Tfeld-Festival: Mehr Lokalpatriotismus geht nicht
Zwei Genres, vier Stages, 32 Acts, 14 Stunden Musik: Das Tfeld-Festival feiert an diesem Samstag Premiere auf dem Gelände des Tempelhofer Feldes und will zusammenbringen, was Berlin musikalisch seit Jahrzehnten prägt: Hip-Hop und elektronische Musik. Der eigene Anspruch: "Von Berlin für Berlin", das Line-up ausschließlich mit Acts aus der Hauptstadt und entsprechend hochkarätig.
Auch zwei Headlinerinnen sind dabei. Klingt banal, ist es aber nicht. Frauen auf Mainstages sind auf den großen Festivals noch immer eher die Ausnahme als die Regel.
Sogar als Inhaber eines Festivaltickets hat man bereits Wochen vor dem eigentlichen Festivalstart durchgängig Angst, etwas zu verpassen, Fomo-Spirale. Marketingtechnisch haben die Tfeld-Veranstalter nämlich wirklich alle Register gezogen: Pre-Event auf Pre-Event, gefühlt jede Brand verloste Tickets und alles, was auch nur entfernt mit der Unterhaltungsbranche zu tun hat, bewirbt die Veranstaltung mit immer neuen, meta Ideen. Jüngstes Beispiel: Rapper Almani AOB, der mit Ski Aggu live vom Bahnsteig des U-Bahnhofs Tempelhof streamte, bis Polizei und BVG einschritten.
Ähnlich Fiebertraum, aber eben auch smart kuratiert und sichtlich content-tauglich ist dann das tatsächliche Rahmenprogramm, das Look and Feel, am Festivaltag, der um 13 Uhr startet.
Der Vater von Twitch-Streamer Marli traut in einem Container unter anderem Liebespaare. In einem anderen kann man sich kostenlos die Haare schneiden lassen, woanders die Zähne mit glitzernden Steinchen aka Tooth Gems bedazzlen lassen, auf einem eigens eingerichteten Skateboardpark skaten oder Second-Hand-Mode auf dem Flohmarkt shoppen.
Es gibt einen Basketballcourt, einen Späti, eine Hüpfburg und ein Riesenrad sowie eine Autoscooter-Anlage, die zur Tanzfläche umfunktioniert wurde und vom ehemaligen Melt Festival inspiriert ist. Letztere Elemente erinnern stark an den ehemaligen Hasenheide-Rummel (RIP). Drumherum überall Graffiti, unter anderem vom Künstlerkollektiv artsy030, die Kuppel des Fernsehturms als aufblasbare Nachbildung und ein echtes Flugzeug.
Klar, es geht bei einem Festival in erster Linie um die Musik. Streckenweise merkt man dem Publikum aber an, dass es vielen mindestens genauso ums Chillen, Connecten und die Teilnahme an Aktionen und eben jenem Rahmenprogramm geht. Das Festival selbst versteht sich ohnehin als "Hommage an die Berliner Jugend- und Subkultur".
Die auf dieser Stage auftretenden Rapper werden nicht müde, ihrer Stadt Tribut zu zollen. Sei es in Ansprachen wie der von Nizi19, der das Publikum um 15:30 Uhr zum Moshpit animieren will: "Vergesst nicht: Wir sind in Berlin, wir sind in unserer Stadt, wir ficken Mütter." Oder in Songs des danach auftretenden AK Außerkontrolle, von dessen Diskografie ein erheblicher Teil den Namen der Hauptstadt ohnehin schon im Titel trägt. Siehe "BLN", "Das ist Berlin" oder "Echte Berliner".
Spätestens beim letzten Act der Hip-Hop-Stage wird klar, weswegen eigentlich alle hier sind. Pashanim, Kreuzbergs Prinz, macht den Platz vor der Bühne voll und spielt Tracks aus "Lounge City", seinem erst kürzlich erschienenen Album, dazu die Hits, die er mehrfach an die Chartspitze gebracht hat und die längst auch über Berlin hinaus als Sommer-Hymnen durchgehen.
Plastikstühle und sogar eine Soli-Bank hat er auf der Bühne, dazu Flammenwerfer: "Wallah, diese Filme, bin grad fast verbrannt."
Überhaupt ist Pashanim an diesem Tag wahrscheinlich der Einzige, der das Publikum wirklich komplett auf seine Seite bekommt. Und man fragt sich im Hinblick auf den Rest des geisteskranken Lineups immer mal wieder: Wen muss man den nonchalanten Berlinern eigentlich noch hinstellen, damit die mal richtig loslassen?
Zumindest heute, kann er das, ja. 20.000 Menschen sind es vielleicht nicht, aber vor seiner Bühne feiern mehr als bei jedem anderen Act des Tages. Zur Electro-Stage entlässt er diese mit den Worten "Ahla Kalkbrenner". Nach "Sky and Sand" ist dort um 22 Uhr Schluss – zumindest für die, die keine Tickets mehr für die ausverkaufte Afterparty im nachgebauten Watergate ergattern konnten.
Nächstes Jahr dann wieder?