Teamwork im OP in Jugenheim seit 25 Jahren: Der Arzt entscheidet, der Roboter fräst
Wo früher Kinder zur Welt kamen, werden heute Menschen mit Schmerzen an Gelenken, Muskeln oder Wirbelsäule behandelt. Aus dem einstigen Kreiskrankenhaus Jugenheim im gleichnamigen Ortsteil der Gemeinde Seeheim-Jugenheim (Darmstadt-Dieburg) ist eine orthopädische Spezialklinik mit 80 Betten geworden. Einen Schwerpunkt bildet das Einsetzen künstlicher Knie- und Hüftgelenke. Den Wandel stieß in den 1990er-Jahren der damalige Chefarzt an. Markus Albig, heute OP-Leiter und OP-Koordinator, begleitete den Aufbau von Anfang an. Insgesamt setzt die Klinik nach eigenen Angaben aktuell rund 1.300 künstliche Hüft- und Kniegelenke pro Jahr ein. Entwicklerklinik mit internationalem Ruf Bereits Anfang der 2000er-Jahre baute das Team zunehmend auf computergestützte Navigation mit einem Robotersystem. Jugenheim wurde Hospitations- und Entwicklerklinik für die neue Technik. "Wir waren von Anfang an eine bedeutende Klinik in diesem Bereich", sagt Albig. Denn Erfahrungen aus dem OP seien auch in die Weiterentwicklung von Instrumenten eingeflossen. Ärzte und OP-Teams aus zahlreichen Ländern kommen seitdem nach Jugenheim, um sich die Technik zeigen zu lassen. 2005 reiste das Team selbst nach China, um die Robotik dort vorzuführen. Jugenheim sei die einzige Klinik deutschlandweit, die mittlerweile drei robotische Geräte einsetzt, sagt Albig. Von "Galileo" zum "Cori" Die Technik hat sich in diesen 25 Jahren natürlich grundlegend verändert. "Galileo hieß das erste System und hatte noch Windows 95 als Betriebssystem", erinnert sich OP-Leiter Albig. Heute stehen in Jugenheim drei Geräte des neuen Modells "Cori" aus dem Jahr 2021, enwickelt von einem britischen Medizintechnikunternehmen. Jedes besteht unter anderem aus Kamera, Computer, sterilem Tablet und einer robotisch gesteuerten Fräse. Ein Gerät kostet nach Angaben der Klinik rund 500.000 Euro, die Anschaffung wurde auch vom Landkreis Darmstadt-Dieburg finanziert. Das Knie entsteht als 3D-Modell Zu Beginn der Operation werden kleine Tracker am Bein des Patienten befestigt. Eine Kamera erkennt dadurch, wo sich das Knie befindet und wie es bewegt wird. Aus den Daten erstellt das System direkt im OP ein dreidimensionales Modell. Auf einem sterilen Touchscreen kann der Arzt anschließend Größe, Position und Ausrichtung der Prothese planen. Das System simuliert, wie sich die verschiedenen Varianten auf Beweglichkeit und Stabilität des Knies auswirken würden. "Der Arzt hat damit immer die letzte Kontrolle", betont Peter Schräder, ärztlicher Leiter der Kreiskliniken. Der Computer macht zwar einen Vorschlag für die Position des künstlichen Gelenks, der Operateur kann diesen noch ändern. Erst wenn der Arzt die Planung freigibt, überträgt das System sie auf eine handgeführte Fräse. "Sie werden als Patient niemals von einem Roboter operiert", macht Schräder deutlich. Der Chirurg hält die Fräse in der Hand, das System begrenzt den Bereich, in dem Knochen abgetragen werden kann. Jedes Bein ist anders Menschen haben von Natur aus unterschiedliche Beinachsen, bei herkömmlichen Knieoperationen werde das künstliche Gelenk aber häufig an einer festgelegten Standardachse ausgerichtet, erklärt Schräder. Mit der digitalen Planung soll sich die Prothese stärker an der persönlichen Anatomie orientieren. Schräder verweist darauf, dass weltweit etwa 20 Prozent der Patienten nach einer Knieprothese nicht vollständig zufrieden seien, obwohl Röntgenbilder und Untersuchungen unauffällig wirkten. Die Robotik solle helfen, diese Quote zu senken und die Beweglichkeit nach der Operation zu verbessern. Präzision bis auf den Zehntelmillimeter Nach Angaben der Klinik kann das System die ärztliche Planung auf 0,1 Grad und 0,1 Millimeter genau umsetzen. Schräder vergleicht die Präzision mit einem rohen Ei, bei dem die harte Schale abgefräst werden könne, ohne die dünne Haut darunter zu beschädigen. "Das ist das, was kein Chirurg auf der Welt kann", sagt er. Die Rollen seien deshalb klar verteilt: Der Mensch plant und bewertet, die Maschine setzt diese Planung möglichst genau um. "Der Chirurg ist für die intellektuelle Leistung zuständig", sagt Schräder. "Die Umsetzung des Ganzen, das mache ich mithilfe des Roboters." RoboDoc wurde zum warnenden Beispiel Dass medizinische Robotik nicht automatisch bessere Ergebnisse liefert, zeigte sich bereits in den 1990er-Jahren. Damals wurde unter anderem in Frankfurt der sogenannte RoboDoc eingesetzt, ein umgebauter Industrieroboter, der bei Hüftoperationen selbstständig Knochen für die Prothese ausfräste. Nach Schräders Darstellung kam es zu erheblichen Problemen und später zu zahlreichen Klagen: "Dieses Ding hat so viel kaputt gemacht." Schräder war damals als medizinischer Gutachter aufseiten von Patienten mit den Fällen befasst und bezeichnet den RoboDoc rückblickend als "eine einzige Katastrophe". Mit der heutigen Knie-Robotik in Jugenheim sei dieses System jedoch nicht vergleichbar. "Die heutige Robotik an sich ist nur Teilrobotik", sagt Albig: Gesteuert und kontrolliert werde jeder einzelne Schritt durch den Operateur. Training mit der VR-Brille In Jugenheim wird inzwischen bereits die nächste technische Stufe erprobt. Mit Virtual-Reality-Brillen können Ärzte ein virtuelles Knie sehen und einzelne Operationsschritte trainieren. Am Patienten kommt die Technik bislang nicht zum Einsatz, sondern ausschließlich bei Schulungen. Auch künstliche Intelligenz könnte künftig beispielsweise bei der Qualitätssicherung eine größere Rolle spielen. Entscheidend sei, dass Mediziner den gesamten Prozess weiterhin steuern und bei Bedarf eingreifen können, sagt Schräder. "Für uns ist es wichtig, den gesamten Prozess immer aktiv mitzugestalten." Der Erfolg zeigt sich nach der Operation Für Albig liegt der wichtigste Nutzen der Technik ohnehin nicht in den Zahlen auf dem Bildschirm. "Mein Lieblingsaspekt ist eigentlich hinter der Operation", sagt der OP-Leiter. Er erlebe im Landkreis immer wieder ehemalige Patienten und sehe, "wie gut und wie schnell die aus solchen Operationen rauskommen". Manche schrieben später Dankesbriefe, andere sprächen ihn bei einem Fest auf ihre Operation an. Dann seien sie stolz darauf, wie gut sie wieder laufen könnten, sagt Albig. "Da können wir stolz darauf sein, dass wir es schaffen, mit so einer exakten Operationsart die Patienten so glücklich zu machen."