Transfer-Experte über Hertha BSC: "Besorgniserregender" Sommer
Hertha BSC eröffnet in weniger als vier Wochen mit einem Auswärtsspiel beim VfL Bochum (7. August, 20:30 Uhr) die neue Saison der 2. Fußball-Bundesliga. Einen externen Neuzugang haben die Berliner im Sommer allerdings noch nicht vorgestellt - als einziger deutscher Profi-Verein. Im Interview spricht Transfer-Experte Tobias Kröger von transfermarkt.de über die Strahlkraft des Hauptstadtklubs, ein "vorgeschobenes Argument" und potenzielle Schnäppchen. rbb|24: Tobias Kröger, in knapp vier Wochen beginnt die neue Zweitliga-Saison und Hertha BSC ist der einzige deutsche Profi-Verein, der in der laufenden Transferperiode noch keinen externen Neuzugang verpflichtet hat – trotz Einnahmen in Höhe von mehr als 20 Millionen Euro. Wie würden Sie den bisherigen Sommer der "Alten Dame" zusammenfassen? Tobias Kröger: Ich würde den Sommer bisher definitiv als besorgniserregend einstufen. Das lässt sich auch gut anhand unserer Markwerttabelle der zweiten Liga ablesen: Der Hertha-Kader ist mittlerweile nur noch 26 Millionen Euro wert und auf Platz neun [transfermarkt.de]. Das ist nicht das Niveau, auf dem Hertha agieren will. Sollte auch noch Torwart Tjark Ernst wechseln [Medienberichten zufolge will Feyenoord Rotterdam den 23-Jährigen verpflichten; Anm. d. Red.], würden sie auf Platz zwölf rutschen – das geht dann schon Richtung Abstiegskampf, wenn man so will. Wenn ich mir den aktuellen Kader anschaue, ist auf dem Transfermarkt noch sehr viel Bedarf, mit wenig Geld viel zu machen. rbb|24: Die Berliner haben sich, auch aus finanziellen Gründen, von Leistungsträgern wie Fabian Reese, Michaël Cuisance und Kennet Eichhorn getrennt. Hertha-Trainer Stefan Leitl mahnte, es müsse "jetzt definitiv was passieren" und es sei der große Wunsch, bis zur Abreise ins Trainingslager am Freitag noch Neuzugänge zu verpflichten [bz-berlin.de]. Zuletzt haben dem Vernehmen nach mehrere Wunschspieler abgesagt. Hat Hertha auf dem Transfermarkt an Strahlkraft verloren? Kröger: Es ist davon auszugehen. Allein die Situation, dass man Stand jetzt – Mitte Juli – noch keinen externen Neuzugang hat, spricht dafür. Man muss auch sagen, dass Hertha leider nicht so attraktiv ist. Die finanzielle Situation ist besorgniserregend, der Kader ist nicht gut, die Ziele wurden letzte Saison wieder nicht erreicht und die Top-Spieler sind schon fast alle verkauft worden. rbb|24: Zumal – im starken Kontrast zum Vorjahr – noch völlig unklar ist, mit welcher Zielsetzung die Berliner eigentlich in diese vierte Zweitliga-Saison in Folge starten werden. Kröger: Die Perspektive ist aktuell nicht rosig. Natürlich kann man darauf hoffen, dass man wie Schalke nach einer ganz schwachen Saison auf einmal den Turnaround schafft und überraschend oben heranstößt. Aktuell halte ich das bei Hertha aber nicht für realistisch. Es wird schwierig, jetzt noch die nötige Qualität für einen günstigen Preis zu holen, um oben angreifen zu können. Ich glaube, Hertha steht eine sehr schwierige Saison bevor – leider. rbb|24: Auf Anfrage der "Bild" teilte Hertha mit, seit Monaten intensiv am Kader zu arbeiten und einen klaren Plan zu verfolgen [bild.de]. Der Transfermarkt entwickle sich sehr dynamisch, manchmal brauche es daher Geduld, hieß es weiter. Der eigene Nachwuchs rückt gerade stärker denn je in den Fokus. Wie schätzen Sie Herthas Transfer-Strategie ein? Kröger: Ich finde es ehrlich gesagt schwer, gerade überhaupt eine Strategie zu erkennen. Klar, Top-Spieler müssen verkauft werden – das geht auch einigen Konkurrenten so. Ich hoffe, dass diese Situation Hertha dazu bringt, noch mehr auf die eigene Jugend zu setzen und den "Berliner Weg" wirklich mal zu leben. Wobei man auch Zweifel haben darf, ob Stefan Leitl für dieses Konzept die richtige Option ist. Von außen wirkt der Trainer nicht so sicher im Sattel – das könnte für Neuzugänge auch ein Punkt sein, wenn die Konkurrenz eine stabilere Struktur bieten kann. rbb|24: Welche Auswirkungen hat die noch laufende Weltmeisterschaft auf den Transfermarkt – gerade mit Blick auf die Vereine der 2. Bundesliga? Kröger: Wir haben schon das Gefühl, dass die WM einen großen Einfluss auf den Transfermarkt hat – aber eher bei den Vereinen, die in den ersten Ligen oder international spielen. Man spricht da immer von Dominosteinen, die zuerst fallen müssen. Wenn zum Beispiel Johan Manzambi vom SC Freiburg zu Aston Villa wechseln sollte, hätte Freiburg 60 bis 70 Millionen, die sie wiederum woanders ausgeben könnten. Dann würde die Leiter immer weiter runtergehen, bis man in der zweiten Liga ankommt. Wenn ich mir aber mal die Transfers der Konkurrenz in der zweiten Liga anschaue, würde ich sagen: Das ist eher ein vorgeschobenes Argument, darauf zu warten, dass der Transfermarkt durch die WM in Schwung kommt. Leihen oder ablösefreie Transfers hätten ja auch schon längst getätigt werden können. Marcus Mathisen, der zu St. Pauli gegangen ist, oder Jean Hugonet, der zu Hannover gewechselt ist, sind zum Beispiel Spieler, die Qualität für die zweite Liga haben und auch ablösefrei zu Hertha hätten wechseln können. Der VfL Bochum hat sich Berkan Taz, der beim SC Verl eine überragende Drittliga-Saison gespielt hat [38 Scorerpunkte in 38 Liga-Einsätzen; Anm. d. Red.], geschnappt. Solche Spieler wären durchaus eine Verstärkung des Kaders gewesen. Die eine oder andere Möglichkeit wäre schon dagewesen. Das hat man meiner Meinung nach ein bisschen verschlafen. Aktuell hinkt man da im Vergleich zur Konkurrenz definitiv hinterher. Es braucht langsam – auch für die Fans und das Image – einen Transfer, der als Hoffnungsträger positiven, frischen Wind reinbringen kann. rbb|24: Der sogenannte "Deadline Day", der Stichtag der Wechselfrist, ist in diesem Sommer am 1. September. Gibt es für Hertha-Fans – trotz allem – Grund zur Hoffnung? Kröger: (schmunzelt) Gerade im Bereich der Leihen ist für Hertha etwas möglich – besonders zum Ende des Transferfensters, wenn sich abzeichnet, wer in der ersten Liga keine Chance haben wird, im Kader zu stehen. Da kann man das eine oder andere Schnäppchen machen. Gerade für Talente kann Hertha in der zweiten Liga ein gutes Sprungbrett sein. Deutsche Junioren-Nationalspieler wie Deniz Zeitler oder Luis Engelns [beide 19 Jahre alt; Anm. d. Red.] von der TSG Hoffenheim, die Spielpraxis brauchen, wären beispielsweise Transfers, an denen Hertha dran sein muss. Man kann noch Hoffnung haben, ich gebe sie auch nicht auf. Ich würde Hertha – als großen Verein aus der Hauptstadt – auch gerne wieder in der Bundesliga sehen. Im Moment gibt es aber wenige Anzeichen, dass das so eintritt.