Teamchef spricht vor Formel-1-Debüt von "Killerstrecke"
19 rote Flaggen, drei beschädigte Chassis und sechs kaputte Aufhängungen: Noch bevor die Formel 1 ihre erste Runde auf dem neuen "Madring" gedreht hat, wird darüber diskutiert, ob die Strecke nicht etwas zu spektakulär geraten ist.
Die Formel 1 wollte für Madrid keinen weiteren austauschbaren Stadtkurs. Zwar haben die Strecken in Jeddah oder Baku ihre Besonderheiten, ein zu ähnlicher Kurs wird auf Dauer aber eher langweilig, sowohl für die Fahrer, als auch die Fans. Der neue "Madring" sollte daher etwas Besonderes werden: schnell, eng und anspruchsvoll.
Das hat offenbar funktioniert. Vielleicht sogar etwas zu gut.
Ende August testete die Formel 3 zwei Tage lang auf der neuen Strecke. 19-mal musste mit roten Flaggen unterbrochen werden. Nach Angaben von Williams-Teamchef James Vowles gingen dabei drei Chassis und sechs Aufhängungen zu Bruch. "Ja, das sind Formel-3-Fahrer, aber für die Autos ist es eine Killerstrecke und es wird sicher interessant", sagte Vowles laut "sport.de".
Nun kommt die Formel 1 nach Madrid. Am Freitag stehen die ersten beiden freien Trainings an, am Sonntag wird der Große Preis von Spanien erstmals auf dem 5,416 Kilometer langen Kurs ausgetragen. Dann zeigt sich auch, ob die Testfahrten tatsächlich ein Vorgeschmack auf ein chaotisches Wochenende waren.
Eine Mischung aus Jeddah und Monaco
Besonders häufig krachte es bei der Formel 3 im Bereich der Kurven fünf, sechs und sieben. Zuvor beschleunigen die Fahrer durch eine lang gezogene Passage bis in Kurve vier, wo Geschwindigkeiten von bis zu 340 km/h möglich sein sollen. Danach müssen sie für eine enge Schikane bis auf ungefähr 80 km/h herunterbremsen. Wer den Bremspunkt verpasst oder das Auto am Ausgang nicht richtig positioniert, findet dort keine großzügige Auslaufzone – sondern gleich die Mauer.
Aston-Martin-Teamchef Mike Krack ordnete die Strecke "irgendwo zwischen Jeddah und Monaco" ein. "Die Mauern sind nah, es gibt keinen Raum für Fehler", sagte er. Der Vergleich zeigt gut die Besonderheit der neuen Strecke: Jeddah ist eine Hochgeschwindigkeitsstrecke, Monaco dagegen sehr langsam und eng. Der "Madring" soll beides vereinen.
Carlos Sainz gefällt dieser Charakter. Der gebürtige Madrilene kennt die Strecke bislang vor allem aus dem Simulator und findet, sie sei nicht einfach nur ein weiterer neuer Kurs im Kalender. Komplett geheuer scheint ihm das Ergebnis allerdings noch nicht zu sein. "Jetzt müssen wir schauen, ob es vielleicht zu viel ist und der FIA unser Feedback geben", sagte der Williams-Pilot bei "sport.de".
"La Monumental" wird zur Mutprobe
Was Sainz damit meinen könnte, zeigt sich besonders an Kurve zwölf. "La Monumental" ist das Highlight der Strecke. Sie ist 550 Meter lang, beschreibt einen Bogen von rund 270 Grad und ist um bis zu 24 Prozent überhöht. Etwa sechs Sekunden sollen die Fahrer dort pro Runde verbringen, rund 45.000 Zuschauer finden auf den Tribünen rund um die Kurve Platz.
Der Name ist an die Form spanischer Stierkampfarenen angelehnt. Vergleiche mit den Steilkurven in Zandvoort, gerade vor Start und Ziel, liegen nahe, passen aber nur bedingt. Denn "La Monumental" wird deutlich schneller angefahren und scheint trotzdem keine einfache Vollgaspassage zu werden.
Das sagt zumindest Charles Leclerc, der mit Ferrari im Juli bei einem Filmtag erste Kilometer auf der Strecke fuhr. "Das ist eine ganz, ganz besondere Kurve. Es ist eine Kurve, bei der ich das Gefühl habe, dass wir im Qualifying sehr mutig sein müssen, weil wir dort an die Grenzen gehen werden", sagte Leclerc laut dem "Motorsport-Magazin". Er könne sich sogar vorstellen, dass "La Monumental" zu "einer der kultigsten Kurven der Saison" werde.
Einfach das Lenkrad einschlagen und auf dem Gas bleiben, können die Fahrer wohl nicht. Während die letzte Steilkurve in Zandvoort normalerweise mit Vollgas gefahren wird, machte Leclerc auf dem "Madring" eine andere Erfahrung: "Es sieht zumindest derzeit nicht so aus, als könnte man dort Vollgas fahren. Bei den Tests war ich sehr, sehr weit davon entfernt."
Pirelli warnt vor hoher Belastung
Reifenlieferant Pirelli blickt ebenfalls mit einigem Respekt auf diesen Abschnitt. Nach Berechnungen des Herstellers könnte "La Monumental" 20 bis 30 Prozent mehr Energie auf die Reifen übertragen als die vergleichbare Passage in den Niederlanden. "Es ist härter als Zandvoort, das kann ich Ihnen sagen", wird ein Pirelli-Sprecher vom "Express" zitiert. Auch der Rest der Runde ist für die Pneus nicht gerade harmlos. Pirelli erwartet Belastungen, die mit Silverstone und Spa vergleichbar sind.
Doch nicht nur die Reifen müssen die lange Kompression aushalten. Schon die Formel-3-Autos setzten bei der Einfahrt und am Ausgang von "La Monumental" auf dem Asphalt auf. Die Formel-1-Teams stehen deshalb vor einem unangenehmen Kompromiss: Je tiefer das Auto liegt, desto besser arbeitet der Unterboden. Liegt es allerdings zu tief, drohen heftige Schläge und Schäden. Die kaputten Aufhängungen aus dem Formel-3-Test dürften bei den Ingenieuren entsprechend genau betrachtet worden sein.
Verstappen befürchtet heftige Abflüge
Abgesehen von Ferraris Filmtag kennen die Teams den "Madring" nur aus ihren Simulatoren. Dort lässt sich die Charakteristik der Strecke zwar nachbilden. Wie viel Grip der neue Asphalt tatsächlich bietet und wie stark die Reifen abbauen, zeigt sich aber erst am Freitag.
Max Verstappen hat bei seinen virtuellen Runden offenbar schon gemerkt, wie schwierig es werden könnte, auf dem "Madring" alles zusammenzubringen. "Das wird sehr schwierig. Das ist in der Tat keine leichte Strecke", sagte der viermalige Weltmeister laut "sport.de" in einem Twitch-Stream. Fahre man mehrere Runden nacheinander, sei es schwer, anschließend sagen zu können: "Die Runde habe ich hinbekommen."
Verstappen sieht an einigen Stellen sogar das Potenzial für schwere Abflüge. "Er erinnert mich ein bisschen an Jeddah – schnelle Kurven und die Wände sind sehr nah", sagte der Red-Bull-Pilot. Damit kommt er zu einer ähnlichen Einschätzung wie Aston-Martin-Teamchef Krack: Das Tempo ist hoch, der Platz daneben knapp.
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Formel-1-Geschäftsführer Stefano Domenicali erwartet ebenfalls, dass die Fahrer auf dem "Madring" besonders gefordert sind. "Wenn man auf eine Strecke kommt, auf der die Wände so nah sind, muss der Fahrer ans Limit gehen", sagte er laut "sport.de" in einer Gesprächsrunde mit spanischen Medien. Und er fügte hinzu: "Wenn man einen Fehler macht, wird der Preis ohne Zweifel hoch sein."
Carlos Sainz hatte die Strecke vorab dafür gelobt, nicht wie ein weiterer austauschbarer Kurs zu wirken. Diesen Nachweis hat der "Madring" schon vor seiner Formel-1-Premiere erbracht. Ob er dabei vielleicht etwas zu viel Charakter bekommen hat, dürfte sich dann spätestens am Freitag zeigen.