„Tatort“ gestern am Sonntag: Überragender Neustart ist der bislang beste Krimi des Jahres (Kritik)
Fabian Hinrichs bildete mit Dagmar Manzel eines der stärksten Duos der jüngeren „Tatort“-Geschichte, nun ermittelt er erstmals an der Seite ihrer Nachfolgerin Rosalie Thomass. Warum der fränkische Neustart mehr als gelungen ist, erfahrt ihr in Mareks Kritik zur Episode „Gottesgarten“.
Welche Kommissare ermittelten gestern im „Tatort: Gottesgarten“?
In den letzten beiden Wochen feierten Almila Bagriacik und Karoline Schuch 180 Minuten lang ihr gemeinsames „Tatort“-Debüt, nun geht es etwa 700 Kilometer südlich deutlich knackiger zur Sache. Und auch die Kriminalgeschichte, die in der ansonsten ansprechenden Kieler Doppelfolge nur alibimäßig abgearbeitet wurde, kommt in Nürnberg nicht zu kurz.
Eine kurze Begrüßung, ein beiläufiges „Du“ und ein launiges, aber nicht aufgesetzt wirkendes Abendessen im Landgasthaus, mehr braucht es nicht, um sich dem eigentlichen, zutiefst verstörenden Fall zu widmen, der neben all seiner Härte auch als Kommentar auf eine 2023 vom Bundesverfassungsgericht getroffene Grundsatzentscheidung gelesen werden kann.
Demnach dürfen Strafverfahren wegen schwerer Verbrechen bei einem erfolgten Freispruch nicht noch einmal aufgenommen werden, auch wenn neue Beweise eine andere Urteilsfindung nahelegen.
Da sich der „Tatort: Gottesgarten“ dem Thema Kindesmissbrauch annimmt, wiegt das Urteil aus Karlsruhe besonders schwer und sorgt für Szenen, die nur mit großem Unbehagen auszuhalten sind. Dank des sensiblen Spiels von Fabian Hinrichs und seiner neuen Partnerin Rosalie Thomass befindet sich die erdrückende Thematik allerdings in guten Händen.
In den Giftschrank muss der fränkische Neuanfang mit Sicherheit nicht, ganz im Gegensatz zu den Folgen, die ihr euch im Video anschauen könnt.
Worum geht es im „Tatort: Gottesgarten“?
Jahrelang hat Thorsten Widner Jugendliche mit Drogen gefügig gemacht und sich dann an ihnen vergangen. Nun liegt einer von ihnen mit durchgeschnittener Kehle in einem Stundenhotel. Der mittlerweile erwachsene Elias Schaller war sein Leben lang traumatisiert, Widner hingegen entging seiner Strafe aus Mangel an Beweisen.
Kommissar Felix Voss und seine neue Kollegin Emmy Rathgeber glauben an ein Zusammenspiel von Gegenwart und Vergangenheit, zumal zwei weitere Opfer von damals sowie Widner selbst seit dem vermeintlichen Mord spurlos verschwunden sind. Während sich die beiden auf die Suche machen, sind wir vor den Fernsehapparaten schon einen Schritt weiter...
Mareks „Tatort“-Kritik: Neues Team zeigt sofort seine ganze Klasse
Der „Tatort“ aus Franken war schon immer eine wohltuend sachliche Alternative zu dem bisweilen ermüdenden Gezeter auf anderen Revieren. Diese Tradition setzt er auch in seiner aktuellen Besetzung fort, sodass er streckenweise wie ein Gegenentwurf zum Kieler Neuanfang der letzten Wochen wirkt.
Kommissar Voss wurde von Fabian Hinrichs zwar von Beginn an leicht verschroben dargestellt, seine angedeuteten Marotten standen den eigentlichen Kriminalgeschichten aber nie im Weg und so ist es auch diesmal. Selbiges gilt für Rosalie Thomass, die aktuell im Kino als Hauptdarstellerin der Romanverfilmung „Lügen über meine Mutter“ eine hervorragende Figur abgibt.
Das tut sie als neue „Tatort“-Kommissarin ebenfalls, zumal sie ihrer Figur genau die richtige Balance aus Bodenständigkeit und fein angedeuteter Undurchsichtigkeit verleiht.
Selten fühlte sich ein Neuanfang so geschmeidig an wie hier, so gut wie nie hatte der erste Einsatz eines frischen Teams so viel Substanz wie in diesem „Tatort“.
Dessen Kern wird von Jörg Witte dominiert, der den skrupellosen Täter von einst als uneinsichtigen Weinerling mit dunkler Seele beängstigend und vermutlich nah an der Realität verkörpert, was den gesamten Krimi verstörend realistisch wirken lässt und auch der Rest des stimmig zusammengestellten Ensembles weiß zu überzeugen.
Entsprechend mühelos schreibt die Episode „Gottesgarten“ die erfolgreiche Geschichte des fränkischen „Tatorts“ fort und lässt die Messlatte für alles, was in Zukunft noch kommen mag, in weiter Höhe verweilen. So geht Neustart, so geht „Tatort“.