Super-El-Niño: "Ohne Messbojen betrifft das Milliarden Menschen"
Die Vorhersagemodelle sind eindeutig: Der Pazifik erwärmt sich. Ein außergewöhnlich starkes El-Niño-Ereignis kündigt sich an. Mojib Latif weiß, wovon er spricht: Er war dabei, als die Wissenschaft nach dem verheerenden El Niño von 1982/83 begann, den Pazifik systematisch zu beobachten, und half, die ersten Vorhersagemodelle zu entwickeln. Der Klimaforscher und Ozeanograf am GEOMAR Helmholtz-Zentrum Ozeanforschung Kiel sagt im BR24-Interview für "Possoch klärt", was dieser El Niño anrichten kann und warum Trumps Kürzungen in der Klimaforschung gerade jetzt zum Problem werden. BR24: Wird das der stärkste El Niño, den wir je gemessen haben? Mojib Latif: Auf jeden Fall einer der stärksten, darin sind sich die Vorhersagen einig. Ob es wirklich der Rekord seit Beginn der Messungen vor rund 150 Jahren wird, lässt sich erst im Nachhinein sagen. Die genaue Stärke können wir weniger präzise vorhersagen als den Zeitpunkt. Dürre, Flut, Hunger: Was El Niño auslöst BR24: Was genau passiert, wenn ein so starker El Niño einsetzt? Latif: Wenn sich der tropische Pazifik erwärmt, zieht das große Niederschlagsgebiet aus Südostasien Richtung des warmen Wassers. Für Indonesien und Malaysia bedeutet das Dürre. Da dort ohnehin viel gezündelt wird, können Feuer eskalieren und ganze Regionen in Rauch hüllen. Auf der anderen Seite des Pazifiks, in den Küstenwüsten Südamerikas, gibt es sintflutartige Niederschläge. Im Ozean selbst verdrängt das warme Wasser die kalte, nährstoffreiche Auftriebsströmung, wodurch der Fischreichtum vor der peruanischen Küste einbricht. Der indische Sommermonsun könnte schwächer ausfallen, Südafrika noch trockener werden. Und in Südkalifornien, das normalerweise kaum Regen kennt, drohen heftige Niederschläge. BR24: Kann uns das als Europäer kaltlassen? Latif: Nein. Wir leben in einer globalisierten Welt: Wenn irgendwo Ernten vernichtet werden, steigen auch bei uns die Preise. Die eigentlich Betroffenen sind Entwicklungsländer, die im schlimmsten Fall schutzlos dastehen, wenn korrupte Regierungen die Hilfsgelder nicht weitergeben. Was Deutschland angeht: Preisanstiege bei Lebensmitteln, die können wir verkraften. Was einige Entwicklungsländer erwartet, ist eine andere Dimension. Im Video: 50 Millionen Tote durch El Niño 1877 – kann das heute wieder passieren? 1877: 50 Millionen Tote – droht das wieder? BR24: 1877 hat ein El Niño mehr als 50 Millionen Menschen das Leben gekostet. Kann das wieder passieren? Latif: Nein, und das liegt genau an den Vorhersagemodellen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben. Damals brachen diese Ereignisse über die Menschen herein, ohne Vorwarnung. Heute haben Regierungen Monate im Voraus verlässliche Daten. Natürlich werden auch diesmal Menschen sterben. Aber in dieser Größenordnung wird das nicht mehr eintreten. BR24: Sind wir wirklich besser vorbereitet oder nur besser informiert? Latif: Das ist der entscheidende Unterschied. Bessere Information führt nicht automatisch zu politischem Handeln. Ob Regierungen die Mittel tatsächlich für Vorsorge einsetzen oder ob sie in korrupten Strukturen versickern, das entscheidet am Ende über Leben und Tod. Trumps Kürzungen treffen das falsche System BR24: Wärmere Ozeane, stärkerer El Niño – verstärkt die Klimakrise die Wirkung? Latif: Es ist plausibel, aber noch nicht nachgewiesen. Wir wissen: Wärmere Luft nimmt mehr Wasserdampf auf, also können Starkregenereignisse extremer werden. Dieser El Niño trifft auf ohnehin ungewöhnlich warme Ozeane. Ob die Auswirkungen dadurch stärker werden als 1982/83, werden wir sehen. BR24: Was müsste international passieren, damit wir in 30 Jahren nicht wieder an diesem Punkt stehen? Latif: Vor allem müssen die Beobachtungssysteme erhalten bleiben. Genau das ist gerade in Gefahr: Die USA kürzen massiv in der Klimaforschung und das Messnetz im tropischen Pazifik wird zu einem großen Teil von amerikanischen Institutionen betrieben. Dabei geht es nicht um die Oberfläche, die lässt sich auch per Satellit beobachten. Es geht um die Tiefe: In 100 bis 300 Metern Tiefe kündigen sich El Niños zuerst an. Wenn die Messbojen dort wegfallen, verlieren wir die Frühwarnung. Das würde Millionen, vielleicht Milliarden Menschen betreffen. BR24: Danke für das Gespräch.