Suche nach neuer Airline für Bremer Airport
Zusammengefasst
Ryanair zieht sich zum Sommerflugplan 2027 aus Bremen zurück. Dadurch entfallen Direktflüge etwa nach London und Alicante, zudem gibt es weniger Flüge nach Mallorca.
Kai Stührenberg sagt, es gebe „keine Warteschlange von Airlines“. Bremen spreche aber mit anderen Airlines. Das Wirtschaftsressort sieht den Flughafen trotz Restrukturierung als überlebensfähig.
CDU, FDP sowie SPD und Grüne verlangen ergebnisoffene Prüfungen zur Zukunft des Airports. Das Ressort schließt Teil- oder Vollprivatisierung derzeit nicht aus, verweist aber auf laufende Gespräche.
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Die Lücke, die durch den Rückzug von Ryanair zum Sommerflugplan 2027 hin entsteht, ist groß. London oder Alicante sind von Bremen aus nicht mehr direkt zu erreichen, bei gleichzeitig weniger Flügen nach Mallorca. Es sei denn, andere Airlines übernehmen diese Strecken. Wie stehen die Chancen? Kommt durch den Wegfall von bis zu 500.000 Passagieren am Airport die Insolvenz in Eigenverwaltung schneller als gedacht? Kann Bremen seinen Flughafen, der zu hundert Prozent der Stadt gehört, ganz verlieren?
Stürzen sich andere Airlines auf die Ryanair-Flüge?
Theoretisch müsste das der Fall sein. Die irische Airline Ryanair hatte laut dem Wirtschaftsressort auf ihren Flügen von Bremen aus im laufenden Jahr eine Auslastung von 90 Prozent – ein Topwert in der Branche, der für Gewinne sorgt.
Wie sieht die Realität aus?
Bei den Airlines ist im deutschen Luftverkehr im Vergleich zum europäischen Ausland eine deutliche Zurückhaltung zu beobachten. "Während sich die Standorte im benachbarten Ausland über satte Verkehrszuwächse freuen, fallen unsere Flughäfen weiter zurück", sagt Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV. Laut Zahlen des europäischen Flughafenverbands ACI haben Europas Flughäfen im August beim Passagieraufkommen um 3,1 Prozent zugelegt. Die deutschen Flughäfen verzeichneten dagegen ein Minus von 0,2 Prozent. "Besonders deutlich zeigt sich die Schwäche beim Flugangebot im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Gegenüber 2019 fehlen 17,8 Prozent der angebotenen Flüge", so Beisel. In anderen europäischen Ländern liege das Niveau über der Vor-Corona-Zeit.
Wie bewertet der Bremer Airport die Chancen auf neue Airlines?
"Es gibt keine Warteschlange von Airlines – an keinem deutschen Flughafen", sagt Wirtschaftsstaatsrat Kai Stührenberg (Linke), der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Bremer Flughafengesellschaft ist. Dafür sei der deutsche Luftverkehrsmarkt von seinen Rahmenbedingungen her seit Längerem nicht attraktiv genug. "Natürlich sind wir aber in Gesprächen mit anderen Airlines und loten mögliche Kooperationen aus. Das gehört quasi zum Tagesgeschäft, unabhängig vom überraschenden Ryanair-Rückzug." Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass den Airlines für Expansionen derzeit nicht ausreichend Flugmaterial zur Verfügung stehe. "Es ist aber davon auszugehen, dass andere Airlines nach dem Ryanair-Rückzug Bremen für ein mögliches Engagement noch genauer betrachten, weil die Marktdaten einfach für eine Fortführung der Strecken sprechen."
Wäre eine Airport-Insolvenz ein Vorteil oder Nachteil?
Aus dem Ressort heißt es dazu: "Eine Insolvenz in Eigenverantwortung würde es erleichtern, Verträge zu lösen und neu abzuschließen und auch mehr Flexibilität bei Personalfragen zu erzielen. Eine Insolvenz hätte auch sehr wahrscheinlich Auswirkungen auf die Beschäftigten." Ziel sei es, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. "Dafür müssen wir die Prozesse optimieren und die Flexibilität deutlich erhöhen." Schon jetzt seien die Beschäftigten stark gefordert. Man sehe den Flughafen als überlebensfähig.
Wie ordnet der Flughafenverband den deutschen Markt ein?
"Deutschland hat nicht ein Nachfrage-, sondern ein Angebotsproblem", sagt der ADV-Hauptgeschäftsführer. "Airlines entscheiden sehr genau, wo sie Flugzeuge stationieren und zusätzliche Verbindungen in Europa aufnehmen. Im deutschen Markt werden Airlines durch überhöhte Steuern und Gebühren vergrault."
Welche Vorschläge macht die Opposition in Bremen?
Die CDU-Fraktion sieht den Senat in der Pflicht: Er müsse jetzt zeigen, welche Perspektive er für den Flughafen Bremen habe. "Der Flughafen muss aktiv bewirtschaftet und weiterentwickelt werden", sagt Susanne Grobien, hafenpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. "Dazu gehört, neue Fluggesellschaften und Verbindungen zu gewinnen und gleichzeitig die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Airports auf den Prüfstand zu stellen."
Die FDP-Fraktion wird konkreter: Der Senat sollte gemeinsam mit dem Flughafen prüfen, an welchen Stellen die Standortkosten gesenkt und die Rahmenbedingungen für Fluggesellschaften verbessert werden können. "Es könnte beispielsweise die Beteiligung eines strategischen Investors im Rahmen einer Teilprivatisierung geprüft werden", so der Fraktionsvorsitzende Thore Schäck. "An anderen Standorten wie Düsseldorf oder Hamburg hat es ja mit einer Teilprivatisierung ganz gut geklappt." Grobien sieht das nicht als Lösung.
Und die Regierungsparteien?
Volker Stahmann als wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion sagte: "Es darf keine Denkbeschränkungen geben." Ähnlich sieht es Emanuel Herold, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion: "Bei der Betrachtung der denkbaren Optionen, wie es weitergehen könnte, sollte man keine Scheuklappen aufsetzen. Der Betrieb des Flughafens muss für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts, insbesondere mit Blick auf das Airbus-Werk, abgesichert werden."
Wie steht das Wirtschaftsressort zu einer Privatisierung?
Privatisierung scheint auch im Wirtschaftsressort kein Tabu zu sein. Da heißt es: "Zu einem möglichen Verkauf von Anteilen oder einer teilweisen beziehungsweise vollständigen Privatisierung können wir derzeit keine Aussage treffen, aber natürlich sind wir hier bereits in Gesprächen." Für solche Gedankenspiele sei es zu früh, erst gehe es um die aktuelle Restrukturierung. Die soll eine Insolvenz verhindern. Das Auswahlverfahren für die zusätzliche Einstellung eines Sanierungsgeschäftsführers laufe gerade.
Wann erlaubt die EU wieder staatliche Beihilfen?
Laut EU-Beihilferecht wären staatliche Geldspritzen wieder erlaubt, wenn die Zahl der Passagiere unter 700.000 sinkt. "Da wollen wir aber natürlich nicht hin", so das Ressort.
Was fordert der Flughafenverband?
Internationale Erreichbarkeit entscheide mit darüber, wo Unternehmen investieren, wo Arbeitsplätze entstünden und wie attraktiv Deutschland für Handel und Tourismus sei, so Beisel vom ADV: "Die Absenkung der Luftverkehrsteuer war ein wichtiger erster Schritt." Der eingeschlagene Weg der Bundesregierung sei richtig: "Wir brauchen eine temporäre Aussetzung der Luftverkehrsteuer, perspektivisch muss die Luftverkehrsteuer vollständig abgeschafft werden." Schweden zeige, wie es gehen könne. "Nach Abschaffung der Luftverkehrsteuer Mitte 2025 wächst das Flugangebot bis Ende 2026 um circa neun Prozent."
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