Tödliche Schüsse in Stade: 45-Jähriger ist in U-Haft
Stand: 30.06.2026 21:16 Uhr Nach den Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade mit sechs Toten herrscht Fassungslosigkeit. Nach und nach werden weitere Details zu den Hintergründen bekannt. Der Tatverdächtige befindet sich inzwischen in U-Haft. Das Amtsgericht Stade hat am Dienstagnachmittag einen Haftbefehl wegen sechsfachen Mordes gegen den 45-Jährigen erlassen, wie die Staatsanwaltschaft am Abend mitteilte. Der Mann wurde demnach in eine JVA gebracht. Der mutmaßliche Täter kommt aus der Region Hannover und hatte in der Einrichtung einen Termin mit Mitarbeitenden des Jugendamtes der Region Hannover und der Einrichtung. Dabei ging es nach NDR Informationen um das Sorgerecht für seine drei Monate alte Tochter, die zusammen mit der Mutter in der Stader Einrichtung untergebracht war. Bei diesem Gespräch am Montag soll der 45-Jährige dann mit einer Pistole auf die Mitarbeitenden geschossen haben. Vier Frauen und ein Mann starben noch vor Ort, ein weiterer Mann wenige Stunden später im Krankenhaus. Die Mutter und die gemeinsame Tochter wurden nicht verletzt. Der Tatverdächtige konnte auf der Flucht gestoppt werden und wurde festgenommen. Recherche: Rechtsstreit um Sorgerecht vor der Tat Nach Informationen von "Süddeutscher Zeitung" (SZ), NDR und WDR war der zu dem Zeitpunkt etwa fünf Wochen alte Säugling von den Eltern als Notfall in eine Klinik in Hannover gebracht worden. Dort soll ein behandelnder Arzt den Verdacht geäußert haben, das Kind leide unter den Folgen eines Schütteltraumas, einer potenziell lebensgefährlichen Hirnverletzung, die durch gewaltsames Schütteln des Babys entstehen kann. Dem sollen die Eltern widersprochen haben. Im Zuge der mehrwöchigen Behandlung des Kindes soll es unterschiedliche Auffassungen zwischen Eltern und Ärzten gegeben haben. So soll der Vater des Kindes, der spätere mutmaßliche Todesschütze, die Polizei zur Verhinderung einer Notoperation eingeschaltet haben. Ärzte der Klinik wiederum, das bestätigte die Staatsanwaltschaft Hannover auf Anfrage von SZ, NDR und WDR, haben ihrerseits bei der Polizei Anzeige gegen den Vater des Kindes erstattet, weil sie sich unter anderem durch sein aggressives Verhalten bedroht gefühlt hätten. Das war den Recherchen zufolge am 22. April. Patentante spricht von "Widersprüchen und Ungereimtheiten" Eine ganz andere Sichtweise der Vorgeschichte hat die Patentante in einem Schreiben dargelegt, das sie per E-Mail an den NDR und weitere Medienhäuser geschickt hat - drei Tage vor dem Gesprächstermin in der Stader Einrichtung, zu dem sie den 45--Jährigen gefahren haben soll. Sie spricht mit Blick auf den Aufenthalt im Krankenhaus vielmehr von "Widersprüchen, Ungereimtheiten und unzulänglichen Dokumentationen des medizinischen Personals". Unter anderem sei dem "Jugendamt die Darstellung der Eltern des Unfallhergangs offenbar nicht vollständig bekannt" gewesen. Demnach habe das Kind die Verletzungen nicht durch Schütteln erlitten, sondern durch einen "unbeabsichtigten (...) kräftigen Zusammenstoß zwischen seiner Stirn und der rechten Kopfseite der Tochter" im Elternbett, wo der Säugling mit den Eltern geschlafen habe. Jugendamt ordnet Inobhutnahme von Baby an Weder die Eltern des Kindes noch deren Rechtsbeistände waren bis zum Erscheinen dieses Artikels für eine Stellungnahme zu erreichen. Das beteiligte Jugendamt verweist auf die laufenden Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft, die Klinik beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht, den Datenschutz und das Persönlichkeitsrecht. Nach der Entlassung aus der Klinik in Hannover am 15. Mai soll den Informationen zufolge das Jugendamt die Inobhutnahme des wenige Wochen alten Mädchens eingeleitet haben, das zunächst von beiden Elternteilen gegen deren Widerspruch getrennt worden sei. Ein Familiengericht habe schließlich angeordnet, dass der Säugling wieder mit der Mutter zusammengeführt werden müsse - so seien Mutter und Kind am 26. Mai in der darauf spezialisierten Einrichtung in Stade untergebracht worden. Der Vater soll nach Informationen von SZ, NDR und WDR dem Beschluss des Familiengerichts in Teilen widersprochen haben. Auch zu den Vorgängen rund um die Inobhutnahme hat sich die Patentante in dem Brief an den NDR geäußert. So schreibt sie unter anderem, dass eine Mitarbeiterin des Jugendamtes falsche Informationen an die Einrichtung weitergegeben habe. Immer wieder betont sie, dass vor allem das Klinikpersonal gegenüber Gericht und Jugendhilfeeinrichtung den Kindsvater zu unrecht als aggressiv und bedrohlich geschildert hätte, so ihre Darstellung. Drei der Opfer aus der Region Hannover Drei Opfer sollen nach NDR Informationen beim Jugendamt der Region Hannover gearbeitet haben, die anderen in der Jugendhilfeeinrichtung selbst. Die Jugendamtsmitarbeiter, zwei Frauen und ein Mann, sollen für ein Gespräch mit dem mutmaßlichen Schützen aus Garbsen in der Region Hannover ins knapp 200 Kilometer entfernte Stade gefahren sein - nach NDR Informationen extra zu dritt, weil sie Ärger bei dem Termin erwartet hatten. Die Region Hannover teilte mit, man sei ob der Tat "zutiefst erschüttert" und "fassungslos". "Aus Respekt vor den Betroffenen und ihren Angehörigen sowie mit Blick auf die laufenden Ermittlungen werden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter zu dem Geschehen äußern", heißt es. Ermittlungen dauern an - Polizei schaltet Hinweisportal Die Polizei will nun eine Mordkommission einrichten. "Die Ermittlungen werden aufgrund des Umfangs und der Komplexität des Tatgeschehens in Kürze von dieser übernommen", hieß es am Dienstagnachmittag in einer Mitteilung. Es seien bereits Hinweise aus der Bevölkerung über das eingerichtete Hinweisportal eingegangen. Die Polizei bittet aber weiterhin darum, insbesondere Bild- und Videomaterial, das im Zusammenhang mit dem Ereignis stehen könnte, über das Hinweisportal hochzuladen. In Bezug auf die Mutter des Kindes und die 65-Jährige hat die Staatsanwaltschaft keinen Antrag auf Untersuchungshaft gestellt. Sie seien aus dem polizeilichen Gewahrsam entlassen worden. Polizei stoppt Fluchtwagen mit Schüssen Der genaue Ablauf der Tat in der Jugendhilfeeinrichtung ist bisher nicht öffentlich bekannt. Die Ermittler verwiesen auf die aufwendige und detaillierte Arbeit der Spurensicherung. Am Montagmittag gingen gegen 12 Uhr laut Polizei zeitgleich mehrere Notrufe in der Leitstelle ein. Mehrere Streifenwagen seien ausgerückt. Die Polizisten hätten "ein grausames Bild" in der Jugendhilfeeinrichtung vorgefunden. Vier Menschen seien tot gewesen, eine weitere Person sei nach erfolgloser Reanimation gestorben. Eine sechste Person erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Er war polizeilich bekannt, galt aber "bisher nicht als absolut gewalttätig", wie Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol am Montag in einer Pressekonferenz sagte. Der Polizei zufolge wurde der mutmaßliche Täter in Deutschland geboren und ist türkischer Staatsbürger. Verdächtiger hat keine Erlaubnis für Waffe Die Polizei konnte das Fluchtauto kurze Zeit später stoppen. Beamten stellten bei dem Verdächtigen eine Waffe sicher. Der Mann soll sie in Berlin am Bahnhof Zoo gekauft haben. Um welche Art es sich handelte, teilte die Polizei mit Verweis auf ermittlungstaktische Gründe nicht mit. Eine Erlaubnis zum Tragen einer Waffe habe er nicht gehabt. Kanzler Merz zeigt sich erschüttert Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schrieb auf der Plattform X: "Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark." Viele Menschen, "die helfen und schützen wollten", hätten ihr Leben verloren oder seien verletzt worden. Er dankte den Polizistinnen und Polizisten "für ihren schnellen Einsatz". Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) teilte seine Anteilnahme mit. "Ich bin zutiefst schockiert über das Ausmaß der Gewalt an einem Ort, der Schutz bieten soll", erklärte er. Behrens: "Kaltblütige Gewalttat" Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) bezeichnete das Geschehen als erschütternd. Gleichzeitig warnte er vor voreiligen Schlüssen. Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach in der Pressekonferenz am Montagabend von einer "kaltblütigen Gewalttat", die Spuren hinterlassen werde. Niedersachsens CDU-Vorsitzender Sebastian Lechner drückte ebenfalls sein Mitgefühl aus. Er sagte: "Wir verfolgen die Ermittlungen aufmerksam und vertrauen darauf, dass die Hintergründe dieser unfassbaren Tat lückenlos aufgeklärt werden."