Tag zwei auf dem Burg Herzberg Festival
31.07.26 - Es gibt Orte, die besucht man. Und es gibt Orte, die besuchen einen. Das Herzberg Festival gehört zweifellos zur zweiten Sorte. Nach dem stimmungsvollen Warm-up am Donnerstag ist das Festival am Freitag endgültig in seinem Element angekommen. Noch bevor der zweite Veranstaltungstag seine letzten Takte gespielt hat, liegt dieses schwer zu beschreibende Gefühl bereits über dem Gelände unterhalb der ehrwürdigen Burg Herzberg. Ein Gefühl, als hätte jemand Sternenstaub über Wiesen, Zelte und Menschen gestreut. Das diesjährige Motto "Eternal Love" wirkt dabei nicht wie ein Werbeslogan, sondern wie eine Haltung. Eine Liebe, eine immerwährende. Hier entsteht für vier Tage eine Parallelwelt. Der graue Alltag? Irgendwo weit hinter den Hügeln verschwunden. Niemand scheint es eilig zu haben. Alle haben dasselbe Ziel, ohne den Weg dorthin genau zu kennen. Man lässt sich treiben. Man lässt sich finden. Von überall erklingt Musik. Nicht nur auf den Bühnen. Vor Zelten wird improvisiert, Gitarren wechseln die Hände, Trommeln geben den Takt vor, irgendwo mischt sich eine Mundharmonika dazu. Alles wirkt miteinander verwoben, als würde man durch "Across the Universe" spazieren und die Welt für einen kurzen Augenblick mit den Augen von "Lucy in the Sky with Diamonds" betrachten. Ein fein geknüpfter Soundteppich schwebt über dem gesamten Festivalgelände. Gitarrenriffs, Basslinien, Trommelwirbel, Stimmen, Kinderlachen und das leise Klirren von Geschirr aus den Campingküchen verschmelzen zu einer Melodie, die man nirgendwo herunterladen kann. Auftakt auf der Mainstage Pünktlich nach dem Mittagessen hebt sich auf der Mainstage der musikalische Vorhang für den Festivalfreitag. Die Dresdner Band Wucan um ihre charismatische Frontfrau Francis Tobolsky entfacht vom ersten Ton an einen Sound, der sich anfühlt wie eine Zeitreise mit magischem Kompass. Psychedelisch angehauchter Retro-Rock, schwere Gitarrenriffs und diese wunderbar "hippiesken" Klänge schweben über die Wiese wie warmer Sommerwind. Für einen Moment scheint es, als würden die Geister von Woodstock freundlich über den Herzberg nicken. Manche Besucher schließen die Augen, andere tanzen barfuß durchs Gras und plötzlich fühlt sich die Gegenwart verdächtig nach den wilden Siebzigern an. Kaum ist der letzte Akkord verklungen, übernimmt die Kölner Indie-Pop-Band Fortuna Ehrenfeld die Mainstage und zeigt, dass Musik gleichzeitig schräg, poetisch, humorvoll und wunderschön sein kann. Martin Bechler, Jenny Thiele und Jannis Bentler bilden 2026 ein perfekt eingespieltes Trio. Bechler, bekannt für seine ebenso skurrilen wie charmanten Live-Auftritte, verwandelt die Bühne mit wenigen Sätzen in ein Wohnzimmer voller Überraschungen. Die Songs pendeln zwischen Chanson und Indie-Pop, mal nachdenklich, mal herrlich verschmitzt. Wer Ehrenfeld als das "Brooklyn von Köln" kennt, versteht sofort, warum diese Musik so wunderbar gegen den Strich gebürstet ist. Das Publikum lächelt, singt mit und feiert jede schräge Wendung mit sichtbarer Begeisterung. Festivalmagie zwischen den Zeilen Während auf den großen Bühnen Gitarren Geschichten erzählen, explodieren im Lesezelt die Worte. Dort zündet Erna Raketen, keine Feuerwerkskörper, sondern Textbomben. Mal bissig, mal poetisch, mal urkomisch schleudert sie ihre Geschichten ins Publikum und beweist, dass Literatur auf dem Herzberg genauso elektrisieren kann wie ein Gitarrensolo. Zwischen den Zeilen wird gelacht, geschmunzelt und nachgedacht und auch hier liegt dieses kleine Stück Festivalmagie in der Luft. Genau das macht den Herzberg so besonders. Hinter jeder Wegbiegung wartet ein neues musikalisches Abenteuer, eine überraschende Begegnung oder ein Moment, den man unmöglich planen kann. Es ist, als würde das Festival seinen Besuchern mit einem verschmitzten Augenzwinkern zuflüstern: "Bleib noch einen Augenblick. Das Schönste kommt vielleicht schon hinter dem nächsten Zelt." Menschen machen Herzberg Und mittendrin: Menschen. Ganz kleine. Ganz große. Junge. Junggebliebene. Familien mit Bollerwagen. Hippies der ersten Stunde. Studierende. Büroangestellte. Handwerker. Rechtsanwälte. Künstler. Lehrer. Menschen mit grauen Haaren und Menschen mit bunt gefärbten Haaren. Spinner? Vielleicht. Träumer? Ganz bestimmt. Sie alle leben hier ihren ganz persönlichen Herzberg-Traum. Ein bisschen Woodstock. Hier und da elektronische Klangwelten. Psychedelic Rock. Folk. Krautrock. Techno. Singer-Songwriter. Für jeden gibt es irgendwo seinen eigenen Rock ’n’ Roll. Loveparade? Easy Rider? Ja, von allem ein bisschen, aber vor allem Herzberg. Ohne Mainstream. Ohne Schubladen. Der Abend gehört der Musik Der Freitag zeigt eindrucksvoll, warum dieses Festival seit Jahrzehnten einen besonderen Platz in der deutschen Festivallandschaft einnimmt. Auf der Mainstage sorgen am Abend zunächst die österreichischen Indie-Poeten von Buntspecht mit ihrer unverwechselbaren Mischung aus Folk, Chanson und musikalischer Abenteuerlust für große Emotionen, bevor Kadavar die Nacht mit einer kraftvollen Headliner-Show aus Heavy Psychedelic Rock beschließen werden. Parallel dazu schlägt auf der Freakstage das Herz der musikalischen Entdecker. Die Krautrock-Legenden von Guru Guru um Mani Neumeier beweisen einmal mehr, warum sie seit Jahrzehnten zum Herzberg gehören wie die Burg selbst. Experimentierfreude kennt kein Verfallsdatum. Später werden noch das Zürcher Duo Steiner & Madlaina mit seinen poetischen Songs und schließlich NAFT den Tag musikalisch ausklingen lassen. Mehr als ein Musikfestival Doch das Herzberg Festival besteht aus weit mehr als Konzerten. Wer möchte, beginnt den Morgen mit Yoga auf der Wiese. Andere schlendern durch die Humus Hood mit ihren Infoständen, Workshops, kulinarischen Spezialitäten und kleinen Marktständen. Im Kinderland wird gebastelt, gemalt und musiziert, während auf der Klangspielwiese die Kleinsten ihre ersten musikalischen Abenteuer erleben. Im Lesezelt treffen Literatur, Diskussionen und Musik aufeinander. Und wenn am Abend der Herzberg Songslam beginnt, gehört die Bühne jenen, die ihre Geschichten mit handgemachter Musik erzählen möchten. Vielleicht ist genau das das eigentliche Geheimnis dieses Festivals. Nicht die Größe der Bühnen. Nicht die Zahl der Besucher. Nicht einmal das hochkarätige Line-up. Sondern dieses seltene Gefühl, für ein paar Tage genau dort zu sein, wo man gerade sein möchte. Hier wird niemand gefragt, wer er außerhalb des Festivalgeländes ist. Wichtig ist nur, wer man in diesem Moment sein möchte. Und während über der Burg langsam der Abendhimmel seine Farben wechselt, wird klar: Das Herzberg Festival erzählt auch 2026 wieder seine Geschichte. Eine Geschichte von Freiheit. Von Musik. Von Gemeinschaft. Und von einer Liebe, die sich jedes Jahr aufs Neue unterhalb der Burg Herzberg trifft. Eine Liebe, die vielleicht nicht immer ewig dauert. Die sich aber jedes Mal so anfühlt. (Jürgen Böthig) +++