Studie zeigt überraschenden Effekt von Koffein
Kaffee am Morgen, Tee am Nachmittag – für viele sieht so der Alltag aus. In der ADHS-Forschung stehen dabei zwei Inhaltsstoffe zunehmend im Fokus: Eine neue Studie zeigt vielversprechende Ergebnisse zur Wirkung von Koffein und L-Theanin auf die Aufmerksamkeit von Jugendlichen mit ADHS. Kaffee und Tee enthalten verschiedene natürliche Inhaltsstoffe, die unterschiedliche Wirkungen auf den Körper und das Gehirn haben können. Von ihnen stehen Koffein und L-Theanin im Mittelpunkt der ADHS-Forschung, wie eine Fachzeitschrift und die krankheitsspezifische ADHSpedia unterstreichen. Koffein ist vorwiegend für seine anregende Wirkung bekannt. Bei ADHS sind unter anderem die Prozesse verändert, die Aufmerksamkeit, Motivation und Impulskontrolle steuern. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin. Das geht aus einer Zusammenfassung mehrerer Studien zur kognitiven Wirkung von Koffein und L-Theanin hervor, die als Review (Übersichtsarbeit) in der medizinischen Fachzeitschrift Cureus veröffentlicht wurde. Die Autoren kommen darin zu dem Schluss, dass beide Stoffe – einzeln und besonders in Kombination – Aufmerksamkeit und kognitive Leistung verbessern können und ein möglicher Ansatz bei ADHS-bedingten Konzentrationsschwächen sein könnten. Welche Inhaltsstoffe aus Kaffee und Tee sind für die ADHS-Forschung interessant? Weil Koffein ebenfalls auf das Nervensystem wirkt, wird seit Langem untersucht, ob und wie es bestimmte Aufmerksamkeitsprozesse beeinflussen kann. L-Theanin hingegen kommt laut Cureus-Review fast ausschließlich in Teeblättern vor, insbesondere in grünem Tee. Dem natürlichen Pflanzenstoff wird nachgesagt, eine ruhige, konzentrierte Aufmerksamkeit zu fördern. Während Koffein eher aktivierend wirkt, könnte L-Theanin dazu beitragen, dessen Wirkung auszugleichen und eine entspanntere Form der Wachheit zu unterstützen. Deshalb interessiert sich die Forschung besonders für das Zusammenspiel beider Stoffe. Die Annahme ist, dass Koffein die geistige Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeit fördern könnte, während L-Theanin möglicherweise für eine gleichmäßigere Konzentration sorgt, ohne die innere Unruhe zu verstärken. Aus den bisherigen Erkenntnissen lässt sich allerdings keine Empfehlung ableiten, Kaffee oder Tee gezielt zur Behandlung von ADHS einzusetzen. Ziel der Forschung ist vielmehr, besser zu verstehen, wie einzelne natürliche Pflanzenstoffe bestimmte Prozesse im Gehirn beeinflussen können. Was zeigt die neue Studie mit Jugendlichen? Eine aktuelle Cross-over-Studie, deren Ergebnisse in der renommierten Fachzeitschrift Nutritional Neuroscience veröffentlicht wurden, untersuchte die Wirkung einer Kombination aus L-Theanin und Koffein bei Jugendlichen mit ADHS. Dabei nahmen 21 Teilnehmer im Alter von 10 bis 19 Jahren an verschiedenen Testdurchläufen teil. Verglichen wurden die Kombination aus L-Theanin und Koffein, ein Placebo sowie Methylphenidat als Vergleichssubstanz. Während der Studie absolvierten die Jugendlichen mehrere Aufgaben, bei denen ihre selektive Aufmerksamkeit geprüft wurde. Dabei ging es darum, relevante Informationen zu erkennen und unwichtige Reize möglichst gut auszublenden. Zusätzlich wurden mit einer EEG-Messung bestimmte elektrische Aktivitäten des Gehirns untersucht, die mit Aufmerksamkeitsprozessen zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kombination aus L-Theanin und Koffein im Vergleich zum Placebo die Zahl sogenannter Fehlalarme reduzieren konnte: Die Teilnehmer reagierten seltener auf falsche Reize. Außerdem zeigte sich eine stabilere Reaktionsgeschwindigkeit während der Aufgaben. Bestimmte EEG-Messwerte deuteten zudem darauf hin, dass die Verarbeitung relevanter Informationen im Gehirn beeinflusst wurde. Trotz der interessanten Ergebnisse gibt es wichtige Einschränkungen: Die Teilnehmerzahl war klein, auch wurde nur eine kurzfristige Wirkung untersucht. Ferner entsprach die verwendete Kombination einer genau berechneten Dosierung pro Körpergewicht und war nicht mit einer normalen Tasse Kaffee oder Tee vergleichbar: Die untersuchte Menge lag bei etwa 2,5 Milligramm L-Theanin und 2 Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht. In einer normalen Tasse Kaffee oder Tee sind diese Mengen in der Regel deutlich niedriger. Der tatsächliche Gehalt an Koffein und L-Theanin hängt unter anderem auch von der Sorte, der Zubereitung und der Menge des Getränks ab, weshalb sich die Studienergebnisse nicht einfach so auf den Alltag übertragen lassen. Was bedeuten die Ergebnisse für den Alltag? Die Forschung zeigt, dass bestimmte Inhaltsstoffe aus Kaffee und Tee möglicherweise Einfluss auf Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit haben können. Trotzdem sollten diese Ergebnisse nicht dazu führen, ADHS eigenständig mit Kaffee, Tee oder Nahrungsergänzungsmitteln behandeln zu wollen. Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, ist eine anerkannte neurobiologische Entwicklungsstörung, die sich unter anderem durch Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und teilweise auch durch starke innere oder äußere Unruhe zeigen kann. Eine Diagnose erfolgt durch Fachleute und basiert nicht auf einzelnen Beobachtungen oder Selbsttests. Bei einer Behandlung kommen verschiedene Ansätze infrage. Dazu gehören beispielsweise verhaltenstherapeutische Maßnahmen, Unterstützung im Alltag und Medikamente. Zugelassene ADHS-Medikamente wurden in zahlreichen Studien untersucht und werden gezielt eingesetzt, während Kaffee- oder Tee-Inhaltsstoffe bislang keine vergleichbare wissenschaftliche Grundlage besitzen. Wie auch das Bundesinstitut für Risikobewertung berichtet, kann Koffein zudem Nebenwirkungen verursachen. Dazu gehören unter anderem Nervosität, Herzklopfen, Schlafprobleme oder eine verstärkte Unruhe. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist ein vorsichtiger Umgang mit Koffein wichtig, da Schlaf und Erholung einen großen Einfluss auf Konzentration und Verhalten haben. Wer bereits Medikamente gegen ADHS einnimmt, sollte Veränderungen beim Konsum koffeinhaltiger Produkte mit dem behandelnden Arzt besprechen, da die Wirkung von Stimulanzien individuell unterschiedlich sein kann. Koffein und L-Theanin bei ADHS – vielversprechend, aber kein Ersatz für Therapie