Studie könnte "beängstigende" Lücke schließen
Lange galten die Eierstöcke nach der Menopause als biologisch nutzlos. Doch eine neue Studie zeichnet ein völlig anderes Bild: Das Organ wandelt sich demnach zu einer Art Immunzentrale um – mit möglichen Folgen für die Gesundheit von Millionen Frauen. Die Eierstöcke gehören zu den Organen, die am stärksten mit der Fortpflanzung verknüpft sind. Frauen kommen mit rund ein bis zwei Millionen unreifen Eizellen auf die Welt, von denen im Laufe des Lebens lediglich 400 bis 500 heranreifen. Ist dieser Vorrat erschöpft – typischerweise um das 50. Lebensjahr herum –, setzt die Menopause ein. Danach, so die bisherige Lehrmeinung, sind die Ovarien im Grunde funktionslos: ein schrumpfendes Überbleibsel ohne nennenswerte biologische Aufgabe. Diese Vorstellung gerät nun ins Wanken. Ein Forschungsteam um die Reproduktionsbiologin Francesca Duncan von der Northwestern University in Chicago hat Hinweise darauf gefunden, dass die Eierstöcke nach dem Ende der fruchtbaren Phase keineswegs verstummen – sondern sich regelrecht neu erfinden. Vom Fortpflanzungsorgan zur Immunzentrale Die Ergebnisse der Studie, die im Fachjournal "Molecular Human Reproduction" erschienen ist, basieren auf Untersuchungen an Mäusen. Das Team um Erstautorin Aubrey Converse entnahm Eierstöcke von Tieren dreier Altersgruppen: junge Mäuse (zwei Monate alt), reproduktiv gealterte Tiere (18 Monate) und postreproduktive Mäuse (24 Monate). Jeweils ein Eierstock in den drei Gruppen wurde histologisch analysiert, der andere einer RNA-Sequenzierung unterzogen, um die Genaktivität zu erfassen. Wenig überraschend zeigte sich, dass Marker für Eizellreifung und Hormonproduktion mit dem Alter deutlich zurückgingen. Die Organe älterer Tiere waren zudem stärker fibrosiert – Bindegewebe und Kollagen hatten die Follikel ersetzt. Doch damit nicht genug: In diesen Eierstöcken fanden die Forschenden einen massiven Zustrom von Immunzellen – T-Zellen, Makrophagen und mehrkernige Riesenzellen hatten das Gewebe regelrecht durchsetzt, wie "ScienceAlert" berichtet. Gleichzeitig waren in den älteren Eierstöcken Gene, die entzündungsfördernde Botenstoffe bilden, deutlich aktiver als in jüngeren. Die Analyse zeigte eine klare Verschiebung: weg von der Fortpflanzung und hin zu einer stärkeren Aktivität des Immunsystems. Auch menschliche Eierstöcke verändern sich nach der Menopause Die Studie an Mäusen wurde durch Untersuchungen an menschlichem Gewebe ergänzt. Duncan und ihr Team analysierten Eierstöcke von Frauen nach den Wechseljahren im Alter zwischen 50 und 75 Jahren, die aus medizinischen Gründen entfernt worden waren. Die bislang noch nicht von unabhängigen Fachleuten geprüften Ergebnisse – veröffentlicht als sogenanntes Preprint – deuten ebenfalls darauf hin, dass sich die Eiweißproduktion im Eierstock mit zunehmendem Alter verändert. Für Duncan war das ein Schlüsselmoment: Wenn das Organ tatsächlich nach der Menopause keine Funktion mehr hätte, dürften sich zwischen den verschiedenen Altersgruppen keine Unterschiede zeigen. "Das hat uns verdeutlicht, dass mit diesem Organ etwas anderes vor sich geht", so die Forscherin. Was bedeutet das für die Gesundheit von Frauen? Die Tragweite der Entdeckung könnte erheblich sein. Denn wenn die Eierstöcke nach der Menopause tatsächlich als eine Art Immunorgan fungieren und entzündungsfördernde Signale in den Blutkreislauf abgeben, hat das möglicherweise Auswirkungen auf den gesamten Körper. Duncan formuliert folgende Hypothese: Die chronische Entzündung, die von den Eierstöcken nach der Menopause ausgehen könnte, liefere womöglich eine Erklärung dafür, warum Frauen im Alter häufiger gesundheitliche Probleme entwickeln als Männer – obwohl sie statistisch gesehen länger leben. Frauen verbringen knapp die Hälfte ihres Lebens im postmenopausalen Zustand – ein langer Zeitraum, in dem ein solcher Mechanismus Wirkung entfalten könnte. Auch für Frauen, denen die Eierstöcke operativ entfernt werden, könnten die Erkenntnisse relevant sein: Wird mit dem Organ möglicherweise auch eine immunologische Funktion beseitigt, deren Bedeutung bislang unterschätzt wurde? Offene Fragen und Grenzen der Studie Trotz der vielversprechenden Befunde mahnen die Forschenden zur Zurückhaltung. Das Maus-Modell hat Grenzen: Anders als beim Menschen fehlt bei Mäusen der charakteristische starke Östrogenabfall in der Menopause. Zudem kann die verwendete Methode der sogenannten Bulk-RNA-Sequenzierung zwar zeigen, welche Gene aktiv sind – nicht aber, aus welchen Zellen die Signale genau stammen. Ob die gealterten Eierstöcke also tatsächlich aktiv Immunsignale aussenden oder lediglich als eine Art Sammelbecken für einwandernde Immunzellen dienen, bleibt vorerst offen. Die Gerontologin Bérénice Benayoun von der University of Southern California, die nicht an der Studie beteiligt war, bezeichnete die Arbeit laut dem Fachjournal "Science" dennoch als bedeutsam: Die Forschung verschiebe die Sichtweise "vom postreproduktiven Eierstock als nutzlosem, leerem Gehäuse hin zu etwas mit einer potenziell neuen Funktion". Empfehlungen der Redaktion Kommt jetzt die Abnehmpille? Wer das "Wundermittel" Ashwagandha auf keinen Fall nehmen sollte Anzeichen von Frühdemenz: Wann wird es verdächtig? Duncan selbst sieht in den Ergebnissen vor allem einen Auftrag an die Wissenschaft. Die Wissenslücke über die Biologie der Eierstöcke nach der Menopause sei "ein bisschen beängstigend", sagte sie gegenüber "Science". "Wir sind es der Gesundheit von Frauen wirklich schuldig, diesen Zeitraum zu untersuchen." Sollten weitere Studien die Ergebnisse beim Menschen bestätigen, könnten sie den Weg für neue Behandlungen ebnen. Diese würden darauf abzielen, Entzündungen in den Eierstöcken zu reduzieren und damit die Gesundheit nach den Wechseljahren zu fördern. (red)