Trauma im Ahrtal: Leben mit den psychischen Folgen
Klaudia Kronen steht am Ufer der Ahr und blickt auf das sanft strömende Wasser. Der Fluss führt gerade wenig Wasser, an dieser Stelle vielleicht 30 Zentimeter. Vögel zwitschern und eine Libelle fliegt über die Wasseroberfläche. Es ist eigentlich idyllisch - doch Klaudia Kronen traut dem sanften Strom nicht mehr. "Die kann mich nicht täuschen, die Ahr. Ich weiß, was sie machen kann und was sie bewirken kann." Die Flutnacht traumatisierte tausende Menschen Lange hält sie es dort am Ufer nicht aus. Das Wasser, sagt sie, macht sie einfach nervös. Als Kind ist sie hier ständig schwimmen gewesen. "Das war besser wie im Schwimmbad." Dann kommt die Flutnacht im Juli 2021. Klaudia Kronen wohnt damals circa 300 Meter von der Ahr entfernt in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ihre Wohnung wird vom Wasser eingeschlossen. Ihr passiert körperlich in der Flutnacht nichts. Doch das erlebte traumatisiert sie. "Ich habe einen Menschen im Wasser schreien hören und dieser Schrei, der verfolgt mich nachts immer noch." Vor der Flut steht sie mitten im Leben, arbeitet als Verwaltungsangestellte in einer Klinik, spielt Theater, hat viele Freunde. Seit der Flutnacht ist sie ständig erschöpft oder reagiert aggressiv. Anfangs versteht sie nicht, was mit ihr los ist. "Warum liege ich nur im Bett? Warum kriege ich meinen Alltag nicht mehr geregelt?" Heute ist sie voll erwerbsgemindert und traut sich kaum vor die Tür. Die Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung. Neben der Therapie helfen auch selbstgeschaffene Unterstützungsräume Klaudia Kronen sucht sich psychologische Hilfe. Während eines Klinikaufenthalts lernt sie andere Flutbetroffene mit posttraumatischer Belastungsstörung kennen. Was damals Mitpatientinnen waren sind heute gute Freundinnen. Sie treffen jetzt alle zwei Wochen in Cafés in Bad Neuenahr-Ahrweiler und helfen sich gegenseitig, tauschen sich aus, wie in einer Selbsthilfegruppe. "Ich glaube, das ist mit eines der schönsten Gefühle zu wissen, dass man nicht allein ist", sagt Kronen. Fünf Jahre nach der Flut erfahren Trauma-Patienten oft Unverständnis Ihre Freundin Petra Weber ergänzt: "Jede von uns hat ihr Päckchen zu tragen und von daher bauen wir uns ja auch immer wieder gegenseitig auf. Wenn einer von uns eine Panikattacke hat, dann wissen wir, wie wir damit umgehen. Unsere Gruppe ist deshalb unser sicherer Ort. Ansonsten haben wir nicht viel sichere Orte." Denn im Alltag erleben die Frauen immer öfter Unverständnis "Wenn du dann das Gefühl hast, du musst da jetzt drüber sprechen und dein Gegenüber aber sagt, mein Gott, jetzt muss aber langsam mal gut sein, das ist doch schon fünf Jahre her. Dann fühle ich mich da nicht sicher und dann erzähle ich nichts", sagt Klaudia Kronen. Rund ein Drittel der Menschen im Ahrtal traumatisiert Dabei sind sie keine Einzelfälle. Ein Jahr nach der Flut zeigen einer Studie zufolge circa 28 Prozent der Menschen im Ahrtal Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Nach drei Jahren immer noch rund 17 Prozent. Katharina Scharping, Ärztliche Direktorin der Ehrenwall’schen Klinik in Ahrweiler und Leiterin des Traum-Hilfe-Zentrum, erlebt täglich, wie Betroffene ihre Belastung unterschätzen. "Viele machen sich selbst Vorwürfe und sagen, eigentlich darf es mir doch nicht so schlecht gehen, ich habe doch nur mein Auto verloren", sagt Scharping. Dabei habe jeder im Ahrtal seinen Alltag und seine vertraute Umgebung verloren. "Mitzuerleben, wie andere in Lebensgefahr geraten, sei genauso belastend, wie selbst betroffen zu sein." Expertin erwartet nächste große Welle an Traumatisierten Scharping erwartet, dass jetzt nach fünf Jahren die nächste große Welle an Traumapatienten kommt. "Ein halbes Jahr nach der Flut. Da kam so die erste Welle an psychischen Folgen, als man mit dem Schlammschippen grob fertig war. Jetzt sind viele gerade mit dem Hausbau fertig geworden. Die jetzt aus dem Funktionieren raus sind und anfangen zu spüren, wie es ist. Oder eben die, die einfach durch fünf Jahre Wiederaufbau durch sind oder immer noch nicht fertig sind. Irgendwann ist halt jeder erschöpft und kann nicht mehr." Mehr als 8.000 Einzelberatungen zählt das Trauma-Hilfe-Zentrum Ahrweiler seit Dezember 2021. "Es sind immer noch Menschen, die ins Trauma-Hilfe-Zentrum kommen, jede Woche, die noch gar keine Hilfe hatten", sagt Scharping. Rund 4.000 Menschen, schätzt sie, sind durch die Flut direkt psychisch erkrankt. Selbsthilfegruppe ermutigt Menschen sich Hilfe zu suchen Klaudia Kronen und ihren Freundinnen hat die Therapie geholfen und vor allem auch ihre Gruppe. Sie haben ihr Leid geteilt und können bereits mit weniger Angst leben. Sie wollen jetzt andere ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Sie wissen, wofür es sich lohnt zu kämpfen. Für Klaudia Kronen war es ein Meilenstein, als sie nach fünf Jahren das erste Mal wieder im Urlaub ins Wasser ging. "Ein Stückchen mehr Normalität." Und näher dran am Ziel: "Dass ich das irgendwann mal wegstecken kann und einfach unbeschwert an die Ahr wieder gehen kann."