Stuttgart 21 zu klein: Zweifel an Kapazitätsberechnung
Die Kapazitätsberechnungen für den Stuttgarter Tiefbahnhof des sogenannten Stresstests sind womöglich falsch. Das hat der damalige Chef des Schweizer Verkehrsberatungsunternehmens SMA jetzt in einem Interview bestätigt. Das Interview hat er dem Filmemacher und Regisseur Klaus Gietinger gegeben. Experten sprechen von einem Skandal.
Gutachter: Aussagen von Stresstest sind wertlos
Nach Aussagen des Gutachters Werner Stohler hat den Stresstest primär die Bahn selbst durchgeführt, SMA habe lediglich die Untersuchung begleitet. Der frühere Leiter von SMA sagt, die Kapazitätsrechnungen seien wertlos. Doch auf Grundlage dieser vermeintlich unabhängigen Untersuchung haben sich 2011 die Projektpartner legitimiert gesehen, den Bau von Stuttgart 21 fortzusetzen.
Wurde der Stresstest nicht unabhängig durchgeführt?
"Diesen Stresstest durchzuführen, war nur die Bahn selber in der Lage", sagt Werner Stohler in dem Interview. Er war 2011 Chef von SMA, hat das Unternehmen 1987 mit zwei Partnern gegründet. Jetzt sagt er, SMA habe damals lediglich die Untersuchung begleitet. "Ich habe eben selber nicht an diese Kapazitätsrechnungen geglaubt, weil sie für mich wissenschaftlich aber wertlos waren."
Demnach sei - anders als sein eigenes Gutachten aussagt - der neue Tiefbahnhof nicht groß genug. Nach den großen Protesten, dem Schwarzen Donnerstag und der Streitschlichtung von Stuttgart 21, sollte das renommierte Unternehmen einen unabhängigen Stresstest durchführen.
Warum die Aussagen von Stohler zu S21 so brisant sind
Diese Aussagen tätigt der inzwischen Mitte 80-jährige Stohler in einem ruhigen Ton. Der Mann, der damals die Seriosität und Glaubhaftigkeit von Stuttgart 21 repräsentieren sollte, will sich von der wichtigsten Untersuchung zum Projekt, die er selbst verantwortet hat, distanzieren. "Das ist ein Skandal", sagt auch der Bahnexperte und Berater Hans Leister aus Berlin.
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"Der Stresstest war die Grundlage von allem, was in den nächsten 15 Jahren folgte", sagt Leister. Denn die Untersuchung bescheinigte 2011, dass der Tiefbahnhof 49 Züge pro Stunde bewältigen könnte. Der Stresstest sollte unabhängig belegen, dass der neue Tiefbahnhof groß genug sein würde. Stohler setzte unter diese Untersuchung seine Unterschrift.
Der Stresstest gab den Verantwortlichen die politische Legitimation, am Projekt festzuhalten, nachdem die Proteste und dadurch auch die Zweifel an der Kapazitätsfähigkeit des Bahnhofs immer größer wurden. Eine Untersuchung, von der Stohler jetzt sagt, dass sie weder unabhängig, noch korrekt durchgeführt war.
Stuttgart 21: Warum spricht Stohler erst jetzt?
Die Aussagen von Stohler stammen aus einem Film des Filmemachers und Regisseurs Klaus Gietinger. Der Kurzfilm "Die sieben Todsünden von Stuttgart 21" soll am Montagabend bei einer Veranstaltung des "Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21" erstmals gezeigt werden. Für dieses Projekt hat Gietinger das Interview mit Stohler geführt. Der fertige Film und das Interview von Stohler wurden dem SWR vorab zur Verfügung gestellt.
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Warum äußert sich nun Stohler? "Als Rentner kann man etwas freier sprechen", erklärt Hans Leister die jetzigen Aussagen von Stohler. "Man darf nicht vergessen: 2011, als der Stresstest durchgeführt wurde, war SMA von der Bahn abhängig. Den Großteil der Aufträge hat die Deutsche Bahn erteilt." Auch der Fahrplananalyst Felix Berschin aus Heidelberg bestätigt: "Es scheint damals SMA-intern ziemlichen Streit gegeben zu haben zwischen Aufrichtigkeit und Business."
Die Bahn will sich zu den neuen Aussagen von Stohler nicht konkret äußern. Auf SWR-Anfrage teilte man lediglich mit, dass der Stresstest von allen Projektpartnern anerkannt wurde. "Der Durchgangsbahnhof mit acht zu- bzw. abführenden Gleisen kann deutlich mehr Zugverkehr abwickeln als der heutige Kopfbahnhof mit insgesamt nur fünf zu- bzw. abführenden Gleisen und vielen Kreuzungskonflikten im Gleisvorfeld."
Weitere Bedeutungen dieser Aussagen
Stohler hat aber dem Bahnhof nicht nur mit seinem Gutachten die Kapazitäten bestätigt. Er hat damals zusammen mit Streitschlichter Heiner Geißler noch einen Kompromissvorschlag gemacht. Den hält er bis heute für die deutlich bessere Variante. "Den Fernverkehr in einem viergleisigen, wesentlich preiswerteren Tiefbahnhof belassen. Und den Nahverkehr weiterhin über den Kopfbahnhof abwickeln."
Auch Hans Leister aus Berlin hält eine Kombilösung aus bahntechnischer Sicht für sinnvoll. Warum ist man damals auf diesen Vorschlag nicht eingegangen? Stohler sagt dazu: "Man wollte keine Alternativen mehr anschauen. Ganz schlicht und einfach. Man wollte eigentlich um jeden Preis jetzt diesen Tiefbahnhof durchsetzen."