Sylvester Stallone wird 80: Der amerikanische Traum trägt Boxershorts
Welcher Hollywoodstar kann schon von sich behaupten, dass zu Ehren seiner berühmtesten Filmszene eine Statue am Ort des Triumphs errichtet wurde? Philadelphia, Geburtsort der amerikanischen Unabhängigkeit, hat ein paar prominente Söhne und Töchter hervorgebracht, unter anderem Benjamin Franklin, die Monaco-Prinzessin Grace Kelly sowie Will Smith – und sogar Box-Legende Smokin’ Joe Frazier adoptiert. Der berühmteste Sohn der Stadt aber lebte nie in Philadelphia und war dennoch über Jahrzehnte die größte Attraktion.
Jährlich pilgern über vier Millionen Touristen zu der bronzenen Rocky-Statue am Fuße der berühmten Treppe des Philadelphia Museum of Art, die Sylvester Stallone 1976 in seiner amerikanischen Aufsteigergeschichte „Rocky“ im verschwitzten Trainingsanzug erklomm. Sein Triumphgeste auf dem Gipfel der 72 Stufen, sich im Kreis drehend, mit hochgerissenen Armen, vor der morgendlichen Silhouette der Stadt, hat Filmgeschichte geschrieben.
1982 wurde die Statue in Siegerpose, die für den dritten „Rocky“-Film hergestellt worden war, oberhalb der Treppe feierlich eingeweiht. Inzwischen befindet sich das Original im Museum. Das Original aus Fleisch und Blut, das am Montag seinen 80. Geburtstag feiert, hat mit seiner eigenen Musealisierung als Actionheld (in den „Expendables“-Filmen, seiner „Action Hero Hall of Fame“) bereits vor gut 15 Jahren begonnen.
Als Rocky hat er sich in die Herzen des Publikums gekämpft
Die schlichte, aber auch nach 50 Jahren noch zu Herzen gehende Außenseiterfabel um den jungen Boxer Rocky Balboa, der nach hartem Training an Rinderhälften im Schlachthof und im Hühnerstall die unwahrscheinliche Gelegenheit für einen Kampf um den Weltmeistertitel erhält, hat auch deswegen das Publikum so bewegt, weil das Herzblut, das der Hauptdarsteller und Drehbuchautor investiert hatte, in jeder Szene spürbar war. Eigentlich wäre Sylvester Stallone, geboren 1946 in eine italienische Arbeiterfamilie im räudigen New Yorker Viertel „Hell’s Kitchen“, aufgewachsen mit einem jähzornigen Vater, allenfalls für die Rolle des Gangsters prädestiniert gewesen.
Mit seiner nuschelnden, leicht leiernden Aussprache und seinem hängenden Augenlid, Folge einer Komplikation bei der Geburt, lehnten ihn die Agenturen Ende der 1960er Jahre reihenweise ab. Also setzte er sich nachts hin und schrieb seine Notizhefte mit Drehbüchern voll, in denen er selbst der Star war. „Der Typ, der einen Bus voller Kinder rettet“, wie er vor zwei Jahren in der Netflix-Doku „Sly“ erzählte. Nebenbei verdiente er sich Geld mit Nebenrollen; bis heute berüchtigt ist der Softporno „Kitty & Studs“ von 1970.
15 oder 16 Skripts entstanden auf diese Weise. Die Geschichte um den Boxer Rocky Balboa weckte schließlich das Interesse des Produzenten Irwin Winkler, der aber einen anderen Star im Blick hatte als den eher uncharismatischen Stallone. Der wollte jedoch für kein Geld der Welt „seine“ Geschichte verkaufen. Winkler musste widerwillig einlenken. 1977 gewann „Rocky“ den Oscar als bester Film – unter anderem gegen „Taxi Driver“ von Martin Scorsese, dessen „Mean Streets“ Stallone als Vorbild gedient hatte.
Jede strahlende Heldenfigur war ein symbolischer Vatermord
In das amerikanische Gedächtnis ist die in Bronze verewigte Jubelgeste, noch dazu im Jubiläumsjahr der USA, als popkulturelles Motiv des „American Dream“ eingegangen. Für Stallone, das hat er später in Interviews immer wieder erzählt, war der Erfolg mit (und als) „Rocky“ auch ein persönlicher Triumph über die Zurückweisung des Vaters.
Die Karriere als unbezwingbare Kampfmaschine, die sich Stallone mit den „Rocky“-und „Rambo“-Filmen in Hollywood erarbeitet hatte, war in dieser biografischen Prägung schon vorgezeichnet. Auf die verheerenden Kritiken für sein Regiedebüt „Vorhof zum Paradies“ reagierte er 1978 mit Trotz – und der ersten „Rocky“-Fortsetzung. Jede strahlende Heldenfigur (Stallone setzte gegenüber dem Studio durch, dass der traumatisierte Vietnam-Veteran John Rambo am Ende des ersten Films überlebt) kam einem symbolischen Vatermord gleich. Frank Senior und Sylvester versöhnten sich erst am Sterbebett.
Aber natürlich waren die 1980er die perfekte Dekade für den Exzess, den Stallones zunehmend cartoonhafte Persona in diesen Jahren verkörperte. Die turbulente Ehe mit dem dänischen Model Brigitte Nielsen. Das Duell mit Arnold Schwarzenegger um die Krone des kassenträchtigsten Stars des Jahrzehnts. Sie übertrumpften sich von Film zu Film gegenseitig in puncto Muskelmasse, Schusswaffengrößen und Rekordgagen. Absurder Höhepunkt war Stallones armdrückender Trucker Lincoln Hawk in dem Wrestlingfilm „Over the Top“ vom israelischen Möchtegern-Coppola Menahem Golan.
Zweimal besiegte Stallone im Kino die bösen Russen
Der Film steht stellvertretend für die Tragik der mittleren Karrierephase von Sylvester Stallone, dem am Ende nichts übrig bleibt, als das zu machen, was das Publikum von ihm sehen will. Zweimal hat er in den Ausläufern des Kalten Kriegs, stellvertretend für seine Landsleute, den bösen Russen den Hintern versohlt: 1985 im Ring dem Dopingmonster Ivan Drago in „Rocky 4“, zwei Jahre später mit der Panzerfaust an der Seite der Taliban den Sowjet-Invasoren in Afghanistan. Damit wurde er auf dem Höhepunkt der Reagan-Jahre endgültig zur amerikanischen Ikone.
In Interviews hat Stallone immer wieder mal Bedauern geäußert, dass er nicht wie sein „Expendables“-Partner Bruce Willis den Mut gehabt habe, zwischendurch auch Rollen in kleinen, unabhängigen Filmen anzunehmen. Unter anderem ist Quentin Tarantino, der mit Willis „Pulp Fiction“ gedreht hatte, ein großer Stallone-Fan.
Aber alle Versuche, aus seinem Rollenprofil auszubrechen, scheiterten. Das erste Mal Anfang der 1990er Jahre mit den Komödien „Oscar – Vom Regen in die Traufe“ und „Stop! Oder meine Mami schießt!“. Und dann noch einmal gegen Ende der Dekade in dem unterschätzten Polizeidrama „Copland“, in dem er mit den Scorsese-Ikonen Robert De Niro, Harvey Keitel und Ray Liotta vor der Kamera stand.
Danach hatte Stallone akzeptiert, dass sein Erfolg nur darin bestehen kann, seine Marke weiter zu pflegen. Er war nicht nur der erste Actionstar, der seine Drehbücher selbst verfasste und sein eigener Regisseur war. Stallone hat mit den „Rocky“-, „Rambo“- und „Expendables“-Filmen auch gleich drei erfolgreiche Franchises geschaffen. 2015 nahm er mit Michael B. Jordan in der Rolle des Sohnes seines Freundes Appollo Creed auch die „Rocky“-Reihe wieder auf, die seitdem zwei Fortsetzungen nach sich gezogen hat. In der Serie „Tulsa King“ spielt er mit amüsierter Selbstironie, die man ihm lange nicht zugetraut hat, einen Mafia-Boss im Exil.
Über die Politik der Actionhelden der Achtzigerjahre muss man sich selbstverständlich keinerlei Illusionen machen. Wer damals im Kino Amerika retten wollte, war Anhänger von Ronald Reagan. Heute ist das mit dem konservativen Weltbild nicht mehr ganz so schwarz-weiß. Sylvester Stallone steht politisch eher im Lager des verstorbenen Kollegen und NRA-Mitglieds Chuck Norris, nicht in dem seines Trump-kritischen Freundes Arnold Schwarzenegger.
Den amtierenden Präsidenten verglich er in der jüngeren Vergangenheit mal mit George Washington. Dafür erhielt er im vergangenen Jahr im inzwischen wieder umbenannten Trump Kennedy Center eine Ehrenmedaille für sein Lebenswerk. Man darf also konstatieren, dass Sylvester Stallone das Gespür für seine Fans noch nicht verloren hat.