Studie, neue Negativrekorde: Die Bildungsrepublik Deutschland steht so schlecht wie nie da
Die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland haben bei der internationalen Pisa-Studie so schwach wie nie zuvor abgeschnitten.
„Bei Betrachtung eines längeren Zeitraums sind die Ergebnisse in allen drei Erhebungsbereichen die niedrigsten, die jemals im Rahmen von Pisa in Deutschland gemessen wurden, und verstärken einen negativen Trend, der sich über das gesamte vorangegangene Jahrzehnt erstreckt“, heißt es in der Analyse für Deutschland. Die neue Ausgabe der weltweit größten Bildungsstudie wurde am Dienstagvormittag veröffentlicht.
Getestet wurde für „Pisa 2025“, benannt nach dem Jahr, in dem Schülerinnen und Schülern die Aufgaben gestellt wurden, vor allem naturwissenschaftliche Kompetenz. Dazu kamen Aufgaben in muttersprachlichem Leseverständnis, Mathematik sowie zu einem Themenblock „Lernen in der digitalen Welt“.
Bei der Pisa-Studie führen Länder aus Asien
Außerdem wurden die kommunikativen Kompetenzen junger Menschen in Englisch untersucht. Danach, wie es ihnen an ihrer Schule geht, auch nach Mobbing, Zugehörigkeitsgefühl, Stress und dergleichen, wurden die Schüler befragt. Die Pisa-Studien werden seit 2001 von der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) erstellt.
Schüler aus den chinesischen Verwaltungsgebieten Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang belegten den ersten Platz und erreichten im Durchschnitt 597 Punkte. Das sind mehr als 100 Punkte mehr als der OECD-Durchschnitt (482 Punkte) – gefolgt von Singapur (560), Macau (China) (541), Taiwan (540) und Japan (538).
Schüler auf diesem Niveau seien, heißt es im Pisa-Bericht „in der Lage, sich mit anspruchsvollen naturwissenschaftlichen Konzepten auseinanderzusetzen, Aussagen zu bewerten, Fehler zu erkennen und Schwachstellen in wissenschaftlichen Argumentationen aufzudecken, wodurch sie auf einige der Spitzenberufe der Zukunft vorbereitet sind“.
Deutschland liegt nun in den Bereichen Lesen und Naturwissenschaften nur noch knapp über dem Mittelwert der OECD-Länder, in Mathematik sogar darunter – und jeweils weit abgeschlagen hinter Nicht-OECD-Staaten wie China, Taiwan und Singapur.
Relativiert wird das Abrutschen der 15-Jährigen aus deutschen Schulen dadurch, dass weltweit in sehr vielen Staaten Schülerinnen und Schüler niedrigere Kompetenzniveaus als in den letzten, 2023 veröffentlichten Ergebnissen, erreichen. Diese Gesamttendenz wird vor allem den Begleit- und Folgeerscheinungen der Corona-Pandemie sowie den anderen internationalen Krisen und Konflikten und deren Folgen zugeschrieben.
Im Kernbereich Naturwissenschaften sind aber nicht nur die gemessenen Kompetenzniveaus der Schülerinnen und Schüler aus Deutschland gesunken. Auch im Gesamtranking ging es nach unten, wenn auch nur einen Platz.
Dass es auch anders geht, zeigt etwa die Türkei, die 15 Plätze aufgeholt – und Deutschland klar überholt – hat. Bei der Lesekompetenz ging es für Deutschland zwei Plätze runter, in Mathematik einen. Das bedeutet: Deutschland ist in allen Pisa-Hauptbereichen schlechter geworden, sowohl in den gemessenen Absolutwerten als auch im internationalen Vergleich.
„Die Jugendlichen in Deutschland stehen so schlecht da wie noch nie seit der ersten Pisa-Studie 2000, wenn es darum geht, ihr Wissen und ihr Können im Alltag anzuwenden.“ So formuliert es Samuel Greiff, der deutsche Pisa-Projektleiter von der TU München, im Gespräch mit dem Tagesspiegel.
Also auch schlechter als nach der ersten Pisa-Studie, die seinerzeit den gleichnamigen „Schock“ auslöste. Greiff sieht Anlass, alarmiert zu sein: „Wir haben immer mehr 15-Jährige, denen selbst grundlegende Fähigkeiten fehlen. Da geht es dann nicht um komplexe Goethe- oder Shakespeare-Gedichtinterpretationen oder um Integralrechnung, sondern um die Basiskompetenzen, die man braucht, um das alltägliche Leben bewältigen zu können.“ Dieses Niveau verfehle in Lesen und Mathematik jeder dritte Jugendliche, in den Naturwissenschaften jeder vierte.
Zu den Ergebnissen der Studie zählt auch, dass Deutschland mit seiner Abstufung von Hauptschule bis Gymnasium eines der Länder mit der ausgeprägtesten Bildungsungleichheit ist. Hier machten „Unterschiede zwischen den Schulen mindestens 50 Prozent der gesamten Leistungsschwankungen aus“. So formuliert es Pisa-Chefforscher Andreas Schleicher, bei der OECD „Director for Education and Skills“, in einem Dokument namens „PISA 2025: Insights and Interpretations“.
Dagegen gebe es „beispielsweise in Island, Kambodscha und Finnland nur sehr geringe Leistungsunterschiede zwischen den Schulen“. Hier machten Unterschiede auf Schulebene weniger als zehn Prozent der Gesamtvariation bei den Leistungen aus. Das bedeute, so Schleicher, „dass die Schulen eine breite Mischung von Schülern aus dem gesamten Leistungsspektrum aufnehmen“.
Bildungsungleichheit wurde Deutschland schon in der ersten Studie vor 25 Jahren als wichtiges Problem attestiert. Ein Lichtblick in diesem Zusammenhang ist vielleicht, dass die befragten 15-Jährigen im internationalen Vergleich und über alle Schulformen hinweg sich an deutschen Schulen vergleichsweise wenig gelangweilt fühlen. Ein Grund dafür könnte sein, dass sie im Mittel häufig auf Schulen gehen, die ihrem jeweiligen Potenzial entsprechen.
Dagegen antworten 15-Jährige aus Deutschland auf die Frage, ob sie sich an ihrer Schule wohl und zugehörig fühlen, messbar häufiger mit „nein“ als der OECD‑Durchschnitt. Und ein Drittel bezeichnet die bisherige Schulzeit als „Zeitverschwendung“. Noch mehr sind es nur in vier anderen Ländern, Ruanda etwa.
Auch bei der Fähigkeit, einzuschätzen, ob eine Quelle oder Aussage als zuverlässig und glaubhaft angesehen werden kann oder nicht, lagen deutsche 15-Jährige deutlich unter dem Schnitt.
Die sinkenden Ergebnisse in Deutschland sind für Francesco Avvisati, Co-Autor der Studie bei der OECD, nur ein Symptom. „Die eigentliche Nachricht sind nicht die verlorenen Punkte. Die eigentliche Nachricht ist, was hinter ihnen steckt“, sagte er. Besonders alarmierend sei der Abwärtstrend beim Lesen: „Junge Leute lassen sich leichter in die Irre führen, weil sie zu hastig lesen. Sie überfliegen, statt zu verstehen. Sie antworten schnell, aber falsch.“ In einer Welt voller Desinformation sei sorgfältiges Lesen keine schulische Nebensache mehr. Doch das Problem reiche tiefer. Immer weniger Jugendliche gäben an, wissen zu wollen, wie Dinge funktionieren und immer mehr räumten ein, Angefangenes nicht zu Ende zu bringen.
Avvisati verwies während einer Pressekonferenz auch auf gestörten Unterricht in Deutschland, wo rund ein Drittel der Befragten von Lärm und Unruhe berichte, aber auch auf den Rückzug der Eltern: „Bildung braucht Aufmerksamkeit. Sie braucht das Gefühl, dass das Lernen eines jungen Menschen auch für andere wichtig ist.“
Hinzu komme der digitale Wandel, eine Verschiebung „vom Schaffen zum Konsumieren, vom Produzieren zum Scrollen“. Über dreißig Prozent der Schülerinnen und Schüler nutzten bereits KI, um Hausaufgabentexte erstellen zu lassen. Avvisatis Bild dafür: „Man wird nicht fit, wenn man beim Sport nur zuschaut.“ Am Ende gehe es darum, junge Menschen und ihre Bildung wieder in den Mittelpunkt zu stellen: „Wenn uns das gelingt, dann folgen auch die Leistungen.“
Für Olaf Köller, Chef des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Uni Kiel und ehemaliger Direktor des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), ist das Naheliegende – viel Migration seit 2015 und die Pandemie – nur ein Teil der Erklärung. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel nennt er deutsche Lehrpläne und viele der verbreiteten pädagogischen Konzepte „verhaftet im 20. Jahrhundert“. Es gelinge immer weniger, in der Schule an die „Lebenswelten der Jugendlichen anzudocken“, ihnen zu vermitteln, dass das, was sie lernen sollen, etwas „mit ihnen zu tun hat“.
Ein ähnliches Problem gebe es bei der Aus- und ‑Fortbildung der Pädagogen. Köller plädiert zudem für mehr Nutzung neuer Medien und mehr an Alltagsprobleme angebundenen, fächerübergreifenden Unterricht.
Konsequent weiterverfolgt könne das aber in ein paar Jahren schon anders aussehen. Wichtig, und bei weitem nicht überall umgesetzt, sei aber bei diesen und anderen Programmen vor allem, dass sie intensiv begleitet, und ihr Erfolg oder Misserfolg evaluiert würden. Weitere müssten Schritt für Schritt hinzukommen und langfristig verfolgt, begleitet und nicht nach jedem Regierungswechsel wieder infrage gestellt werden.
Ohne eine Grundvoraussetzung, sagt Köller, sei aber alles andere wenig wert: sprachliche Kompetenz. Kinder müssten schlicht Deutsch können. Hier liege das große Problem, etwa „für die jungen Zugewanderten, insbesondere aus dem arabischen und dem afrikanischen Raum“, sagt Köller. Sie seien „fast eine verlorene Generation“.