich ein Teil des Konsums ins Ausland, zu nicht in Deutschland versteuerten Produkten oder in illegale Kanäle?

Reemtsma hält Milliarden-Rechnung für „sehr ambitioniert“

„Wir halten die Prognose für sehr ambitioniert“, sagt Christian Cordes, Director Corporate & Legal Affairs für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Imperial Brands Reemtsma. Die Kalkulation setze voraus, dass Verbraucher trotz großer Preissprünge weiterhin annähernd genauso viel legal in Deutschland kauften. Frühere Erfahrungen sprächen aus Sicht des Unternehmens dagegen.

Deutschland nimmt mit der Tabaksteuer bereits heute Milliarden ein. Im vergangenen Jahr waren es nach Angaben der Bundesregierung rund 17,63 Milliarden Euro. Doch 2026 läuft bislang schwächer: Von Januar bis Juli lagen die Einnahmen mit rund 8,54 Milliarden Euro 11,6 Prozent unter dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. In der aktuellen Steuerschätzung sind für das Gesamtjahr rund 16,89 Milliarden Euro vorgesehen – 4,2 Prozent weniger als im Vorjahr.

Das ist allerdings noch kein Beleg dafür, dass höhere Steuern die Einnahmen sinken lassen. Unterjährige Tabaksteuereinnahmen können schwanken. Aus der Entwicklung allein lässt sich deshalb nicht ableiten, dass die zu Jahresbeginn erfolgte Steuererhöhung ursächlich für den Rückgang ist.

Finanzministerium widerspricht Warnung vor Schwarzmarkt

Auch der zentralen Warnung der Tabakbranche widerspricht das Bundesfinanzministerium ausdrücklich. Zwar berge grundsätzlich jede Steuer das Risiko, dass Verbraucher versuchten, sie zu umgehen. Für die häufig vorgebrachte These, stärkere Tabaksteuererhöhungen ließen den illegalen Markt erheblich wachsen, gebe es jedoch „keine unabhängigen empirischen Daten“, erklärt das Ministerium.

Auch bei legalen Einkäufen in benachbarten EU-Staaten erwartet das BMF keine signifikanten zusätzlichen Auswirkungen. Ein Grund: Auch andere Staaten erhöhen ihre Tabaksteuern, zugleich wird auf EU-Ebene über neue Mindeststeuersätze verhandelt.

Cordes hält dagegen. Einen einzelnen Preis, ab dem der legale Markt plötzlich kippe, gebe es nicht. Entscheidend sei vielmehr der Abstand zwischen den deutschen Preisen, günstigeren legalen Alternativen im Ausland und illegal angebotenen Produkten. „Nicht das Preisschild allein entscheidet. Der Markt kippt, wenn der Preisunterschied groß genug wird, um Einkaufsgewohnheiten dauerhaft zu verändern“, sagt der Reemtsma-Manager.

Jede fünfte Packung ohne deutsches Steuerzeichen

Wie kompliziert die Debatte ist, zeigen bereits die aktuellen Zahlen. Nach einer Ipsos-Entsorgungsstudie trugen 2025 rund 20,9 Prozent der untersuchten Zigarettenpackungen kein deutsches Steuerzeichen – so viele wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. In Ostdeutschland lag der Anteil sogar bei 41,6 Prozent. Für die Studie wurden nach Angaben des Deutschen Zigarettenverbands rund 161.000 Packungen ausgewertet.

Das bedeutet jedoch ausdrücklich nicht, dass jede fünfte Zigarette aus dem Schwarzmarkt stammt. In den Zahlen stecken auch vollkommen legale Einkäufe von Reisenden im Ausland, etwa in Polen, Tschechien oder Luxemburg. Eine von KPMG im Auftrag von Philip Morris Products erstellte Untersuchung schätzt den tatsächlich illegalen Anteil am deutschen Zigarettenkonsum für 2025 auf lediglich 2,5 Prozent. Das entsprach rund 1,9 Milliarden Zigaretten. Der geschätzte Steuerausfall lag bei etwa 486 Millionen Euro.

Auch Cordes bezeichnet den deutschen Schwarzmarkt derzeit noch als „vergleichsweise klein“. Eine seriöse Prognose für dessen Anteil im Jahr 2030 sei nur in Form von Szenarien möglich. Gefährlich werde es vor allem dann, wenn große Preisunterschiede, hohe Gewinnmöglichkeiten für illegale Händler und ein schwacher Vollzug zusammenkämen.

Entscheidend ist, ob weniger geraucht wird

Die zentrale Frage lautet deshalb: Sinkt der Tabakkonsum wirklich – oder sinkt vor allem der legal versteuerte Absatz in Deutschland? „Die Kasse im deutschen Handel misst den legalen Absatz. Sie misst nicht, wie viel tatsächlich geraucht wird“, sagt Cordes.

Genau an diesem Punkt setzt die gesundheitspolitische Gegenposition an. Der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Hendrik Streeck, befürwortet die höheren Tabaksteuern ausdrücklich – und würde sogar noch weitergehen. Es sei gesundheitspolitisch sinnvoller, wenn Preiserhöhungen bei Zigaretten tatsächlich spürbar ausfielen, argumentiert Streeck. Die Steuererhöhung dürfe deshalb nicht nur „kleckerweise“ erfolgen.

Auch das Bundesfinanzministerium führt den Gesundheitsschutz ausdrücklich als Ziel der Reform an. Die Steuererhöhung solle dazu beitragen, die Raucherquote sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen zu senken. Damit entsteht allerdings ein Spannungsverhältnis: Je erfolgreicher höhere Preise den Zigarettenkonsum tatsächlich reduzieren, desto schwieriger wird es zugleich, sehr hohe zusätzliche Steuereinnahmen zu erzielen.

Händler fürchten um lukratives Geschäft

Nicht nur die großen Zigarettenhersteller sehen Risiken. Auch Unternehmen aus dem Geschäft mit Raucherbedarf warnen vor Folgen für den Einzelhandel. „Für den Tabakwarenfachhändler, den Kiosk um die Ecke und für die Tankstelle ist die Kategorie der Raucherbedarfsartikel kein Nebengeschäft“, sagt Marc Fassbinder, Geschäftsführer des Herstellers OCB.

Die Margen seien dort deutlich höher als bei klassischen Fabrikzigaretten. Schrumpfe dieses Geschäft, gehe deshalb nicht nur etwas Umsatz verloren, sondern ein spürbarer Teil des Ertrags. Fassbinder verweist insbesondere auf die Grenzregionen. Der Firmensitz von OCB in Heinsberg liegt nur rund zehn Kilometer von den Niederlanden entfernt. Nach den dortigen starken Steuer- und Preiserhöhungen habe sich nach Beobachtung des Unternehmens ein Teil der Nachfrage nach Deutschland beziehungsweise in andere Vertriebskanäle verlagert.

Auch innerhalb Deutschlands sind Grenzkäufe schon heute ein wichtiger Faktor. Cordes weist darauf hin, dass besonders in Ostdeutschland viele Zigaretten legal in Polen und Tschechien gekauft werden. Deshalb dürfe man Packungen ohne deutsches Steuerzeichen nicht automatisch dem Schwarzmarkt zurechnen.

Drei Szenarien für die Tabaksteuer

Am Ende hängt der Erfolg der Reform davon ab, welches von drei Szenarien eintritt. Sinkt der Zigarettenkonsum wegen höherer Preise deutlich, erreicht die Bundesregierung ihr gesundheitspolitisches Ziel – auch wenn die zusätzlichen Steuereinnahmen geringer ausfallen könnten als geplant. Bleibt der Konsum relativ stabil und kaufen Raucher weiterhin legal in Deutschland, könnte der Staat tatsächlich Milliarden zusätzlich einnehmen.

Problematisch wäre dagegen eine dritte Entwicklung: Der legal versteuerte Absatz in Deutschland geht stark zurück, während der tatsächliche Konsum wesentlich langsamer sinkt, weil Verbraucher verstärkt im Ausland oder auf illegalen Märkten einkaufen. Dann würde die Reform weder fiskalisch noch gesundheitspolitisch voll aufgehen.

Reemtsma fordert deshalb keine Steuersenkung. Cordes plädiert stattdessen für maßvolle und planbare Erhöhungen sowie eine regelmäßige Überprüfung der Folgen für Absatz, Konsum, Auslandskäufe, Schwarzmarkt und Staatseinnahmen. „Steuern dürfen den legalen Markt lenken. Sie dürfen ihn aber nicht gegen die Wand fahren“, sagt er.

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