Tödliche Schüsse in Stade: Neue Details zur Vorgeschichte bekannt
Stand: 30.06.2026 16:08 Uhr Nach den Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade mit sechs Toten ist die Trauer in der Stadt groß. Nach und nach werden weitere Details zu den Hintergründen bekannt. Der mutmaßliche Täter kommt aus der Region Hannover und hatte in der Einrichtung einen Termin mit Mitarbeitenden des Jugendamtes der Region Hannover und der Einrichtung. Dabei ging es nach NDR Informationen um das Sorgerecht für seine drei Monate alte Tochter, die zusammen mit der Mutter in der Stader Einrichtung untergebracht war. Bei diesem Gespräch am Montag soll der 45-Jährige dann mit einer Pistole auf die Mitarbeitenden geschossen haben. Vier Frauen und ein Mann starben noch vor Ort, ein weiterer Mann wenige Stunden später im Krankenhaus. Die Mutter und die gemeinsame Tochter wurden nicht verletzt. Der Tatverdächtige konnte auf der Flucht gestoppt werden und wurde festgenommen. Ermittler nennen weitere Details Das Jugendamt wollte nach Informationen des NDR Niedersachsen das Sorgerecht des Vaters einschränken, weil das Baby einem Gutachten der Medizinischen Hochschule (MHH) zufolge Verletzungen aufwies. Der Vater soll den Arzt, der das Gutachten erstellt hat, daraufhin verbal bedroht haben. Einschlägig polizeibekannt hinsichtlich häuslicher Gewalt sei der 45-Jährige aber nicht gewesen. Die Tatwaffe soll der Mann in Berlin am Bahnhof Zoo gekauft haben. Beim Fluchtversuch am Montagmittag soll er so lange auf Polizeibeamte geschossen haben, bis die Munition alle war. Die 65-jährige Frau, die den mutmaßlichen Täter zur Jugendhilfeeinrichtung gefahren hat, soll die Patentante des Babys sein und aus Bremen kommen. Drei der Opfer aus der Region Hannover Drei Opfer sollen nach NDR Informationen beim Jugendamt der Region Hannover gearbeitet haben, die anderen in der Jugendhilfeeinrichtung selbst. Die Jugendamtsmitarbeiter sollen für ein Gespräch mit dem mutmaßlichen Schützen aus Garbsen in der Region Hannover extra ins knapp 200 Kilometer entfernte Stade gefahren sein. Die Region Hannover hat die Informationen auf NDR Anfrage inzwischen bestätigt. Man sei ob der Tat "zutiefst erschüttert" und "fassungslos". "Aus Respekt vor den Betroffenen und ihren Angehörigen sowie mit Blick auf die laufenden Ermittlungen werden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter zu dem Geschehen äußern", heißt es. Mutter und Tochter unverletzt Bei dem Termin hatte es sich um ein sogenanntes Hilfeplangespräch mit dem 45 Jahre alten Verdächtigen gehandelt, wie Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol am Montag auf einer Pressekonferenz sagte. Weil der Vater als auffällig galt, sollte das Gespräch in großer Runde stattfinden. Die drei Monate alte Tochter des Verdächtigen war den Informationen von NDR und WDR zufolge aus der Familie genommen worden. Unter Auflagen habe das Kind zurück zur Mutter gedurft, aber nicht an deren Wohnort in Hannover, sondern in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade. Mutter und Tochter sind Schuol zufolge bei der Tat nicht verletzt worden. Das Kind kam zunächst in Obhut des Jugendamts, die 34-jährige Mutter in Gewahrsam. Die Frau sollte gestern vernommen werden. Polizei stoppt Fluchtwagen mit Schüssen Der genaue Ablauf der Tat in der Jugendhilfeeinrichtung ist bisher nicht öffentlich bekannt. Die Ermittler verwiesen auf die aufwendige und detaillierte Arbeit der Spurensicherung. Am Montagmittag gingen gegen 12 Uhr laut Polizeipräsidentin Schuol zeitgleich mehrere Notrufe in der Leitstelle ein. Mehrere Streifenwagen seien ausgerückt. Die Polizisten hätten "ein grausames Bild" in der Jugendhilfeeinrichtung vorgefunden. Vier Menschen seien tot gewesen, eine weitere Person sei nach erfolgloser Reanimation gestorben. Eine sechste Person erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Verdächtiger hat keine Erlaubnis für Waffe Die Polizei konnte das Fluchtauto kurze Zeit später stoppen. Beamten stellten bei dem Verdächtigen eine Waffe sicher. Um welche Art es sich handelte, teilte die Polizei mit Verweis auf ermittlungstaktische Gründe nicht mit. Woher der mutmaßliche Täter die Waffe hatte und ob mehrere Waffen zum Einsatz kamen, sei noch unklar, sagte Schuol. Eine Erlaubnis zum Tragen einer Waffe habe er nicht gehabt. Ermittler: Keine Clan-Verbindung bekannt Laut Polizei Lüneburg wurde der mutmaßliche Täter in Deutschland geboren und ist türkischer Staatsbürger. Er war polizeilich bekannt, galt laut Schuol aber "bisher nicht als absolut gewalttätig". Nach Informationen von NDR und WDR soll der er einem großen Clan aus Hannover angehören. Auf der Pressekonferenz hatten Polizei und Innenministerium gesagt, ihnen sei eine Clan-Verbindung nicht bekannt. Der 45-Jährige befindet sich derzeit in Polizeigewahrsam. Nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft wurde bisher kein Haftbefehl gegen den Mann erlassen. Ob und wann dieser am Dienstag beantragt werde, sei noch offen, sagte er am Montagabend. Das hänge von den weiteren Ermittlungsergebnissen der Polizei ab. Ermittlungen dauern an - Polizei schaltet Hinweisportal Die Ermittlungen dauern an. Wer Hinweise zu den tödlichen Schüssen in Stade geben kann, wird von der Polizei weiterhin gebeten, sich zu melden. Die Hinweise sowie Fotos und Videos können online in diesem Portal der Polizei Niedersachsen abgegeben werden. Kanzler Merz zeigt sich erschüttert Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schrieb auf der Plattform X: "Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark." Viele Menschen, "die helfen und schützen wollten", hätten ihr Leben verloren oder seien verletzt worden. Er dankte den Polizistinnen und Polizisten "für ihren schnellen Einsatz". Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) teilte seine Anteilnahme mit. "Ich bin zutiefst schockiert über das Ausmaß der Gewalt an einem Ort, der Schutz bieten soll", erklärte er. Behrens: "Kaltblütige Gewalttat" Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) bezeichnete das Geschehen als erschütternd. Gleichzeitig warnte er vor voreiligen Schlüssen. Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach in der Pressekonferenz am Montagabend von einer "kaltblütigen Gewalttat", die Spuren hinterlassen werde. Niedersachsens CDU-Vorsitzender Sebastian Lechner drückte ebenfalls sein Mitgefühl aus. Er sagte: "Wir verfolgen die Ermittlungen aufmerksam und vertrauen darauf, dass die Hintergründe dieser unfassbaren Tat lückenlos aufgeklärt werden."