Studie: Krebs ist mit erhöhtem Risiko für Schlaganfälle verbunden
Bei Krebs: Lebensbedrohliche Folgen möglich
Das Risiko besteht in den Monaten nach der Diagnose
Von Lydia Klöckner
09.09.2026 - 10:58 UhrLesedauer: 3 Min.
Eine große Studie aus Israel zeigt: Krebs geht mit einem deutlich erhöhten Risiko für Schlaganfälle einher – zumindest bei bestimmten Krebsarten.
Krebs und Schlaganfall können tödlich enden oder bleibende Beschwerden und Beeinträchtigungen nach sich ziehen – erst recht, wenn sie zusammen auftreten. Das kommt nicht selten vor: Schätzungen zufolge treten etwa 10 Prozent aller Schlaganfälle bei Menschen auf, die an Krebs erkrankt sind.
Studien legen nahe, dass Krebspatienten ein erhöhtes Schlaganfallrisiko haben. Eine neue Untersuchung aus Israel bestätigt das. Sie zeigt: Besonders hoch ist das Risiko in den ersten Monaten nach der Diagnose – und bei bestimmten Krebsarten.
Anzeichen bei Frauen und Männern: Welche Symptome bei Schlaganfall typisch sind
Keine Zeit verlieren: Schlaganfall erkennen und behandeln
Hinweis
Die Studie untersuchte ausschließlich erste ischämische Schlaganfälle. Dabei wird ein Blutgefäß im Gehirn verschlossen, meist durch ein Gerinnsel. Aus Gründen der Lesbarkeit ist im Artikel verkürzt von "Schlaganfall" die Rede. Gemeint ist damit jeweils ein erster ischämischer Schlaganfall.
Das Forschungsteam verknüpfte Daten aus zwei landesweiten Registern in Israel, nämlich dem Krebs- und dem Schlaganfallregister. Indem die Forscher die Angaben beider Datenbanken zusammenführten, konnten sie untersuchen, wie häufig Menschen nach einer Krebsdiagnose erstmals einen Schlaganfall bekamen.
In die Auswertung flossen Daten von 182.221 Erwachsenen ab 40 Jahren ein, bei denen zwischen 2014 und 2021 erstmals Krebs festgestellt worden war. Berücksichtigt wurden nur bösartige Krebserkrankungen. Gutartige Tumoren und sehr frühe, noch nicht in das umliegende Gewebe eingewachsene Krebsformen waren ausgeschlossen.
80 Prozent mehr Schlaganfälle als erwartet
Die Wissenschaftler konzentrierten sich in der Analyse auf das Jahr nach der Krebsdiagnose. Dabei stellten sie fest: In diesem Zeitraum bekamen 62 von 10.000 Patienten einen ersten ischämischen Schlaganfall. Nach den üblichen Schlaganfallzahlen in der Bevölkerung wären etwa 40 Fälle zu erwarten gewesen. Besonders hoch war das Risiko in den ersten drei Monaten.
Deutlich war der Anstieg vor allem unmittelbar nach der Diagnose. In den ersten drei Monaten war die Schlaganfallrate 2,5-mal so hoch wie erwartet. Danach ging sie zurück.
Studienautorin Carmit Libruder deutet die Befunde als Hinweis darauf, dass die Zeit unmittelbar nach einer Krebsdiagnose genau beobachtet werden sollte. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die ersten Monate nach einer Krebsdiagnose ein kritisches Zeitfenster mit erhöhtem Schlaganfallrisiko sind", sagt die Wissenschaftlerin.
Die starken Unterschiede zwischen den Krebsarten – insbesondere das hohe Risiko bei Bauchspeicheldrüsen- und Lungenkrebs – unterstreichen ihrer Ansicht nach, wie wichtig es ist, Patienten zu identifizieren, die von einer genaueren Überwachung ihres Schlaganfallrisikos profitieren könnten.
Bei diesen Krebsarten war das Risiko deutlich erhöht
Je weiter der Krebs fortgeschritten war, desto stärker stieg das Schlaganfallrisiko. Bei Patienten, deren Krebs bereits Metastasen gebildet hatte, traten fast dreimal so viele Schlaganfälle auf, wie zu erwarten gewesen wäre. (Allerdings ist diese Zahl mit Vorsicht zu betrachten: Bei fast jedem zweiten Patienten fehlte die Angabe zum Krebsstadium.)
Einen Einfluss scheint zudem die Krebsart zu haben. Am höchsten war das Risiko bei Bauchspeicheldrüsenkrebs: Hier traten 5,9-mal so viele Schlaganfälle auf wie erwartet. 162 von 10.000 Patienten erlitten innerhalb eines Jahres nach der Diagnose einen Schlaganfall.
Bei Magen- und Blasenkrebs lag das Risiko etwa zwei- bis dreimal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Bei Brust- und Prostatakrebs hingegen erwies sich das Risiko innerhalb des ersten Jahres nach der Diagnose nicht als erhöht. Das bedeutet nicht, dass Betroffene grundsätzlich keinen Schlaganfall bekommen können. In dieser Untersuchung traten Schlaganfälle bei ihnen jedoch nicht häufiger auf, als es nach den üblichen Schlaganfallzahlen in der Bevölkerung zu erwarten gewesen wäre.
Warum könnte Krebs das Schlaganfallrisiko erhöhen?
Die Studie beschreibt einen Zusammenhang. Sie beweist nicht, dass Krebs Schlaganfälle verursacht oder begünstigt. Denkbar ist auch, dass sich Menschen mit Krebs und die allgemeine Bevölkerung in weiteren Merkmalen unterscheiden, die das Schlaganfallrisiko beeinflussen.
Doch angenommen, Krebs erhöht tatsächlich die Schlaganfallgefahr: Woran könnte das liegen? Eine Antwort liefert die Studie nicht. Die Autoren nennen jedoch mehrere mögliche Erklärungen. Eine wichtige Rolle könnte die Blutgerinnung spielen.
Das sind die Top-Fragen des Tages:
Manche Tumoren können den Körper in einen Zustand versetzen, in dem das Blut leichter gerinnt. Mediziner sprechen von einer erhöhten Gerinnungsneigung. Bildet sich dann ein Gerinnsel und verschließt ein Gefäß, kann daraus ein ischämischer Schlaganfall entstehen. Besonders Bauchspeicheldrüsenkrebs gilt als Krebsart, die die Blutgerinnung stark anregen kann. Auch Entzündungsreaktionen im Körper könnten dazu beitragen.
Was bedeutet das für Menschen mit Krebs?
Für Betroffene und ihre Angehörigen können die Ergebnisse ein Grund sein, in den ersten Monaten nach der Diagnose besonders aufmerksam auf mögliche Anzeichen für einen Schlaganfall zu achten. Dazu gehören
plötzlich auftretende Lähmungen oder Taubheitsgefühle, meist auf einer Körperseite,
Sprach- oder Sehstörungen,
Schwindel und
starke Kopfschmerzen.
Patienten mit Krebsarten, die in der Studie mit einem besonders hohen Risiko verbunden waren – etwa Bauchspeicheldrüsen- oder Lungenkrebs –, könnten zudem im Gespräch mit ihrem behandelnden Arzt erfragen, ob zusätzliche Maßnahmen zur Schlaganfallvorbeugung für sie sinnvoll wären. Das gilt besonders, wenn weitere Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder bekannte Gefäßerkrankungen vorliegen.
Verwendete Quellen
Online-Informationen von AMBOSS: www.amboss.com (Abrufdatum: 9.9.2026), kostenpflichtig
"Is stroke risk higher after a cancer diagnosis?". Pressemitteilung von Wiley: www.eurekalert.org (Stand: 8.9.2026)
Libruder, C., et al.: "Elevated risk of ischemic stroke after invasive cancer diagnosis: A nationwide population-based study". Cancer, Vol. 132, Iss. 18, Art.-No. e70536 (September 2026)
Transparenzhinweis
Die Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung und dürfen daher nicht zur Selbsttherapie verwendet werden.
Quellen anzeigen