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Touristenmassen stürmen Südtirol: Wie viel verträgt die Region?

Welt

Alle Wege führen nach Rom – viele aber auch nach Südtirol: Die gebirgige Region im Norden des Stiefels hat sich auf Rang drei der tourismusintensivsten Gebiete Europas gemausert. Eine jüngste Auswertung von Daten der Eurostat (externer Link) zeigt: Rund 70 Übernachtungen kommen in Südtirol auf einen Einheimischen. Überlaufener sind nur die Ägäis und die Ionischen Inseln.

In den Sozialen Netzwerken bezeugen zahlreiche Videos das Phänomen: Schlangen an der Seilbahn zur Seceda, ein Ansturm auf Shuttlebusse zu den Drei Zinnen und Staus auf der Autobahn – noch bevor der Brenner überhaupt in Sicht ist. Wird das Land der Dolomiten zum Opfer seines eigenen Erfolgs?

Forscher: Tourismus wichtige Wirtschaftssäule

"Der Tourismus hat eine zentrale Bedeutung für Südtirol", sagt Georg Lun. Der Direktor des Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) in Bozen beobachtet die Entwicklungen durch die Brille des Ökonomen. Etwa zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung Südtirols seien auf den Tourismus zurückzuführen, so Lun. Vor allem im ländlichen Raum bedeute das mehr Wohlstand.

Dem Experten zufolge profitieren nicht nur Gastronomie und Hotellerie: "Der Tourismus ist stark vernetzt mit der lokalen Wirtschaft insgesamt. Touristen nutzen Einzelhandelsgeschäfte, kaufen Souvenirs oder typische regionale Produkte." Auch das Handwerk bekomme ein Stück vom Kuchen ab: "Diese Baukonjunktur, die wir zurzeit haben, ist sehr stark auch mit dem Tourismus verbunden."

Fall Kalterer See: Kein freier Badestrand

Doch längst nicht alle profitieren davon. "Der Massentourismus ist für die Bürger in Südtirol eine große Belastung", sagt Walther Andreaus. Der Verbraucherschützer, von lokalen Medien liebevoll "Robin Hood Südtirols" genannt, weist seit Jahren auf die negativen Folgen steigender Besucherzahlen hin. "In Südtirol wird vieles dem Tourismus untergeordnet", klagt er.

Einen Ort hat Andreaus besonders im Visier: den Kalterer See. Dessen 5,3 Kilometer langes Ufer säumen Hotels, Strandbäder und ein Campingplatz. Wer baden will, muss zahlen. Oder früh dran sein: Der einzige kostenlose Zugang zum See ist ein kleiner Steg. Zwei, vielleicht drei Handtücher passen darauf. "Das ist nicht rechtskonform", sagt Andreaus. Gewässer gelten in Italien als öffentliches Gut. Der Kalterer See müsse für alle frei zugänglich sein.

Weil eine Petition die Politik bislang nicht dazu bewegt hat, die Sache in die Hand zu nehmen, hat Andreaus schärfere Geschütze aufgefahren: Er ist vor Gericht gezogen. Im Herbst steht die nächste Verhandlung an.

Experte: Anreisen steigen, Aufenthaltsdauer sinkt

Der Kalterer See steht symbolisch für ein größeres Problem. Der Tourismus nimmt laut Andreaus immer mehr Raum ein. Die Mieten seien "horrend hoch", Immobilienpreise vergleichbar mit Mailand oder Rom. Golfplätze, Wellnesseinrichtungen und schicke Restaurants seien auf die Geldbeutel gut betuchter Gäste ausgerichtet. "Südtirol sollte auch den Südtirolern noch zur Verfügung stehen. Nicht, dass sie sich zurückziehen müssen."

Der Blick in die Zukunft verheißt allerdings weitere Touristenflüsse. Laut Wirtschaftsforscher Lun kommen mehr als 40 Prozent der Gäste aus Deutschland, aber: "Die Präsenz von internationalen Touristen aus Asien, aus Amerika, ist stark angestiegen." Gleichzeitig nehme die Aufenthaltsdauer ab, viele kämen nur für ein verlängertes Wochenende.

Südtirol investiert stark in Öffentlichen Nahverkehr

Die vielen An- und Abreisen beeinflussen laut Lun das Verkehrsaufkommen: "Das verspüren wir natürlich auf den Transitrouten wie der Brennerautobahn, die ständig überfüllt ist. Und auch auf den größeren Verbindungsstraßen, wo das Verkehrsaufkommen von Jahr zu Jahr zunimmt." In der Tourismusbranche hoffe man auf den Brenner Basistunnel, der einen Ausbau der Bahnverbindungen verspricht.

Der Experte sieht in Sachen Verkehr jedoch auch einen Vorteil für Einheimische: "Da hat Südtirol sehr stark investiert, um die Tourismusflüsse möglichst im öffentlichen Personennahverkehr zu lenken und weg von der Straße zu bringen." Flächendeckend gebe es Busse, die im Halb-Stunden-Takt verkehren, bis ins letzte Bergdorf.

Zukunftsvision: Nachhaltigen Tourismus fördern

In einem Punkt sind sich der Wirtschaftsforscher und der Verbraucherschützer einig: Südtirol müsse alles daran setzen, einen nachhaltigen und umweltschonenden Tourismus zu fördern. Denn am Ende gehe es nicht um die Frage, wie viel Tourismus Südtirol verträgt. Sondern darum, wie viel Südtirol der Tourismus übrig lässt.

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