Todesurteil für Iraner: Hamburger Freunde kämpfen um sein Leben
Stand: 02.10.2026 09:58 Uhr
2025 kam Ali Zarei nach Deutschland, zur Behandlung seines Auges. Das wurde bei Protesten im Iran verletzt. Vor einem halben Jahr kehrte er dorthin zurück, nun droht ihm die Hinrichtung. Seine Freunde in Hamburg wollen seinen Fall bekannt machen, um ihn zu schützen.
von Julia Schumacher
Ali Zarei auf einer Demo in Hamburg: Der 27-Jährige spricht in die Kamera, gegen das islamistische Regime, für ein freies Iran. Das Video ist einige Monate alt. Jetzt steht Hamid Parsa an derselben Stelle an der Hamburger Mönckebergstraße. Sein Freund Ali aber ist Tausende Kilometer entfernt, in Einzelhaft im Gefängnis Ghezel Hesar bei Karadsch im Iran. Seit Ende August ist klar: Ali Zarei ist zum Tode verurteilt.
Im September gelingt es Zarei, eine Sprachnachricht aus dem Gefängnis zu schicken. "Während ich jetzt mit euch spreche, wurde mein Todesurteil vor einem Gericht der Islamischen Republik bestätigt. Mit jedem Augenblick komme ich dem Galgen der Islamischen Republik näher", sagt er darin unter anderem. Er bittet Menschenrechtsorganisationen, die Vereinten Nationen und die iranische Diaspora: "Seid meine Stimme und verhindert meine Hinrichtung."
Wie Ali Zarei und Hamid Parsa einander fanden
Hamid Parsa kennt diese Stimme aus einer anderen Zeit. Er und Zarei begegneten einander zunächst im Internet. Beide waren bei Protesten in Iran im Jahr 2022 durch Schüsse an den Augen verletzt worden. "Als wir uns etwas erholt hatten, fanden wir uns über die sozialen Medien und nahmen Kontakt auf", erzählt Parsa. "Wir setzten unseren Kampf als ziviles Engagement fort." "Was mir zuerst einfällt? Sein gütiges Herz", sagt Parsa. Zarei habe Mitgefühl mit anderen gehabt und für Menschlichkeit und gegen Unterdrückung gestanden.
Ali und ich, wir kennen uns gut. Wir waren Mitstreiter, standen Seite an Seite und kämpften für die Freiheit Irans. Mich verbinden viele Erinnerungen mit ihm. Wir haben dieselben Schmerzen erlitten und teilen bittere Erfahrungen. Uns ist Ähnliches widerfahren: Die Verletzung an unseren Augen, durch die wir dort die Sehkraft verloren haben. Hamid Parsa, Freund von Ali Zarei
Die Schüsse bei den Protesten von 2022
Zareis Geschichte führt zurück in den Herbst 2022. Nach dem Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei gehen landesweit Menschen auf die Straße, in Massenprotesten. Amini war wegen eines angeblich nicht vorschriftsgemäß getragenen Kopftuchs festgenommen worden. Unter dem Ruf "Frau, Leben, Freiheit" richten sich die Proteste gegen das Herrschaftssystem. Auch Zarei demonstriert.
Am 7. Oktober 2022 treffen ihn nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen Schrotkugeln im rechten Auge. Er verliert dort seine Sehkraft. In seiner Sprachnachricht berichtet er, dass er 2023 festgenommen und in Einzelhaft verhört worden sei. Später kommt er frei. Anfang 2025 gelingt es ihm während eines Hafturlaubs, den Iran zu verlassen. Er gelangt über die Türkei nach Deutschland.
Ein humanitäres Visum und weitere Operationen
Der Münchner Verein "Munich Circle" hilft Zarei nach eigenen Angaben, ein humanitäres Visum zu erhalten. Am 23. April 2025 kommt er in München an und lässt sein Auge behandeln. Sein Augenarzt sagte tagesschau.de, Zarei benötige mindestens drei weitere Eingriffe. Diese Versorgung erhalte er im Iran nicht.
Zarei bleibt - angekommen in Deutschland - politisch aktiv. Er spricht bei Kundgebungen, verbringt einen großen Teil seiner Zeit in Hamburg, besucht so viele Demos, wie er kann, ist Teil der iranischen Community in der Stadt. Videos zeigen ihn vor dem Mediamarkt und am Rathausmarkt. Die Proteste dort hätten viel Aufmerksamkeit erhalten, sagt Parsa. Zarei sei auch in anderen deutschen und europäischen Städten aufgetreten.
Auftritt mit Reza Pahlavi
Im Februar 2026 spricht Zarei bei einer Großkundgebung auf der Münchner Theresienwiese. In der Spitze nehmen nach Polizeiangaben rund 250.000 Menschen teil. Auf der Bühne ist auch Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten letzten Schahs und ein prominenter Gegner der Islamischen Republik im Exil. Zarei unterstützt ihn.
Dass es oppositionelle Iraner gibt, die als Monarchisten gelten und den Sohn des letzten Monarchen Irans als Oppositionellen unterstützen werde in Deutschland oft zu einfach betrachtet, sagt der Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Danial Ilkhanipour. Er hat selbst iranische Wurzeln, kennt die Diaspora in Hamburg gut und ist Zarei in Hamburg begegnet.
Unter Pahlavis Anhängern gebe es Monarchisten, aber auch Republikaner, die in ihm vor allem einen Oppositionsführer sehen. Wer eine Monarchie für den Iran befürworte, meine oft eine parlamentarische nach europäischem Vorbild wie in Schweden oder im Vereinigten Königreich. "Demokratie ist das A und O", sagt Ilkhanipour. Menschenrechte, Gleichberechtigung und Minderheitenschutz seien für die meisten zentral. Zarei habe sich dieser Strömung zugeordnet.
Die bis heute offene Frage seiner Rückkehr
Im April 2026 kehrt Zarei nach Iran zurück - trotz eindringlicher Warnungen. Behörden wie das Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg raten Iranern und Iranerinnen, die sich der Opposition angeschlossen haben, dringend von einer Rückreise ab. Warum er trotzdem zurückkehrte, ist bis heute ungeklärt. Ein Münchner Freund berichtete tagesschau.de, Zareis Mutter sei krank gewesen. Zarei habe sie sehen wollen und zunächst von einem Treffen in einem Nachbarland gesprochen.
Druck durch das Regime als verbreitetes Muster
Ilkhanipour beschreibt die Zerrissenheit vieler Menschen im Exil: Sorge um Angehörige, Sehnsucht nach dem Land, zugleich die Gefahr durch das Regime. "Dieses Regime ist skrupellos. Familienmitglieder werden bedroht. Menschen werden erpresst, zurückzukommen, weil sonst Familienmitglieder unter Druck gesetzt werden", sagt er. "Was ihn am Ende angetrieben hat in dieser persönlichen Zerrissenheit, werden wir hoffentlich erfahren, wenn es gut ausgeht."
Auch Amnesty dokumentiert solchen Druck als verbreitetes Muster. Angehörige von Protestierenden würden verhört, festgenommen oder zu falschen Aussagen gedrängt, sagt Generalsekretärin Julia Duchrow. Einen Beleg für Druck auf Zareis Familie gibt es nicht.
Festnahme kurz nach der Einreise
Am 28. April 2026, kurz nach seiner Einreise, nehmen Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstministeriums Zarei laut HRANA (Human Rights Activists News Agency) fest. Ende Juni wird er in das Gefängnis Ghezel Hesar verlegt. Am 23. August wird ihm das Todesurteil mitgeteilt. Das Urteil nennt demnach als zentralen Vorwurf "Verderbnis auf Erden", auf Persisch "efsad-e fel-arz". Der weit gefasste und schwerwiegende Straftatbestand kann mit dem Tod bestraft werden. Es geht um Vorwürfe wie politische Aktivitäten, "Propaganda gegen das System", falsche Nachrichten, eine Gefährdung der nationalen Sicherheit sowie die unerlaubte Ein- und Ausreise.
Amnesty International zufolge setzen iranische Gerichte diesen Straftatbestand auch gegen politische Stimmen ein. "Die Justiz ist nicht unabhängig, die Verfahren sind nicht fair", sagt Duchrow. Der Vorwurf werde genutzt, "um Menschen zu bestrafen, die sich politisch aktiv geäußert haben und auch gegen die Regierung etwas gesagt haben". Zarei weist in seiner Sprachnachricht zurück, eine terroristische oder andere Gewalttat begangen zu haben.
Einzelhaft verstärkt die Sorge
Im September wird Zarei laut Amnesty International in Einzelhaft verlegt. Der Grund ist unbekannt, ebenso ein möglicher Hinrichtungstermin. Amnesty bewertet seine Lage als akut. Die Verlegung könne auf eine Vorbereitung der Vollstreckung hindeuten, sagt Duchrow; sicher sei das nicht. Zugleich dringe weniger über seinen Zustand nach außen. Zareis Fall steht in einer drastischen Entwicklung. Amnesty dokumentierte mindestens 853 Hinrichtungen 2023, mindestens 972 im Jahr 2024 und mindestens 2.159 im Jahr 2025. Die Zahlen umfassen unterschiedliche Vorwürfe; allein 998 Menschen wurden 2025 laut Amnesty International im Zusammenhang mit Drogendelikten hingerichtet. Zugleich trifft die Todesstrafe gezielt kritische Stimmen.
Was Deutschland tun kann
"Der bestürzende Fall ist dem Auswärtigen Amt bekannt. Wir stehen hierzu regelmäßig im Austausch mit Personen aus dem Unterstützerkreis", teilte das Amt dem NDR mit. Zu Einzelheiten äußere man sich zum Schutz der Persönlichkeitsrechte nicht. Deutschland lehne die Todesstrafe "unter allen Umständen" ab und setze sich weltweit für ihre Abschaffung ein.
Die Bundesregierung könne den Fall gegenüber Iran ansprechen und Druck gegen eine Vollstreckung ausüben, sagt Duchrow. Für Amnesty bleibt Öffentlichkeit wichtig. "Öffentlichkeit kann Leben retten. Davon bin ich einfach überzeugt", sagt Duchrow. Eine Garantie ist das nicht. Aufmerksamkeit könne aber den politischen Preis einer Hinrichtung erhöhen und Gefangenen wie Angehörigen zeigen, dass sie nicht allein sind.
Hamid Parsa setzt darauf. "Ali ist für mich wie Familie," sagt er. An der Stelle in Hamburg, an der sein Freund vor wenigen Monaten noch sprach, schaut er wieder auf das Handy. "Ali wird für mich immer eine Legende sein. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, in der Hoffnung, sein Leben retten zu können."