"Tote Hand": Russland lässt wohl Atomkriegs-Bunker im Ural modernisieren
Tief unter einem kilometerhohen Gebirge
Putin rüstet den Atomkriegs-Bunker im Ural offenbar massiv auf
Von t-online, jse
27.09.2026 - 20:19 UhrLesedauer: 3 Min.
Geheime Militärdokumente belegen: Russland hat seinen berüchtigten Kalter-Krieg-Mechanismus für einen automatisierten Atomgegenschlag modernisiert und reaktiviert. Experten sind alarmiert.
Tief im Ural, nahe dem abgelegenen Dorf Kytlym, liegt ein Berg, der eines der bestgehüteten Geheimnisse Russlands birgt. Hinter einer massiven Eisentür, bewacht von Maschinengewehrtürmen und mehreren Sicherheitsschleusen, erstreckt sich unter dem Koswinski-Massiv ein weitverzweigtes Tunnelsystem – der Bunker "Objekt 1335".
Von hier aus sollen die russischen Strategischen Raketenstreitkräfte einen Atomkrieg führen können. Russland scheint sich darauf vorzubereiten. Das legen Recherchen des dänischen Investigativmediums "Danwatch" in Zusammenarbeit mit der britischen "Sunday Times" und dem "Dossier Center" nahe.
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Millionen Dokumente, ein eindeutiges Bild
"Danwatch" wertete nach eigenen Angaben mehr als zwei Millionen russische Militärbeschaffungsdokumente aus. Das Ergebnis ist eindeutig: Seit 2018 hat das russische Verteidigungsministerium tausende Einzelaufträge für Objekt 1335 erteilt. Bestellt wurden mehr als 56.000 Tonnen Zement, 22.000 Tonnen Stahl (dreimal so viel wie im Eiffelturm), 600 Kilometer Elektrokabel, 95 schwere Baumaschinen sowie Spezialausrüstung für Gesteinsbohrungen, Belüftung und den Schutz vor chemischen und radioaktiven Materialien.
"Das sind kolossale Mengen", sagt Per Goltermann, Professor für Bau- und Maschinenwesen an der Technischen Universität Dänemark. Allein mit dem bestellten Zement ließen sich konservativ geschätzt mindestens 150.000 Quadratmeter Betonelemente herstellen. "Es ist ein enormes Bauprojekt."
Was ist die "Tote Hand"?
Hinter dem Ausbau steckt mehr als bloße Infrastruktur. Experten und ehemalige russische Militärs sind überzeugt: Objekt 1335 wird zur Heimatbasis eines reaktivierten Systems namens Perimetr – im Westen bekannt als die "Tote Hand".
Das System wurde in den 1970er-Jahren von sowjetischen Ingenieuren entwickelt und 1985 erstmals aktiviert. Es ist eine Art atomare Lebensversicherung: Sollte Russland einem Überraschungsangriff zum Opfer fallen und die politische und militärische Führung ausgelöscht werden, kann Perimetr selbstständig – oder mit minimaler menschlicher Beteiligung – einen umfassenden Gegenschlag auslösen. Sensoren überwachen dafür kontinuierlich seismische Erschütterungen und Strahlungswerte. Reißt der Kontakt zur Führung ab und deuten die Messwerte auf nukleare Detonationen hin, können die Soldaten im Bunker den Befehl zum Gegenschlag erteilen – oder das System tut es automatisch.
Veteranen bestätigen die Reaktivierung
Der Gedanke dahinter: Wer weiß, dass ein Angriff unweigerlich eine verheerende Vergeltung nach sich zieht, wird ihn nicht wagen. Diese Doktrin hat einen Namen: "Mutually Assured Destruction" (MAD) – gegenseitig gesicherte Vernichtung.
Besonders brisant sind Aussagen russischer Militärveteranen, die in einer russischen Militärzeitschrift veröffentlicht wurden. Mehrere hochrangige ehemalige Offiziere der Strategischen Raketenstreitkräfte bestätigen darin, dass Perimetr nach "vielen Jahren experimenteller Arbeit" im Jahr 2023 wieder in "Gefechtsbereitschaft" versetzt wurde.
Experten schlagen Alarm
Jeffrey Lewis, Dozent für nukleare Abrüstung und Rüstungskontrolle an der Stanford University, hat nach Sichtung der Recherchen keinen Zweifel: "Die einfachste Erklärung ist, dass die Russen die 'Tote Hand' wahrscheinlich wieder in Betrieb nehmen. Es ist eine große Behauptung, aber manchmal sind Dinge das, wonach sie aussehen."
Andy Weber, ehemaliger stellvertretender US-Verteidigungsminister für nukleare, chemische und biologische Abwehrprogramme unter Präsident Obama, teilt diese Einschätzung: "Ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass es sich nicht darum handelt. Putin ist sehr paranoid, was Enthauptungsschläge angeht. Das war er immer."
Abschreckung oder Eskalation?
Allerdings sehen nicht alle Experten die Entwicklung als unmittelbare Bedrohung. Tom Røseth, Experte für russische Sicherheitspolitik am Norwegischen Stabskolleg, betont den defensiven Charakter des Systems: "Es deutet darauf hin, dass sie die Anlage gegen alle Arten von Angriffen absichern." Er verweist auf US-amerikanische "Bunker-Buster"-Waffen, die selbst tief vergrabene Anlagen treffen können – zuletzt im Krieg gegen den Iran eingesetzt. "Um Objekt 1335 zu schützen, müssen sie noch tiefer graben und den Standort noch mehr verstärken."
Steven Pifer, ehemaliger US-Botschafter in der Ukraine und Diplomat in Moskau, sieht in Perimetr primär ein System zur Deeskalation: Es solle der russischen Führung die Gewissheit geben, dass ein Gegenschlag auch ohne ihr direktes Zutun gesichert ist – und sie damit in einer Krise vor Panikentscheidungen bewahren. Dennoch macht ihn die Aussage über das aktualisierte "Automatisierungssystem" nervös: "Irgendwann klingt es so, als würde man den Menschen aus der Entscheidungskette herausnehmen."
Moskau schweigt
"Danwatch", "Sunday Times" und "Dossier Center" haben ihre Recherchen dem Kreml und Präsidentensprecher Dmitri Peskow vorgelegt. Eine Antwort blieb aus.
Dass die Informationen überhaupt durch öffentliche Ausschreibungsdatenbanken zugänglich waren, könnte nach Ansicht von Andy Weber kein Zufall sein. "Was nützt ein solches System, wenn die andere Seite nichts davon weiß? Putin will, dass seine Gegner wissen, dass dieses System einsatzbereit ist."