"Totalkatastrophe": Dopingexperte spricht über den Fall Freigang
Seit Anfang Juni ermittelt der DFB-Kontrollausschuss gegen Laura Freigang. Dopingexperte Prof. Dr. Fritz Sörgel erklärt im Interview, womit die Nationalspielerin rechnen muss, was das für ihren Alltag bedeuten würde und welche Lehren Sportler ziehen sollten. Ein Interview von Andreas Reiners Drei Kontrollen innerhalb von zwölf Monaten, bei denen die Doping-Fahnder Laura Freigang nicht am gemeldeten Ort antrafen: Seit Anfang Juni prüft deshalb der DFB-Kontrollausschuss den Fall, ein Ergebnis liegt immer noch nicht vor. Die 28 Jahre alte Kapitänin von Eintracht Frankfurt spielt weiter, trifft in der Champions-League-Qualifikation – und wartet. Sörgel kennt die Vergleichsfälle der vergangenen Jahre im Detail. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er, wonach der Kontrollausschuss in diesen Wochen sucht, warum eine Sperre für eine Fußballerin harte Folgen hätte und wie eng die Meldepflichten tatsächlich sind. Auch der Fall Owen Ansah kommt zur Sprache. Herr Sörgel, wie schwerwiegend ist eine verpasste Dopingkontrolle? Prof. Dr. Fritz Sörgel: Eine allein ist noch keine Katastrophe. Eine zweite auch nicht. Die dritte führt dann sofort in die Totalkatastrophe. Wobei der Unterschied zur verweigerten Kontrolle dramatisch ist, das muss man deutlich sagen. Für eine Verweigerung stehen sofort vier Jahre im Raum, wie die NADA ja auch für Owen Ansah fordert. Bei drei versäumten Kontrollen kommt man bei sachlicher Verteidigungslinie in der Regel mit zwei Jahren durch. Praktisch nie wird auf eine Dauer von einem Jahr votiert, manchmal landen die Sportler irgendwo zwischen einem und zwei Jahren. Aber für weniger als zwei Jahre müssen wirklich besondere Verhältnisse zugunsten des Sportlers oder der Sportlerin vorliegen. Wann gilt eine Kontrolle überhaupt als verpasst? Wenn der Sportler in seiner vorgesehenen Stunde nicht da ist. Er meldet: Ich bin von 14:30 bis 15:30 Uhr in Hamburg an dieser bestimmten Adresse. Und wenn er sich dann dort nicht befindet, ist es ein Missed Test. Punkt. Laura Freigang gehört als Nationalspielerin zum Registered Testing Pool, dort gelten die strengsten Meldepflichten. Wie eng ist dieses System gestrickt? Sehr eng. Der Pool gilt für alle Sportler mit internationaler Relevanz. Fußball ist in diesem Land ohnehin eine Art Religion, die wichtigste Sportart – da zählen Nationalspieler selbstverständlich dazu. Genauso die erste und zweite Bundesliga, bei den Frauen wie bei den Männern. Dahinter steht eine einfache Logik: Je größer das Leistungsniveau, desto größer der Verdacht, dass es vielleicht nicht ganz sauber zugehen könnte. Da gibt es nichts zu diskutieren, die Tests werden durchgezogen. Laura Freigang: Ein komplizierter Fall Halten Sie das System für gerecht? Drei verpasste Tests sind die Grenze. Wenn man fragt, wie viele Chancen man Menschen geben soll, die in irgendeiner Weise gegen Regeln verstoßen haben, landet man in vielen Lebensbereichen bei dieser Zahl. Aber mehr auf keinen Fall. Vier Versäumnisse in zwölf Monaten hieße im Schnitt alle drei Monate eines. Man könnte auch argumentieren: Nach dem ersten Test hätte man vorsichtig sein müssen. Beim zweiten erst recht. Und dann passiert es ein drittes Mal – bei einer Profisportlerin, deren Beruf und Einkünfte davon abhängen, dass sie spielen darf. Da stellt sich die Frage: Wie kommt es dazu? Freigang spricht bei ihren verpassten Tests von Unstimmigkeiten und Missverständnissen. Laut einem Bericht der "Bild" geht es vor allem um den dritten verpassten Test. Sie sei am 23. Februar bei ihren Eltern gewesen, habe aber ihre Wohnung als Aufenthaltsort angegeben. Dort sei sie nicht angetroffen worden, sei dann aber dort hingefahren und habe eine negative Probe abgegeben. Hinzu kommt, dass Sie an diesem Tag ein Spiel gegen den SC Freiburg hatte. Im Raum steht deshalb, dass ein privater Test gar nicht hätte stattfinden dürfen. Das hört sich sehr kompliziert an. Im Moment wird viel spekuliert, weil es nur wenige offizielle Informationen gibt. Dass die Sache für Außenstehende nicht leicht zu verstehen ist, liegt auf der Hand. Wir reden hier über eine hochprofessionelle Fußballerin. Natürlich kann so etwas passieren. Aber dann muss man auch mit den Folgen rechnen. Zugegeben, es ist schon hart, wenn man einen Beruf mit vielen Terminen ausübt und dabei jeden Tag eine Stunde angeben muss, in der man an einem bestimmten Ort ist. Aber sie kann das kurzfristig ändern. Am Ende wäre ein falscher Eintrag ein sogenannter "Filing Failure". Und der würde genauso bestraft wie ein verpasster Test. Das betont die WADA in aller Klarheit. Wann kann sie auf einen Freispruch hoffen? Zunächst einmal sind zwei Jahre die Ansage. Bei einem kompletten Versagen aller Kommunikation mit dem Meldesystem oder Fehlern darin könnte man eine einjährige Sperre in Betracht ziehen. Die gab’s bisher praktisch nie bei Missed Tests oder Filing Failures. Sollte man nachweisen können, dass der Fehler überhaupt nicht bei ihr lag, würde der verpasste Test wegfallen, sie würde also nicht gesperrt. Ein Freispruch wäre aber so ungewöhnlich, dass NADA beziehungsweise WADA sofort Einspruch einlegen würden. Dann würde der Fall vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS landen. Warum dauert das so lange? Die Ermittlungen des DFB-Kontrollausschusses laufen seit Anfang Juni. Der DFB verweist auf einen umfangreichen Sachverhalt und komplexe medizinische wie rechtliche Fragen, Sorgfalt gehe vor Schnelligkeit. Sehen Sie das auch so? Es sind jetzt zwei Monate. Die NADA hätte nach dieser Zeit das Recht einzugreifen und zu sagen: Es reicht, wir haben keine Abweichung feststellen können, die den Test infrage stellt, jetzt kommt der Fall vor den Sportgerichtshof. Das wäre eine interessante Frage an die NADA – warum sie das eigentlich nicht tut. Und den DFB könnte man fragen, warum das so lange dauert. Es gibt die Befürchtung, dass sich der Kontrollausschuss bis Anfang nächsten Jahres Zeit lässt. Warum, das erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht. Denn so schwierig ist der Fall nun auch wieder nicht. Was genau sucht der Kontrollausschuss? Es wird geschaut, was im Rahmen des dritten verpassten Tests tatsächlich passiert ist. Man schaut sich an, wo in vergleichbaren Fällen Strafmilderungen möglich waren. Und man durchleuchtet das System möglicherweise selbst nach Fehlern. Ob das dann tatsächlich zählt, ist eine ganz andere Frage. Es bleibt aber in jedem Fall erstaunlich, dass eine Nationalspielerin ein Jahr vor der WM das Risiko eingeht, durch Nachlässigkeit einen dritten Strike zu bekommen. Macht man sich da keinen Kalendereintrag? Mit zwei Strikes ist man auf der Kante zum Absturz. Gibt es Präzedenzfälle, an denen man sich orientieren kann? Der interessanteste ist Salwa Eid Naser, die 400-Meter-Weltmeisterin von 2019. Die hatte sogar vier Kontrollen, bei denen sie nicht am angegebenen Ort war. Dann hat man das trickreich gelöst und den Beobachtungszeitraum verschoben – die drei Versäumnisse beziehen sich ja immer auf zwölf Monate. Ein Test wurde für ungültig erklärt, sie kam zunächst ohne Strafe davon. Bis die WADA eingriff, vor den Internationalen Sportgerichtshof zog und sie zwei Jahre gesperrt wurde. Was heißt das für den DFB? Die Regel ist: Wenn eine Sperre beim DFB von unter zwei Jahren herauskommt, landet der Fall ziemlich sicher vor dem CAS. Und dann liegen dort sämtliche Dokumente auf dem Tisch, die der DFB vorgebracht hat. Wenn daraus hervorgeht, dass mit aller Gewalt versucht wurde, einen Test wegzudiskutieren, hat man beim CAS schlechte Karten. Der DFB sollte also sehr vorsichtig sein und sich nicht überschätzen. "Zwei Jahre wären sehr schwerwiegend" Egal, was jetzt herauskommt: Fassen Sie sich als Experte an den Kopf, wenn so etwas passiert? Ja, da fasst man sich an den Kopf. Aber ich kenne Frau Freigang nicht, um zu spekulieren, ob es fahrlässig war oder absichtlich. Das kann im Moment keiner wirklich beurteilen. Es kommen ja zwei Dinge zusammen: die Sperre und die Tatsache, dass sie in dieser Zeit auch älter wird und vermutlich noch längere Zeit für die Wiedereingliederung braucht. Gerade, wenn es zwei Jahre werden, dann wäre das für eine Fußballerin in ihrem besten Alter sehr schwerwiegend. Was würde eine Sperre für Freigang praktisch bedeuten? Bei einer Sanktion dürfte sie das Vereinsgelände nicht einmal betreten, sie dürfte nicht mittrainieren. Auch nicht irgendwo bei einem Kreisliga-Verein in Frankfurt mitspielen. Nicht einmal auf einem regulären Fußballplatz. Das ist eine harsche Strafe, anders kann man das nicht sagen. Was bedeutet das? Schauen Sie sich verletzte Spieler an, wie lange die brauchen, bis sie trotz abgeheilter Verletzung wieder da sind. Sie wird das Fußballspielen nach zwei Jahren nicht komplett verlernt haben, aber nach einer Zweijahressperre wird es dauern, bis sie wieder bereit sein wird, ganz vorne mitzuspielen. Wie geht ein Mensch mit so einer Situation um? Freigang hat zuletzt gute Leistungen gebracht. Offensichtlich kann sie sich mit dieser Strafe im Hintergrund konzentrieren, genau wie Leichtathlet Ansah. Aber Hochleistungssportler sind eine besondere Spezies. Auf dem Platz können sie das oft ausblenden, das haben sie gelernt, die Sportpsychologie spielt heute in allen Disziplinen eine große Rolle. Wie es abends vor dem Einschlafen aussieht, ist ein anderes Thema. Es wären ungewöhnliche Menschen, wenn sie darüber gar nicht nachdächten. Hinter drei Missed Tests steht genauso wie hinter einem verweigerten Test der hohe Dopingverdacht. Ohne diese fast hundertprozentige Annahme könnte man ja gar keine solchen Sperren aussprechen. Gegen Freigang besteht kein Dopingverdacht, das wird von allen Seiten betont. Kommt der trotzdem automatisch auf? Ihr später abgegebener Test soll ja negativ gewesen sein. Trotzdem wird Sportlern grundsätzlich misstraut, die WADA hat zwar in den Jahren auch Fehler gemacht, aber sie hat Routine in der Einschätzung von Ausreden. Es zeigt sich, dass die Sanktionen in vielen umstrittenen Fällen im Nachhinein nicht ganz unberechtigt waren. Was glauben Sie, wie es ausgeht? Gehen wir davon aus, dass die WADA zum CAS geht. Dann kommt es wirklich darauf an, wie Freigang und der DFB beim CAS auftreten. Der wird nach dem Statement der NADA, alles sei bei den drei Tests in Ordnung gewesen, fragen, warum man überhaupt da sei. Zwei Jahre werden es, wenn der DFB übertreibt, oder ein paar Monate weniger, wenn es tatsächlich gute, veritable Argumente gibt. Aber auf keinen Fall dürfte Frau Freigang mit einer einjährigen Sperre davonkommen. Es gibt zahlreiche Beispiele für zwei Jahre und praktisch keine Sonderfälle von einem Jahr Sperre. Eine Reduktion akzeptiert man international eigentlich nur, wenn sie vom CAS kommt – das gilt als neutrale Institution. Trifft eine deutsche Instanz diese Entscheidung im Alleingang, wird sie angegriffen. Und dann kann es passieren, dass am Ende doch zwei Jahre stehen. Wie ist es beim Fall Owen Ansah? Bei Owen Ansah ist es ein mutmaßlich verweigerter Test. Er hat bei der EM Gold und Bronze geholt. Was glauben Sie, wie der Fall ausgehen wird? Bei ihm ist der Fall im Grunde klar. Bei einem verweigerten Test gilt zunächst einmal die Vierjahressperre als Standard. Er stand unter Zeitdruck, weil er seinen Flieger bekommen musste. Ist das nicht trotzdem fahrlässig? Es war ihm in dem Moment vielleicht wirklich nicht klar. Und ich glaube, genau das wird in der Verhandlung der entscheidende Punkt sein: Hat der Kontrolleur ihn ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ihm diese Strafe droht, wenn er jetzt geht? Ansah hat ja betont, dass der Kontrolleur ihm viel Erfolg gewünscht hat. Wenn das so stimmt, sagt es etwas über die Atmosphäre bei diesem Gespräch. Ich war noch nie bei so etwas dabei, vielleicht läuft das immer locker ab, man will den Sportler ja nicht nervös machen. Aber "viel Erfolg" könnte für Ansah geheißen haben: Was du machst, ist in Ordnung. Starten durfte er zu dem Zeitpunkt, er war ja nicht sanktioniert. Er ist es bis heute nicht. Da darf man viel Erfolg wünschen. Ist ein Freispruch denkbar? Auf diese Verhandlung bin ich sehr gespannt, weil man sehen wird, welche Informationen mündlich und als Dokumente zwischen Ansah und dem Kontrolleur ausgetauscht wurden und was er zu seiner Entlastung vorbringt. Spekulationen, ob entscheidende Dokumente unterschrieben wurden, zirkulieren. Unwahrscheinlich, dass eine Sanktion von unter zwei Jahren herauskommt. Bitter, denn das wäre eine harte Strafe auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit. Gibt es noch etwas Besonderes in den beiden Fällen Ansah und Freigang? Eine wichtige Information, die in dem "Bild" -Bericht fehlt: Wieviel Zeit war zwischen dem verpassten Test und dem nachgeholten Test vergangen? Das könnte auch für den Fall Ansah von Bedeutung sein. Wenn man bei Freigang zeitlich mit einem größeren Abstand noch testet, dann wird Herr Ansah auch fragen dürfen, warum man keine Zeit hatte, ihn am Flughafen zu testen. Auch der französischen Leichtathletin Cyrena Samba-Mayela droht wegen dreier verpasster Tests eine Sperre von zwei Jahren. Wundert Sie die Menge an Fällen? Empfehlungen der Redaktion Hendrich spricht über mögliches Karriereende in Köln Füllkrug zurück in Bremen: "Werde in einer anderen Währung bezahlt" Mainz 05 vergisst Aufstiegsspielerinnen bei Eintragung ins Goldene Buch Das zeigt, dass das Anti-Doping-System funktioniert. Vor allem zeigt es, dass die Sportler diese Tests sehr ernst nehmen sollten. Mit verpassten Tests ist nicht zu spaßen, mit verweigerten Tests sowieso nicht. Deshalb greifen NADA und WADA auch rigoros durch – sonst würde man das eigene System untergraben.