Strom und Gas: Gutachten will Preislücke schließen - wer zahlt?
Alle Haushalte profitieren
Gutachten schlägt höhere Erdgassteuer vor
Von t-online, jb
27.09.2026 - 14:00 UhrLesedauer: 3 Min.
Die Autoren eines Gutachtens schlagen vor, die Stromkosten für Haushalte deutlich zu senken. Bezahlen soll das teils teureres Erdgas und ein Umbau bei Steuern, Netzentgelten und EEG.
Im EU-Vergleich zahlen Haushalte in Deutschland mit am meisten für Strom. Laut der Europäischen Kommission lagen die Preise für eine Kilowattstunde im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 39 Cent. Nur Irland zahlt mit 40 Cent etwas mehr. Aus diesem Grund ist schon länger eine Senkung der Stromsteuer im Gespräch. Selbst Union und SPD hatten einen entsprechenden Plan in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt. Umgesetzt wurde jedoch nur die Senkung der Steuer für das produzierende Gewerbe und die Land- und Forstwirtschaft. Verbände, Klimaschützer und Experten kritisieren das. Sie fordern die Ausweitung der Steuersenkung auf Privathaushalte und nennen Beispiele für eine Refinanzierung. Das tun nun auch die Autoren eines neuen Gutachtens der Stiftung Klimaneutralität, das t-online exklusiv vorab vorliegt.
Gutachten: Gas-Strom-Lücke schließen
Würden die Stromsteuer auf das europäische Minimum und die Mehrwertsteuer auf 7 Prozent gesenkt werden, könnten Haushalte dadurch etwa 6 Cent pro Kilowattstunde (kWh) sparen. Für einen Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden wären das jährlich knapp 200 Euro, heißt es in der Studie der Stiftung.
Die Autoren des Gutachtens schlagen unter anderem vor, die Differenz zwischen dem Strom- und dem Gaspreis zu reduzieren. Der Grund: Pro Kilowattstunde Strom zahlen Haushalte 12,6 Cent an Steuern, Umlagen und Abgaben. Pro Kilowattstunde Gas werden hierfür hingegen nur 3,6 Cent fällig. Aufgrund dieser hohen Preisdifferenz lohnt sich für viele die Elektrifizierung – also der Umstieg von Gas auf Strom – nicht.
Finanzierung der Strompreisanpassung
Die Stromsteuersenkung für Privathaushalte würde den Bund rund 2,5 Milliarden Euro im Jahr kosten, die Reduzierung der Mehrwertsteuer rund 5,8 Milliarden Euro.
Ausgeglichen werden könnten die Mindereinnahmen über Mehreinnahmen beim Erdgas. Aktuell fallen pro Kilowattstunde Gas 0,55 Cent an Erdgassteuer an. Diese könnte laut der Studie auf 1 Cent/kWh erhöht werden. Dadurch würden für einen Privathaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh Gas dem Gutachten zufolge die Kosten um rund 110 Euro brutto steigen. Hinzu kommt jedoch die Einsparung durch die Strompreissenkung.
Ein weiteres Instrument der Finanzierung ist der Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten. 2026 zahlt der Bund 6,5 Milliarden Euro, um die Übertragungsnetzentgelte zu senken. Die Autoren des Gutachtens schlagen vor, diesen Zuschuss durch ein Amortisationskonto zu ersetzen: Die Kosten des Netzausbaus werden nicht mehr sofort auf die Netzentgelte umgelegt, sondern über viele Jahre verteilt – ein Modell, das beim Wasserstoff-Kernnetz schon angewendet wird.
Einsparungen bei EEG-Förderung
Darüber hinaus soll der Plan teilweise durch Einsparungen bei der Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) finanziert werden, schlägt die Stiftung vor. Aktuell erhalten Anlagenbetreiber für jede Kilowattstunde eingespeisten Strom eine vorab festgelegte Vergütung. Verkaufen sie den Strom an der Strombörse für weniger als diesen Betrag, erhalten sie die Differenz erstattet (Marktprämie), finanziert über das EEG-Konto und Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Je höher also der Börsenpreis für Wind- und Solarstrom ist, desto kleiner sind die Ausgaben des Staates.
Niedrige Börsenpreise treten besonders häufig auf, wenn viel Wind- und Solarstrom gleichzeitig ins Netz fließt. Zeitweise wird der Preis sogar negativ. In diesen Stunden entfällt der Anspruch auf die Marktprämie ganz – dieses Risiko trägt der Anlagenbetreiber. Teuer wird es für den Bund dennoch: Solche Phasen drücken den durchschnittlichen Marktwert von Wind- und Solarstrom über das Jahr. Und je niedriger dieser Marktwert, desto größer die Differenz, die in allen übrigen Stunden ausgeglichen werden muss. Für die EEG-Förderung zahlte der Bund 2025 rund 16,5 Milliarden Euro Zuschuss.
Das sind die Top-Fragen des Tages:
Die Stiftung schlägt daher vor, das Stromsystem flexibler zu gestalten. Das heißt unter anderem, dass Stromspeicher, Wärmepumpen und E-Autos Strom verbrauchen, wenn es davon einen Überschuss im Netz gibt. Dadurch könnte Energie aus Wind- und Solaranlagen zu einem besseren und stabileren Preis verkauft werden. Negative Strompreise träten dann seltener oder nicht mehr auf; dementsprechend seltener müssten die Zuschüsse vom Bund gezahlt werden.
Ob die Rechnung aufgeht, hängt allerdings davon ab, wie belastbar die drei vorgeschlagenen Instrumente sind. Die höhere Erdgassteuer bringt unmittelbar Mehreinnahmen. Das Amortisationskonto verschiebt Kosten allerdings nur in die Zukunft, statt sie einzusparen. Und die Entlastung beim EEG ist eine Prognose, die davon abhängt, ob das Stromsystem tatsächlich flexibler wird. Und das wiederum hängt von der Attraktivität des Stroms im Vergleich zum Gas ab.