DAX +0,41 % 26.440,31 Pkt 18:00:00 MDAX +0,40 % 32.464,39 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,09 % 6.539,59 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,07 % 53.732,41 Pkt 22:41:05 S&P 500 +0,48 % 7.785,76 Pkt 22:39:27 Nasdaq +0,53 % 26.729,16 Pkt 23:15:59 Nikkei +0,59 % 68.713,80 Pkt 08:45:03 Gold +1,30 % 4.437,30 USD 23:00:00 Silber +0,18 % 65,11 USD 22:59:58 Brent 0,00 % 88,52 USD 22:59:58 WTI 0,00 % 82,40 USD 22:59:59 Bitcoin +0,12 % 63.100,85 USD 20:07:18 EUR/USD +0,37 % 1,15730 USD 23:29:57 EUR/GBP +0,11 % 0,85480 GBP 00:09:58 EUR/CHF +0,34 % 0,94060 CHF 23:29:57 EUR/JPY +0,38 % 184,365 JPY 23:29:57

Tod von Jason Arday: Mediale Hetzjagd oder Mitschuld der Universität Cambridge?

Welt

In einem sind sich die polarisierten Fronten in der Causa Jason Arday mit dem britischen Premierminister einig: dass der Aufstieg und Fall des am Freitag nach wochenlangen Vorwürfen des Plagiats und der Verfälschung seiner Biographie tot aufgefundenen Bildungssoziologen eine „Tragödie auf vielen Ebenen“ ist. Aber dann gehen die Wahrnehmungen auseinander. Nach den eingefahrenen Denkmustern des Kulturkrieges streiten sich Progressive und Konservative um die Frage, wer Jason Arday auf dem Gewissen habe. Die Verteidiger des entlarvten Akademikers, dessen Karriere wie ein Kartenhaus zusammenstürzte, behaupten, er in der Geschichte der Universität Cambridge sei durch eine rassistisch motivierte mediale Hetzjagd in den Tod getrieben worden. So prangert die britisch-nigerianische Autorin Seun Matiluko im linksgerichteten „Observer“ die Berichterstattung zu Arday als Ausdruck „einer Politik des weißen Ressentiments“ an, das automatisch misstrauisch gegenüber dem Erfolg von Schwarzen sei, „weil er irgendwie auf Kosten Weißer geht“. Auf der Gegenseite stehen die Kritiker, die in Jason Arday ein „Opferlamm des Diversitätskreuzzuges“ sehen, wie Brendan O’Neill von der libertären Internetzeitschrift „Spiked“ im konservativen „Spectator“ schreibt. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Der Wunsch, einen Heilsbringer zu erschaffen Auf dem Papier erfüllte das in einer Südlondoner Sozialsiedlung aufgewachsene Kind ghanaischer Einwanderer, das unerhörte Hürden überwunden haben will, um als jüngster schwarzen Professor in der Geschichte der Universität Cambridge ernannt zu werden, denn auch alle identitätspolitischen Kriterien. O’Neill bemängelt, dass Cambridge ihn „als schwarzes Wunderkind“ auf den Schild gehoben habe, in der Hoffnung, dass dessen bloße Anwesenheit an einem elitären Ort wie diesem dazu beitragen könne, die Sünden des Weißseins zu tilgen. Genau dieses „schwindelerregende, narzisstische Verlangen, eine Art schwarzen Heilsbringer zu erschaffen“, habe Cambridge dazu verleitet, die fragwürdigen Elemente in Ardays Lebenslauf zu ignorieren. O’Neill beschuldigt die Universität, die vor drei Jahren bei Ardays Ernennung zum Professor der Bildungssoziologie lobhudelte, dieser sei der „weltweit Beste“ auf seinem Gebiet, ihre Sorgfaltspflicht dem „Gott der Entkolonialisierung“ geopfert zu haben. Der „toxische Pakt der Identitätspolitik“ errichte wackelige Podeste für Denker ethnischer Minderheiten, die den Absturz oft doppelt so tödlich mache. Nigel Biggar, der emeritierte Oxforder Professor der Moraltheologie, gehört als beharrlicher Kritiker der Identitätspolitik zu denjenigen, denen nun vorgeworfen wird, sich durch den Fall Arday in ihrem Kreuzzug gegen die Zerstörung der Hochschulen durch Wokeness bestätigt zu fühlen. Mehrere Tage vor der dramatischen Wende tat er jedoch kund, um Ardays Leben zu fürchten. Der Akademiker sei zwar „seriell unehrlich“ gewesen, doch scheine er seine eigenen Lügen tatsächlich geglaubt zu haben. Dessen Lage habe etwas Tragisches. Denn wenn die Realität schließlich durchdringe, werde auch die Nemesis erscheinen und eine schreckliche Abrechnung das von Arday konstruierte Selbstbild zerstören. Biggar interessierte vielmehr die Frage, wie es dazu kam, dass Cambridge den Soziologen zum Professor ernannte, und was dies über den Zustand des Hochschulwesens aussage. Die Trümmer der alten Welt Der angesehene Politikwissenschaftler David Runciman, der bis vor zwei Jahren in Cambridge Professor war, argumentiert im „New Statesman“, dass der Fall niemals so hohe Wellen geschlagen hätte, wenn er sich nicht in Cambridge ereignet hätte. Der Kontrast zwischen dem hohen Ansehen der Institution und „der höchst zeitgenössischen Dynamik“ des Arday-Skandals verleihe der Geschichte ihre Brisanz. „Rasse, Klasse, Snobismus, Wokeness – all das tritt umso schärfer hervor, wenn die Handlung sich in dieser abgeschotteten Welt alter Colleges und elitärer Reputationen zuträgt, von denen einige nun in Trümmern liegen“, schreibt Runciman. Tatsächlich spiele sich die Geschichte eines vermeintlichen Phantasten vor dem Hintergrund der Phantasie-Vorstellungen ab, die Cambridge immer noch wecke, obwohl diese Welt vergangen sei. Bezeichnend ist, wie der Biologie-Ethiker Nathan Cofnas immer wieder ins Spiel gebracht wird. Mehrere Kommentatoren zeigen auf Cofnas, der sich gern als Opfer der Wokeness darstellt, weil er wegen seiner Behauptung, dass schwarze Akademiker in einer systemischen Meritokratie außerhalb des Sportes und der Unterhaltungsindustrie kaum in Spitzenpositionen gelangen würden, in Verruf kam. In diesem Zusammenhang hatte er in einem Blog den Fall Arday aufgegriffen. Vorwürfe des vermeintlichen Plagiats kursieren jedoch seit Längerem. Ein Journalist der Hochschulfachzeitung „Times Higher Education“, der im vergangenen Jahr eine eingehende Recherche unternahm, wurde der Polizei gemeldet und von einer führenden Kanzlei förmlich dazu aufgefordert, Arday nicht mehr zu kontaktieren. Auch dieser Versuch, eine seriöse Recherche zu vereiteln, ist ein Beispiel dafür, wie Fakten, die nicht ins Weltbild passen, ausgeblendet wurden. Insofern ist der entsetzliche Ausgang dieser Geschichte eine Parabel selektiver Wahrnehmung und konformen Denkens.

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren