Theater in Not: Polsterer verschwindet mit Stühlen und 190.000 Euro
Stand: 17.08.2026 10:54 Uhr Ein Polsterer aus Hannover sollte 650 Theaterstühle aus einem denkmalgeschützten Theater im münsterländischen Bocholt sanieren. Doch nun sind die Stühle weg - und auch der Polsterer ist unauffindbar. von Katja Bothe Das Schaufenster in der Vahrenwalder Straße ist abgeklebt. Hier war der Polsterer tätig, als er sich auf die Ausschreibung der westfälischen Stadt bewarb. Er war der günstigste Anbieter, konnte Referenzen vorlegen - daher wurde er mit dem Projekt betraut. Das war 2021. Für Abbau, Material und Lagerung erhielt der Mann bereits 190.000 Euro. Kommunikation zum Polsterer brach komplett ab Doch die Sanierung des gesamten Theaters zog sich hin, die Stühle wurden lange nicht benötigt. Als der Architekt aus Bocholt im vergangenen Jahr beim Polsterer nachfragte und sich die Stühle ansehen wollte, wurde es kompliziert. "Er hat gesagt, mir kommt kein Fremder auf den Hof", so der Bocholter Stadtbaurat Dave Welling. Die Kommunikation brach letztendlich komplett ab. Beschuldigter von mehreren Staatsanwaltschaften gesucht Die Staatsanwaltschaft Hildesheim hat die Ermittlungen vorübergehend eingestellt. Die Behörde ist involviert, weil der Beschuldigte seinen letzten Wohnsitz in Sarstedt (Landkreis Hildesheim) hatte. Laut Staatsanwältin Christina Wotschke steht nicht fest, wo der Gesuchte sich aufhält. Die Polizei fahndet bundesweit nach dem Mann. "Der Beschuldigte wird auch von anderen Staatsanwaltschaften zur Aufenthaltsermittlung gesucht." Es liegen also mehrere Anzeigen gegen ihn vor. Möglich ist, dass er inzwischen im Ausland ist - genauso wie die Stühle. Polsterer und Stühle könnten im Ausland sein Eine Unternehmerin, die früher ihr Geschäft neben dem seinen hatte, will mitbekommen haben, dass er Möbel zum Polstern ins Ausland geschafft hat, wo das Aufpolstern billiger ist. Keine Seltenheit bei solchen Betrieben, sagt Pierre Marcel Stolle, der Innungsobermeister für das Raumausstatter- und Sattlerhandwerk in Niedersachsen. Der gesuchte Polsterer war kein Innungsmitglied und hatte offenbar auch keinen Meisterbetrieb. "Ein Einzelunternehmer bräuchte für 650 Stühle fast zwei Jahre", so der Experte. Dass der Mann die Stühle in Ländern aufpolstern ließ, in denen die Arbeit günstiger ist, hält er für denkbar. Theaterstühle für immer verschollen? Dass die Stühle je wieder auftauchen, gilt als unwahrscheinlich. Die Stadt Bocholt hat bereits 800.000 Euro für einen Ersatz der Stühle eingeplant. Doch der Innungsobermeister aus Hannover, Pierre Marcel Stolle, möchte die Hoffnung nicht aufgeben: "Die können nicht weg sein. Wegschmeißen wird die keiner. Es ist ja ein Wert, irgendeiner will ja daran Geld verdienen." Doch ob derjenige weiß, dass diese Stühle der Stadt Bocholt gehören?