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Studie: Arbeitgeber fordern politische Konsequenzen – SPD will hohe Vermögen anzapfen

Nation

Die miserablen Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie haben Entsetzen in Politik und Wirtschaft ausgelöst. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) bezeichnete Deutschlands Abschneiden als „dramatisch“. „Was wir heute sehen, ist ohne Zweifel ein besorgniserregender Befund“, sagte Prien am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Das Thema Bildung müsse zu einer „Top-Priorität“ in Politik und Gesellschaft werden.

In der internationalen Schulleistungsstudie mit Daten von 2025, die am Dienstag von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris veröffentlicht wurde, sind die Ergebnisse von 15-Jährigen in Deutschland in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften „die niedrigsten, die je gemessen wurden“. An der Spitze des internationalen Bildungsvergleichs liegen erneut Singapur und vier chinesische Regionen.

Es sei „beunruhigend“, dass der Kompetenzrückgang bei Schülern in Deutschland „im Trend nach unten“ gehe, sagte Prien. Darüber hinaus sei es „außerordentlich beunruhigend“, dass „die soziale Schere weiter aufgeht und sich nicht schließt“, sagte Prien. Dass es „besonders große Kompetenzunterschiede zwischen Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten und aus privilegierten Familien“ gebe, sei „keine Neuigkeit“. Dass sich diese Schere weiter öffne, sei aber ein Befund, „der so nicht hinnehmbar ist“, führte die Ministerin aus.

Prien sieht vielfältige Ursachen

Die Ursachen für die Abwärtsentwicklung seien vielfältig, sagte Prien. Sie verwies auf „ein verändertes Erziehungsverhalten“, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und die Nutzung von Online-Diensten, die eine „große Rolle spielten“. Zudem habe sich das Einwanderungsland Deutschland „erst seit wenigen Jahren darauf eingestellt, uns auch wie ein Einwanderungsland zu verhalten“, führte die CDU-Ministerin aus.

Unter anderem forderte Prien mehr frühkindliche Förderung. Dies werde mit dem neuen Kita-Gesetz noch nicht „konsequent umgesetzt“. Zudem sei der Einsatz begrenzter Ressourcen dort nötig, „wo sie besonders gebraucht werden“. Prien verwies in dem Zusammenhang auf das von Bund und Ländern vor zwei Jahren auf den Weg gebrachte Startchancenprogramm, das jetzt zu wirken beginne. Zudem müsse es eine bessere Ausbildung und Fortbildung geben und eine engere Kooperation zwischen Schulen und Hilfesystemen, forderte die Ministerin.

Bildung müsse außerdem in der Familie einen „deutlich höheren Stellenwert“ haben, forderte Prien. Es sei etwa ein „riesiges Problem“, dass Eltern in Deutschland ihren Kindern deutlich weniger vorläsen als in anderen Ländern. Familien mäßen der Bildung ihrer Kinder in Deutschland oft einen geringeren Wert bei als in anderen OECD-Staaten. Dies sei sein „erschreckender Befund“, sagte Prien.

Das Deutsche Kinderhilfswerk verlangt nun einen stärkeren Fokus auf das Thema Bildungsgerechtigkeit. „In Deutschland hängen Bildungs- und Teilhabechancen weiterhin in erschreckend hohem Maße von der sozialen Herkunft ab“, betonte der Bundesgeschäftsführer des Hilfswerks, Holger Hofmann. „Das ist seit vielen Jahren bekannt, ohne dass wirksam entgegengesteuert wird.“

Kein Bildungssystem könne langfristig erfolgreich sein, ohne Chancengerechtigkeit sicherzustellen, fuhr Hofmann fort. Bund, Länder und Kommunen müssten hier entschlossenes politisches Handeln zeigen. Hofmann verwies auf Länder, die in der Studie erfolgreicher abschnitten und von denen Deutschland lernen müsse: Diese „stellen nicht nur hohe Erwartungen an Schülerinnen und Schüler und konzentrieren sich auf guten Unterricht“, sondern sie investierten vor allem in „Kinder und Schulen mit schwierigen Rahmenbedingungen“.

Die Bildungsgewerkschaft GEW erklärte angesichts der Ergebnisse die Bildungspolitik der vergangenen 25 Jahre für „gescheitert“. „Ein Vierteljahrhundert Pisa-Maßnahmen haben unterm Strich nichts gebracht“, erklärte Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze. Noch immer hänge der Bildungserfolg in Deutschland so stark vom Elternhaus ab wie in kaum einem anderen Land. Das sei ein „handfester Skandal“.

Die GEW forderte einen „Masterplan gegen Bildungsarmut und soziale Ungerechtigkeit“. Der Fokus müsse zudem stärker auf Inklusion, der individuellen Förderung von Kindern und jungen Menschen sowie auf den Themen Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz liegen.

SPD will an große Vermögen und Erbschaften heran

Die SPD brachte bereits erste Maßnahmen ins Spiel – vor allem einen höheren Beitrag Vermögender zur Bildungsfinanzierung. „Was für Schule, Ausbildung und Studium gilt, muss auch für den ersten Bildungsort gelten: Der Zugang darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen“, heißt es in einem Präsidiumsbeschluss, welcher der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vorliegt.

„Um die Länder zu stärken, die maßgeblich für Bildung zuständig sind, wollen wir millionenschwere Vermögen und sehr große Erbschaften stärker in die Verantwortung nehmen“, heißt es laut „NOZ“ in dem SPD-Beschluss weiter.

Das SPD-Präsidium bekräftigte in seinem Beschluss auch die Forderung nach Sprachtests vor dem Grundschulbesuch. „Kein Kind soll ohne die nötigen Grundfertigkeiten in die Schule starten – und keines die Grundschule verlassen, ohne ausreichend sprechen, zuhören, lesen, schreiben und rechnen zu können“, heißt es darin.

In dem Beschluss fordert die SPD auch eine „schrittweise Gebührenfreiheit“ für Kindertagesstätten. „Bildung beginnt schon bei den ganz Kleinen“, sagte SPD-Ko-Chefin und Bundessozialministerin Bärbel Bas der „NOZ“. Gebührenfreiheit sei Bildungspolitik und Kitas seien der erste Bildungsort. „Deshalb müssen wir jetzt gemeinsam in gute Kitas investieren, in mehr Plätze, bessere Qualität und schrittweise Gebührenfreiheit.“

Bund, Länder und Kommunen müssten dafür dauerhaft Verantwortung übernehmen, betonte Bas. „Und wo zusätzliches Geld für Bildung gebraucht wird, müssen millionenschwere Vermögen stärker zum Gemeinwohl beitragen.“ Gebührenfreie Kitas öffneten allen Kindern den Zugang zu früher Bildung und gäben ihnen Rückenwind für ihren weiteren Bildungsweg, sagte die Parteivorsitzende.

Lehrer: Mentale Gesundheit entscheidend für Schulleistungen

Der im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Lehrkräftepreis ausgezeichnete Lehrer Jotam Felmy sagte der Deutschen Presse-Agentur zu den schlechten Ergebnissen, viel habe mit mentaler Gesundheit zu tun. Felmy unterrichtet an der Gustav-Heinemann-Oberschule in Berlin Philosophie, Deutsch und Ethik.

„Man merkt, dass die Jugendlichen in Deutschland leiden“, sagt er – unter Leistungsdruck und Problemen im häuslichen Umfeld etwa. Viele Schüler seien psychisch belastet, „natürlich merken die auch, dass sie nicht die erwartete Leistung zeigen“, sagt Felmy. Schulische Leistungen und mentale Gesundheit seien zwei Seiten einer Medaille: „Wer innerlich leidet, kann kaum gute Leistungen erbringen. Wer schlechte Leistungen erbringt, leidet oft darunter.“

Felmy plädiert dafür, dass die Förderung der mentalen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern schulische Aufgabe werde. Die Schule sei mittlerweile der Ort, an dem Schülerinnen und Schüler die meiste Zeit des Tages verbringen. Daher müsse auch die Schule den Auftrag haben, die mentale Gesundheit zu fördern, um damit die Voraussetzungen für bessere Leistungen zu schaffen.

Dulger: Bildung ist Kernaufgabe des Staates

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger forderte ebenfalls politische Konsequenzen. „Wir müssen Bildung vom Ergebnis her denken: Jedes Kind muss die Schule mit dem Rüstzeug für Ausbildung, Studium und Beruf verlassen“, erklärte Dulger.

„Bildung ist eine Kernaufgabe des Staates“, stellte Dulger klar. Nötig seien konkret „verbindlichere Bildungsstandards, regelmäßige Lernstandserhebungen und gezielte Unterstützung für Schulen mit besonders großen Herausforderungen“. Lehrkräfte bräuchten zudem eine Ausbildung, die sie besser auf den Schulalltag vorbereite, und Schulen eine moderne Ausstattung.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) betonte, die jüngsten Pisa-Ergebnisse bestätigten, „was die Ausbildungsbetriebe des Handwerks seit Jahren erleben: Zu viele junge Menschen verlassen die Schule ohne die Grundkompetenzen, die für eine gelingende Ausbildung nötig sind“. Neben einer besseren und flächendeckenden Berufsorientierung an allen Schulformen komme es nun vor allem darauf an, die Grundkompetenzen der jungen Menschen zu verbessern, forderte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. Dazu seien etwa flächendeckend Diagnosesysteme in den Schulen nötig.

Ifo-Institut warnt vor wirtschaftlichen Folgen

Das Münchner Ifo-Institut warnte vor den wirtschaftlichen Folgen fehlender Grundkompetenzen – die Pisa-Ergebnisse müssten daher zu einem „Umdenken in der Bildungspolitik führen“. Die Vermittlung der Basiskompetenzen müsse „höchste Priorität haben“, forderte der Leiter des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, Ludger Wößmann. Andernfalls gingen der deutschen Volkswirtschaft „Billionenbeträge verloren“.

Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck hält nun Einschränkungen bei der Nutzung sozialer Medien für überfällig. „Wie viel wissenschaftliche Evidenz brauchen wir eigentlich noch, bevor wir handeln?“, sagte der CDU-Politiker. „Es geht nicht darum, Kindern den Zugang zu sozialen Medien komplett zu verbieten. Es geht darum, sie vor ungeeigneten Inhalten, manipulativen Mechanismen, problematischem Konsumverhalten und einer Nutzung in schädlichem Ausmaß zu schützen.“

„Aktuelle Studien zeigen, dass ein früher und problematischer Social-Media-Konsum die schulische Leistung messbar beeinträchtigt“, sagte Streeck. „Mich beunruhigt vor allem, dass Kinder, die bereits mit elf oder zwölf Jahren soziale Medien nutzen, in Mathematik und Sprachen später bis zu einem halben Schuljahr zurückliegen. Ein halbes Schuljahr, verloren, bevor diese Kinder überhaupt in die Pubertät kommen.“

Die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, Anna Stolz, sieht derweil die Grundlagen für eine Trendumkehr bereits gelegt. „Wir fangen nicht bei null an – im Gegenteil: Die Länder haben bereits wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht“, kommentierte Stolz die Ergebnisse. „Wir stärken die Basiskompetenzen, setzen früher und gezielter bei der Förderung an und entwickeln die Qualität unseres Unterrichts datengestützt weiter.“

Stolz, die zugleich bayerische Kultusministerin ist, betonte: „Die Ergebnisse von Pisa 2025 sind inakzeptabel, kommen nach den vergangenen Bildungsstudien aber nicht überraschend.“ Entscheidend sei es jetzt, den eingeschlagenen Weg mit aller Kraft fortzuführen, die Wirkung der Maßnahmen genau in den Blick zu nehmen und erfolgreiche Ansätze in die Breite zu bringen. „Eine nachhaltige Trendumkehr braucht genau dieses konsequente Handeln und auch einen langen Atem, bis getroffene Maßnahmen ihre Wirkung in der Fläche erzielen.“ (AFP/dpa)

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