Therapeutin mahnt: Eierschalen-Eltern beeinflussen ihre Kinder ein Leben lang
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Therapeutin mahnt: Eierschalen-Eltern beeinflussen ihre Kinder ein Leben lang
Von: Sophia Sichtermann
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Manche Kinder empfinden bei ihren Eltern Unbehagen – eine Therapeutin erklärt, wie dies entsteht und was der Familiendynamik helfen kann.
Hamburg – Viele Menschen genießen Familienbesuche und freuen sich auf gemeinsame Zeit mit den Eltern. Doch für andere ist genau das eine Quelle von Anspannung. Sie fühlen sich nicht ernst genommen, für Kleinigkeiten kritisiert – und haben das Gefühl, jede Situation sorgfältig abwägen zu müssen, um keinen Konflikt auszulösen. Für dieses Phänomen hat die US-amerikanische Psychologin Kim Sage den Begriff „Eggshell-Parents“ geprägt, auf Deutsch: Eierschalen-Eltern. Kinder, die in einem solchen Umfeld aufwachsen, sind oft extrem wachsam gegenüber den Stimmungen ihrer Eltern – ein Verhalten, das sie häufig bis ins Erwachsenenalter begleitet.
Die Systemische Therapeutin und Autorin Melanie Hubermann erklärt gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media, wie es zu dieser Dynamik kommt: „Es handelt sich oft um eine transgenerationale Weitergabe. Häufig haben die Eltern selbst ein Trauma erlebt oder kommen aus einer Familie, in der es Traumata gibt.“ Wer selbst in einem solchen Umfeld aufgewachsen sei, habe oft nicht gelernt, eigene Gefühle zu zeigen oder zu regulieren. Die Folge für die Kinder: „Dann entsteht bei Kindern das Gefühl: ‚Ich muss auf Eierschalen laufen, weil ich nicht weiß, wie die Stimmung gerade ist.‘“ Häufig käme es in diesen Familien auch zu unkontrollierten Wutausbrüchen, so die Expertin.
Therapeutin: Kinder von Eierschalen-Eltern stehen unter Dauerstress
Hubermann betont, dass emotionale Unreife der Eltern zwar eine Rolle spielen könne, das Phänomen aber tiefer gehe: „Wenn Erwachsene wütend werden, fühlen sie sich oft klein und hilflos – das innere Kind übernimmt.“ Viele dieser Menschen hätten selbst keine sichere Bindung erlebt. Daraus entstehe ein Dominoeffekt, der sich über Generationen fortsetze.
Kinder von Eierschalen-Eltern übernehmen häufig Verhaltensweisen, die sie nie bewusst erlernt haben. Wer nicht vorgelebt bekommt, wie man mit Emotionen umgeht, kann diese oft selbst kaum benennen oder regulieren. „Wenn das fehlt, werden grundlegende Bedürfnisse schon früh nicht gestillt“, sagt Hubermann. Im Erwachsenenalter könne das dazu führen, dass Betroffene auf der Suche nach Liebe, Anerkennung oder Schutz in ungesunde Beziehungen geraten. Zudem übernähmen sie oft zu viel Verantwortung, achteten ständig auf die Gefühle anderer und stünden unter Dauerstress. „Irgendwann merken sie, dass sie dabei selbst zu kurz kommen“, so die Therapeutin.
Therapeutin: Viele Menschen bemerken Muster, wenn sie selbst Eltern werden
Viele Betroffene erkennen die Muster aus ihrer Kindheit erst dann, wenn sie selbst Eltern werden. „Oft kommt die Selbstreflexion, wenn man eigene Kinder bekommt. Viele merken dann: ‚Ich möchte meine Kinder nicht anschreien‘“, sagt Hubermann. Häufig stellten sie fest, dass sie zu ihren eigenen Kindern nicht so in Beziehung gehen können, wie sie es sich wünschten. „Zum Glück wird es heute normaler, sich Hilfe zu holen“, sagt die Therapeutin. Auch Krisen, Burn-out oder neue Lebenserfahrungen könnten eine solche Selbstreflexion anstoßen.