Strompreise steigen: Was Kunden 2027 erwartet
Strompreise 2027
Was Versorger ihren Kunden jetzt noch verschweigen
13.10.2026 - 08:53 UhrLesedauer: 6 Min.
Mit den Gaspreisen steigt auch der Strompreis. t-online wollte von den größten Versorgern wissen, wie sich die Stromtarife im Jahr 2027 entwickeln werden.
Die Strompreise für Neukunden sind in den vergangenen drei Wochen deutlich gestiegen: im Schnitt von 25 Cent pro Kilowattstunde am 16. September auf nun rund 31 Cent.
Auslöser sind vor allem die Gaspreise, die aufgrund des Iran-Kriegs und der Blockade der Straße von Hormus stark gestiegen sind. Der europäische Großhandelspreis für künftige Gaslieferungen liegt bei über 80 Euro pro Megawattstunde. Vor der Eskalation im Nahen Osten waren es noch rund 31 Euro. Hinzu kommen die niedrigen Gasspeicherfüllstände in Europa. Auch diese sind durch die hohen Preise bedingt, aufgrund derer sich das Einspeichern wirtschaftlich kaum lohnt. Da die meisten deutschen Speicher bis zum 1. November ausreichend gefüllt sein müssen, herrscht hohe Nachfrage, was wiederum die Preise steigen lässt.
Im Video | Eine Ursache für die Preise: Die blockierte Straße von Hormus
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Diese Entwicklung hat auch Auswirkungen auf den Strompreis. Dahinter steckt das sogenannte Merit-Order-Prinzip. An der Strombörse bestimmt das teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird, um den Bedarf zu decken, den Preis für die gehandelte Strommenge. Häufig ist es ein Gaskraftwerk. Steigt der Brennstoffpreis, kann deshalb auch der Börsenstrompreis steigen. Ob und wie stark sich das auf den Preis für Haushalte auswirkt, hängt jedoch auch von Netzentgelten, Steuern, Abgaben und den Beschaffungsverträgen der Versorger ab.
Anzumerken ist auch, dass ohne Photovoltaikstrom der Großhandelsstrompreis im Jahr 2025 rund 20 Prozent höher ausgefallen wäre. So lautet zumindest das Ergebnis einer Studie des Analyseunternehmens enervis im Auftrag des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW-Solar). Für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden entspricht das rund 94 Euro im Jahr. Allerdings berücksichtigt das Modell weder Netzengpässe noch Marktreaktionen.
Preissteigerungen kommen verzögert an
Aber warum ist der starke Kostenanstieg beim Gas noch nicht bei den Verbrauchern angekommen? Das hat t-online die größten Energiekonzerne in Deutschland gefragt. Sieben haben geantwortet. Sechs Energieversorger teilten mit, dass sie ihre Energie über lange Zeiträume und in Tranchen einkauften. Dadurch würden einzelne Preisspitzen gedämpft. Die Preise für Bestandskunden könne man daher "im Jahr 2026 stabil halten", teilte ein E.ON-Sprecher mit.
Auch RheinEnergie erklärt, dass ihre Kunden mit gültigen Laufzeitverträgen "aktuell nichts von den Entwicklungen" spürten. Bei der Grundversorgung kämen die Preisanstiege "mit zeitlicher Verzögerung" an.
Anders sehe es bei Neuverträgen aus. "Bei Neukundenverträgen machen sich gestiegene Beschaffungskosten bemerkbar", sagte ein Sprecher von enercity. Bei Geschäftskunden, die kurzfristiger einkaufen, seien die höheren Preise "schon jetzt deutlich spürbar", so Vattenfall.
Bei dynamischen Tarifen ist die Lage anders. Sie geben die Börsenpreise unmittelbar an die Kunden weiter. Sparen können Kunden mit solchen Tarifen, wenn sie bei ihrem Stromverbrauch flexibel sind. Konkret bedeutet das, dass sie energieintensive Geräte dann nutzen, wenn Strom an der Börse günstig ist.
Sind 2027 Preiserhöhungen geplant?
Auf die Frage, ob Preiserhöhungen für das vierte Quartal 2026 oder für 2027 geplant sind, antworteten alle sieben Energieversorger zurückhaltend.
Am konkretesten war RheinEnergie. Im vierten Quartal habe es für Strom und Gas keine Preisanpassungen gegeben, für den Jahreswechsel sei "noch keine Entscheidung gefallen". Man rechne noch und warte auf preisbestimmende Faktoren wie die vorläufigen Netzentgelte.
Lichtblick teilte mit, man habe "aktuell keine allgemeine Preisanpassung für Q4 2026 oder Anfang 2027 angekündigt". enercity argumentiert, dass noch nicht alle relevanten Preiskomponenten bekannt seien. Ob 2027 eine Anpassung bei Strom und Gas nötig werde, sei deshalb offen.
Auch E.ON möchte keine Prognose abgeben. Es sei "zu früh". Entscheidend sei die Summe aller Preisbestandteile: "Erhöhen sich diese in Summe, kommt es zu einer Preisanpassung nach oben. Ergeben sich insgesamt geringere Kosten, erhalten Kunden eine Preissenkung."
Vattenfall könne zu künftigen Anpassungen "derzeit keine Angaben machen", da Netzentgelte, Steuern und Abgaben für 2027 noch nicht feststünden.
Tibber Deutschland erklärt ebenfalls, dass eine "genaue Prognose bis Ende 2026 oder für den Winter 2026/27 (…) derzeit unseriös" wäre. Das Unternehmen sagt aber auch: "Wir gehen aber von einem höheren Niveau der Börsenstrompreise im Zuge der aktuellen geopolitischen Situation aus. Dies wird sich auch deutlich in neuen Fixpreis-Angeboten niederschlagen."
"Aktuell sehen wir steigende Preise", heißt es bei RheinEnergie. Das könne sich je nach Entwicklung im Mittleren Osten aber sehr schnell ändern. Konkrete Prognosen seien kaum möglich.
Experte erwartet bis zu 35 Cent
Für eine Einschätzung von außen hat t-online bei einem Energieexperten für erneuerbare und konventionelle Energie nachgefragt: Peter Vest, früherer Chef von Yello Strom und heute Geschäftsführer des Hamburger Anbieters STARQstrom. Im Gespräch mit t-online erklärt er, er rechne damit, dass die Neukundenpreise für Privathaushalte noch einmal um rund zehn Prozent steigen. Von der aktuellen 31-Cent-Marke gehe es dann "in Richtung 34 bis 35 Cent".
Vest bestätigt, dass dieser Anstieg verzögert ankommt. Als Grund nennt er, wie auch die Energieversorger selbst, dass Versorger Strom rollierend einkaufen – also ein bis zwei Jahre im Voraus, verteilt auf kleinere Teilmengen.
Erste Effekte der gestiegenen internationalen Energiepreise auf den Stromkundenpreis erwartet Vest in etwa einem halben Jahr. Die volle Wirkung könne in einem Jahr bei Kunden ankommen. Der Grund: Preiserhöhungen werden dem Geschäftsführer zufolge meist zum Jahreswechsel, gemeinsam mit den neuen Netzentgelten, angekündigt.
Auch wenn die Versorger vermehrt auf erneuerbare Energien setzten und teils viel Strom aus Wind- und Solarenergie im Netz sei, lasse sich der Strompreis nicht ganz vom Gas abkoppeln.
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Höhere Strompreise durch höhere Netzentgelte?
Neben dem Börsenstrompreis spielen auch Netzentgelte beim Kundenstrompreis eine Rolle. Sie machen rund ein Viertel der Rechnung aus. In diesem Jahr hat die Regierung die Netzentgelte mit 6,5 Milliarden Euro subventioniert. Für 2027 soll der Zuschuss auf 5,525 Milliarden Euro sinken. Das entsprechende Gesetz ist jedoch noch nicht verabschiedet. Bedeutet das, dass dieser Faktor den Strompreis ebenfalls ansteigen lässt?
Lichtblick teilte mit, dass sich bei den Netzentgelten "eine höhere Belastung" abzeichne. Und auch Vattenfall verwies auf "vermutlich steigende Netzentgelte", die der staatliche Zuschuss nicht ausgleichen werde.
Inzwischen haben die großen Übertragungsnetzbetreiber – 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW – Preiserhöhungen bekannt gegeben. Die Übertragungsnetzentgelte sollen von 2,86 auf 3,54 Cent pro Kilowattstunde steigen. Die Kosten werden an die Verteilnetzbetreiber weitergegeben; diese legen sie dann anteilig auf ihre Kunden um. Wie groß die Erhöhung der Netzentgelte dann ist, die bei den Verbrauchern ankommt, zeigt sich am 15. Oktober. Dann müssen die Verteilnetzbetreiber ihre Netzentgelte für das kommende Jahr bekanntgeben.
Dass die Erhöhung vielleicht geringer ausfallen könnte als befürchtet, deuten erste veröffentlichte Preisblätter örtlicher Verteilnetze an. Darin werden niedrigere Netzkosten aufgelistet. Laut dem Datendienstleister ene't könnte ein Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden mit rund einem Prozent Ersparnis rechnen. Bei den Zahlen handelt es sich jedoch nur um eine Momentaufnahme. Zudem hängt die Höhe der Netzentgelte auch vom Wohnort ab.
Für Neukunden bedeutet das, dass auf absehbare Zeit primär der Gaspreis den Strompreis bestimmen dürfte.
Was tun die Versorger gegen höhere Preise?
t-online hat die Versorger auch gefragt, was sie tun, um ihre Kunden weniger stark durch die neuen, hohen Marktpreise zu belasten. Für Lichtblick ist die Beschaffung ein wirkungsvoller Hebel. Man kaufe "gestaffelt und über längere Zeiträume ein, statt den gesamten Bedarf kurzfristig an der Börse zu decken". Darüber hinaus setze das Unternehmen auf Tarife mit teilweise langer Preisgarantie. Auch Vattenfall verweist auf Privatkundenverträge mit festen Preisen oder Preisgarantien. Dadurch schlügen kurzfristige Spitzen nicht unmittelbar durch.
Lichtblick, enercity, Vattenfall und die Stadtwerke München (SWM) gaben an, längerfristig weniger abhängig von fossilen Rohstoffimporten werden zu wollen. Als Optionen nennt Lichtblick den Ausbau eigener Erzeugungsanlagen und Speicher. Die SWM wollen die Versorgung zusätzlich durch interne Optimierungen und Digitalisierung "preiswert halten". Einige Versorger verweisen auf die Kunden selbst. Diese könnten ihre Rechnung auch selbst senken – mit dynamischen Tarifen und flexiblem Verbrauch, erklärt etwa Tibber. Wer eine Photovoltaikanlage auf dem Dach installiert und einen Batteriespeicher nutzt, spart zusätzlich. Bei den dynamischen Stromtarifen besteht jedoch die Gefahr einer sehr hohen Stromrechnung, wenn der Haushalt nicht flexibel genug ist.
Auch die Regierung hat inzwischen Maßnahmen angekündigt, die den Strompreis für alle senken werden. Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz will Berichten zufolge die Stromsteuer für alle auf das europäische Mindestmaß zu senken. Dies hatte Koalition bereits im Frühjahr 2025 zugesagt. Anschließend wurde sie jedoch nur für bestimmte Wirtschaftsbereiche gesenkt. Ob und wann die Stromsteuersenkung in Kraft tritt, ist aktuell noch nicht bekannt. Kommt es dazu, zahlen private Haushalte statt aktuell 2,05 Cent/kWh dann 1,00 Cent/kWh. Eine leichte Entlastung.
Experte Vest sieht durch die Maßnahme nur eine geringe Entlastung für Privathaushalte: "Eine Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß ist sicher sinnvoll und kann den Preisanstieg bremsen, aber nicht aufheben". Zwar wirke sie wie ein Dämpfer auf die Stromrechnung, löse aber nicht die grundlegenden Kostenprobleme. Dafür müsste Strom zum Beispiel stärker nach den tatsächlichen Kosten statt über die Energiebörsen beschafft werden. Vor allem ein effizienter, schneller Netzausbau und die beschleunigte Systemintegration von Speichersystemen seien wichtig, merkt der Experte an.
Und wenn Kunden nicht zahlen können?
Für Kunden, die ihre Rechnung nicht begleichen können, haben die Versorger verschiedene Angebote. E.ON bietet beispielsweise Ratenpläne und ein Zahlhilfeprogramm mit einem speziell geschulten Team an. Zudem können offene Beträge auch an den Kassen von Rewe, dm oder Penny beglichen werden.
Härtefonds gibt es hingegen bei enercity. Das Unternehmen betreibt diese seit 2011 zusammen mit den örtlichen Sozialbehörden für "unverschuldet in Not geratene" Kunden.