Tennet-CEO Meyerjürgens: "Solarförderung hat ausgedient"
Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Die Energiewende ist in Deutschland in vollem Gange. Der Umbau des kompletten Systems erfordert aber viel Geld und Geduld – und es läuft nicht alles perfekt. Ein Interview darüber, wie es jetzt weitergehen muss. Bis 2045 will Deutschland vollständig auf eine klimaneutrale Wirtschaft umgestellt haben. Das Ziel ist sehr ambitioniert, doch angesichts der Energiekrisen der letzten Jahre sind Entscheidungsträger auf allen Ebenen motiviert, schnell voranzukommen. Einer dieser Entscheidungsträger ist Tim Meyerjürgens, CEO des Stromübertragungsnetzbetreibers Tennet. Die Aufgabe seines Unternehmens ist es, erneuerbaren Strom zu transportieren – von Nord nach Süd, über die Grenzen hinweg, zu jeder Tages- und Nachtzeit. In den nächsten Jahren muss Tennet zusammen mit den anderen drei Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland – 50Hertz, Amprion und TransnetBW – Milliarden in den Ausbau und die Stärkung des Stromnetzes investieren. Damit das gelingt und die großen Summen möglichst effizient eingesetzt werden, ist auch die Politik gefragt. Im Interview mit t-online spricht Tim Meyerjürgens deshalb über die Energiepolitik im ersten Jahr der Bundesregierung, über die Erfolge und Misserfolge – und darüber, ob Deutschland das Klimaziel für 2045 aufgeben sollte oder nicht. Herr Meyerjürgens, gerade hat die parlamentarische Sommerpause begonnen, wir haben das erste volle Jahr dieser Bundesregierung hinter uns. Wie bewerten Sie deren Arbeit bisher? Im Moment ernten wir hauptsächlich noch die Früchte der Vorgängerregierung, die vieles beschleunigt hat. Bei der neuen Regierung hat es erst eine Weile gedauert, bis sie sich gefunden hat. Aber auch da sehen wir jetzt erste Erfolge. In der vergangenen Woche wurde etwa das Gesetz zur Sicherung der Versorgungssicherheit Strom (StromVKG) beschlossen. Das ist sehr wichtig für unser Energiesystem. Es gibt aber einige weitere Gesetzespakete, die erst jetzt in der Ressortabstimmung sind und die wir dringend benötigen – wie das Netzpaket, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und das Wind-auf-See-Gesetz – damit es weiter vorangehen kann. Stichwort StromVKG: Über den damit vorgesehenen Bau neuer Gaskraftwerke und deren staatliche Förderung wird sehr kontrovers debattiert. Warum? Vor allem, weil wir zu ideologisch auf die Energiewende schauen. Dabei müssen wir – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – ganz nüchtern auf die Fakten blicken: Deutschland stellt gerade das Energiesystem komplett auf Erneuerbare um. Das ist auch der richtige Weg, um geopolitisch langfristig unabhängig zu sein und um die Klimaschutzziele zu erreichen. Gleichzeitig braucht ein System, das stark von Wind und Sonne abhängig ist, sogenannte gesicherte Leistungen, die wir als Reserve in der Hinterhand halten müssen. Dass diese Kraftwerke zunächst mit Gas laufen, sollte nicht überbewertet werden, zumal sie perspektivisch mit Wasserstoff betrieben werden sollen. Aktuell nutzen wir dafür noch Kohlekraftwerke, die viel mehr CO2 ausstoßen als Gas. Diese Kohlekraftwerke möchte die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen 2030 abschalten. Ist das noch zu schaffen, angesichts der Verzögerungen beim Beschluss des StromVKG? Solange die neuen Kraftwerke nicht bereitstehen, gibt es keinen vollständigen Kohleausstieg. Das StromVKG sieht eine Inbetriebnahme der ersten Kapazitäten 2031 vor. Die Kraftwerke, die 2030 stillgelegt werden sollen, müssten dann übergangsweise als Back-up-Kraftwerke zur Verfügung stehen, bis die neuen fertig sind. Reicht die aktuelle Netzreserve dafür nicht aus? Die Anlagen, die wir heute in der Reserve haben, sind im Schnitt 40 Jahre alt. Einzelne Anlagen wurden sogar vor 50 oder 60 Jahren gebaut. Die müssen wir ersetzen, auch aus Effizienz- und Sicherheitsgründen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche konnte sich bisher nicht mit der SPD auf ein Erneuerbare-Energien-Gesetz oder ein Netzpaket einigen, dabei sind diese beiden Vorhaben sehr dringlich. Wie sehr ärgert Sie das? Es nützt nichts, wenn ich mich ärgere. Aber es stimmt schon, dass die Zeit drängt. Der Betrieb des Netzes wird immer komplexer und aufgrund des eher unkontrollierten Zubaus der erneuerbaren Energien immer teurer. Ein anschauliches Beispiel: Wir als Netzbetreiber mussten Anfang der 2000er-Jahre zweimal im Jahr in unser Netz eingreifen, um die Stabilität zu gewährleisten. Heute greifen wir etwa siebenmal am Tag ein. Wir müssen die Rahmenbedingungen dringend anpassen, um die Kontrolle über das Stromnetz und die Kosten zu behalten. Mit diesen Eingriffen meinen Sie sogenannte Redispatch-Maßnahmen (siehe Infokasten). Was kostet Sie das aktuell? Allein 2025 haben uns die Netzeingriffe 3,1 Milliarden Euro gekostet. Wir haben in den letzten Jahren mehrere Wechselstromleitungen in Betrieb genommen, die jede für sich zwischen 300 und 500 Millionen Euro pro Jahr an Redispatch-Kosten vermeiden. Gleichzeitig kommen in hohem Tempo mehr Erneuerbare hinzu – in dieser Geschwindigkeit kann das Netz gar nicht mitwachsen. Eingriffe ins Netz schützen vor Überlastung Der Redispatch ist der Eingriff in die Erzeugungsleistung eines Kraftwerks. Erkennen Ingenieure beim Netzbetreiber, dass es an einer bestimmten Stelle zu einem Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch kommen wird, werden Redispatch-Maßnahmen eingeleitet. Es wird ein Signal an die Kraftwerke in einem bestimmten Gebiet gesendet, das ihnen sagt, was sie unternehmen sollen: An einer Stelle (vor dem Engpass) soll ein Kraftwerk seine Leistung drosseln, an einer anderen Stelle (hinter dem Engpass) soll ein anderes Kraftwerk hochfahren. So wird das Ungleichgewicht wieder ins Lot gebracht. Für mehr Details lesen Sie diesen Artikel. Vor allem ist die Zahl der kleinen Solaranlagen auf Dächern enorm gestiegen. Haben wir es mit PV in Deutschland übertrieben? Nein, das würde ich nicht sagen. Wir brauchen den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wir müssen aber sehen, dass wir den Netzausbau und den Zubau der Erzeugungsanlagen in Gleichklang bringen. Loading... Loading... Loading... Das ist auch das Ziel von Ministerin Reiche. Ihr Vorschlag ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt: Demnach würden Investoren in Gebieten mit vielen vorhandenen Energieanlagen nur noch dann einen neuen Wind- oder Solarpark errichten dürfen, wenn sie finanzielle Nachteile akzeptieren. Der Vorschlag wurde heftig kritisiert – dabei sind sich alle einig, dass es ein Problem gibt. Wie könnte ein guter Kompromiss aussehen? Ich weiß nicht, ob es jemals gelingen wird, dass wirklich alle zufrieden sind. Der Redispatch-Vorbehalt hat aber eine große Kontroverse entfacht. Im Kern geht es um die regionale Steuerung, und dafür wären auch andere Instrumente vorstellbar. Ich finde aber, dass man den Redispatch-Vorbehalt auch zunächst aus dem Netzpaket ausklammern könnte, damit die ganzen anderen guten Vorschläge endlich umgesetzt werden. Reiche will auch die Solarförderung für private Haushalte abschaffen. Wie stehen Sie dazu? Das EEG wurde geschaffen, um die Erneuerbaren anzuschieben. Das hat hervorragend funktioniert – das Gesetz wurde weltweit kopiert. Heute haben wir in Deutschland ungefähr 60 Prozent Erneuerbare im Stromsektor, in unserem Netzgebiet sind es sogar 85 Prozent. Diese Anlagen sind nicht mehr in einer Einstiegsphase, sondern sie bilden heute das System. Das bedeutet auch, dass die Förderung ihren Zweck erfüllt und ausgedient hat. Im Mai gab es einen Feiertag, an dem die Strompreise auf -500 Euro pro Megawattstunde gefallen sind. Eigentlich ist das ein klares Signal an die Erzeuger, ihre Leistung zu reduzieren, weil der Strom offensichtlich keine Abnehmer findet. Da viele der Anlagen aber gefördert werden, reagieren sie nicht auf das Preissignal. Wenn das so weitergeht, droht die Situation, in der uns als Netzbetreiber kaum etwas anderes übrig bleibt, als gezielt einzelne Gebiete vom Netz zu nehmen, um das Gesamtsystem stabil zu halten. Die, die heute gefördert werden, haben Anspruch auf diese Einspeisevergütung für 20 Jahre. Eine Reform wird daran nichts ändern. Die Förderung für neue Anlagen sinkt ohnehin kontinuierlich ab. Behebt sich das Problem dann nicht von selbst? Wir können das Stromsystem auf keinen Fall weiter belasten. Im vergangenen Jahr kamen wir insbesondere im Süden Deutschlands, in Bayern, ans Limit. Ich glaube, niemand möchte, dass es wirklich zu gezielten Stromabschaltungen kommt. Warum kommen Sie denn nicht schneller mit dem Netzausbau voran? Der Netzausbau, die gesamte Energiewende, das ist eine Generationenaufgabe. Wir bauen unser gesamtes Energiesystem um. Und wir investieren massiv: Tennet Germany hat allein im Vorjahr zehn Milliarden Euro investiert. Es gibt in Deutschland kaum ein größeres Investitionsprogramm. Wir kommen voran, aber ein solches Projekt dauert einfach sehr lange, vor allem wegen der Planungs- und Genehmigungsverfahren. Wenn wir eine Stromtrasse von Nord- nach Süddeutschland bauen, dann muss jeder Abschnitt davon einzeln genehmigt werden. In der Vergangenheit hat das im Schnitt zehn bis zwölf Jahre gedauert. Danach kommen noch zwei bis fünf Jahre Bauzeit. Die letzte Regierung hat in diesem Bereich einiges beschleunigt, sodass wir jetzt bei Genehmigungszeiten von fünf bis sechs Jahren sind. Trotzdem ist es ein langfristiges Geschäft. Deutschland hat die höchsten Strompreise in Europa. Wie bekommen wir das in den Griff? Der Strompreis entsteht ungefähr zu einem Drittel aus der Erzeugung, zu einem Drittel aus Steuern und Abgaben und einem Drittel aus Netzkosten. Über die Erzeugung haben wir schon gesprochen, da müssen wir aus dem Förderregime rauskommen. Steuern und Abgaben kann nur die Politik bestimmen. Die Hälfte der Netzentgelte auf Übertragungsnetzebene entfällt auf die enormen Investitionen, um das Stromnetz zukunftsfest umzubauen. Die andere Hälfte wird getrieben durch die Redispatch-Kosten – ein hoher Preis, um das Netz stabil zu halten. Ein zentraler Hebel, um diese Kosten in den Griff zu bekommen, ist der Netzausbau. Wir gehen davon aus, dass wir in den 2030er-Jahren deshalb unsere Netzentgelte stabil halten können. Verursacht der Netzausbau aber nicht auch Kosten, die auf die Verbraucher umgelegt werden? Die Ausbaukosten werden wir über 40 Jahre abschreiben, es wird also immer nur ein Vierzigstel des Betrags pro Jahr umgelegt. Die Redispatch-Kosten werden aber immer sofort weitergegeben. Auch deshalb ist es so wichtig, den Ausbau der erneuerbaren Energien besser mit dem Netzausbau zu verzahnen. Zudem müssen alle Optionen gezogen werden, um die Kosten des Netzausbaus zu senken. Neue Gleichstromleitungen sollten konsequent oberirdisch statt unter der Erde gebaut werden. Das spart Milliarden und Zeit. Auch technisch sind Freileitungen deutlich robuster. Die denkbar schlechteste Lösung wäre ein Mix aus beidem. Vor solch vermeintlichen Kompromissen kann ich nur warnen. Am Wochenende hat ein Industriebündnis gefordert, das deutsche Klimaziel von 2045 auf 2050 zu verschieben. Ist das eine Debatte, die wir führen müssen?