Trier: Studentin spricht offen über Trauma und Angst
Dass Sie diesen Text jetzt lesen, ist der Tatsache zu verdanken, dass Pauline Sophie Heimlich ihre Angst an die Hand genommen hat. Eigentlich hat die der jungen Frau an einem sonnigen Montagmorgen Anfang September nämlich eingeredet, besser nicht zu diesem Interview zu gehen, es sein zu lassen, nicht gut genug zu sein. Doch die Studentin hat ihrer Angst eine Ansage gemacht.
„Flair“ nennt die 28-Jährige ihre Angst. „Das ist doch lächerlich. Das wird niemand lesen, die werden dich alle auslachen“, habe sie ihr am Morgen versucht, einzureden.
Statt der Angst weiter Beachtung zu schenken, habe sie jedoch das Handy zur Seite gelegt und die Laufschuhe angezogen. Auch wenn die Angst nach dem Joggen noch da gewesen sei, habe die Welt danach doch wieder ein bisschen anders ausgesehen.
Die Angst, von anderen bewertet und abgelehnt zu werden, kennt Pauline seit ihrer Kindheit. Sie sitzt tief. Die Wurzeln von Flair, ihrer Angst, reichen bis in die Grundschule zurück. Der damals Siebenjährigen widerfährt eine Situation, welche die erwachsene Pauline als traumatisch beschreibt.
„Es war in der zweiten Klasse. Ich hatte mich mit einem Jungen gestritten. Er ist dann in der Klasse nach vorne gegangen und hat gesagt: ‚Wer Pauline hasst, kommt nach vorne.‘ Dann sind alle nach vorne gegangen.“ Ihre beste Freundin steht zunächst nicht auf, doch als der Junge sie gezielt auffordert, geht schließlich auch sie nach vorne. Die Lehrerin befindet sich währenddessen im Klassenraum, doch sie unterbindet die Situation nicht.
„Ich habe mich ziemlich alleine gefühlt“, sagt Pauline rückblickend. Heute findet sie Worte für das, was damals nicht möglich war. „Für eine Siebenjährige, die in einer Schulklasse ist, ist die Lehrerin neben den engsten Bezugspersonen eine wichtige Bezugsperson. Und wenn sie da steht und nichts macht, ist das eine extrem herausfordernde Situation.“
Mit dem Erlebten bleibt sie damals zunächst allein. Ihren Eltern erzählt Pauline nichts davon, kann selbst nicht benennen, was geschehen ist. Für ihre Eltern ist deshalb nicht zu erkennen, warum sich ihre Tochter plötzlich verändert. „Bis dahin war ich ein sehr lebensfrohes Kind. Das hat sich danach komplett gewandelt. Meine Eltern haben gar nicht verstanden, was los war.“
Ob eine Situation traumatisch erlebt wird, hängt nicht alleine davon ab, wie sie von außen erscheint. Für ein Kind kann der Ausschluss durch eine ganze Klasse überwältigend sein, besonders dann, wenn eine wichtige erwachsene Bezugsperson nicht eingreift.
Was Pauline als Kind nicht in Worte fassen kann, kehrt einige Jahre später zurück – als Angst in Situationen, die für andere alltäglich sind. In der Pubertät bekommt die damals 14-Jährige plötzlich Herzrasen, schwitzige Hände und Blackouts, wenn sie vor Schulkameradinnen und -kameraden etwas sagen soll. „Ich habe mich gemeldet und wusste es in dem Moment – dann wusste ich plötzlich nichts mehr.“
Es bleibt nicht beim Blackout vor der Klasse. Die Angst verlagert sich auch in ihre Freundschaften, es kommt immer wieder zu Konflikten. „Ich habe bei meinen Freundinnen geklammert, weil ich wollte, dass sie mich mögen. Das hat aber nicht dazu geführt, dass sie mich mögen.“
Auch wenn sie selbst damals nicht weiß, was mit ihr los ist, merkt Pauline – damals noch Teenager – dass es so nicht weitergehen kann. Sie beschließt, mit ihren Eltern zu sprechen, sagt ihnen, dass sie Hilfe braucht. Und macht damit einen für sie wichtigen Schritt.
Die Jugendliche beginnt eine Psychotherapie, die ihr hilft, Zusammenhänge zu erkennen, ihre Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen. Erst mithilfe ihres Therapeuten lernt sie, dass das, was sie als Siebenjährige erlebt hat, sie traumatisiert hat. Nach und nach lernt sie, das Erlebte aufzuarbeiten, damit umzugehen.
Nach der Schule macht Pauline eine Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin in einer Kinderklinik, arbeitet in der Früh- und Neugeborenenintensivstation, später in einem Kinderhospiz. Während ihrer Berufstätigkeit entwickelt sie den Wunsch, Psychologie zu studieren.
Vor drei Jahren beginnt sie schließlich mit dem Bachelor-Studium in Trier. Doch inmitten der zahlreichen anderen Studierenden bekommt sie schnell das Gefühl, ein „Niemand“ zu sein, sagt sie, und flüchtet sich in die Leistung. Das gibt ihr Sicherheit: „Wenn ich leiste, kann niemand sagen: Ich hasse dich.“ Sie stürzt sich ins Studium, geht über die eigenen Grenzen hinaus – so lange, bis sie ausbrennt. Es ist die Folge der Strategie, Sicherheit über Leistung herzustellen.
Ihre Angst wegzuschieben, kommt für Pauline Heimlich nicht infrage. „Sie wird nicht weggehen, wenn ich gegen sie ankämpfe. Flair hat auch Bedürfnisse. Wenn sie mir diese Gedanken einreden will, dann will sie mich beschützen.“
Daher will die gebürtige Essenerin, die für ihr Master-Studium nach Frankfurt ziehen wird, ihre Angst bewusst an die Hand nehmen und mit ihr weitergehen. „Du darfst diese Gedanken haben. Aber du brauchst diese Angst nicht zu haben. Du bist in Sicherheit und ich nehme dich jetzt an die Hand.“
Was ihr hilft? Bewegung. Auch heute sagt sich die Studentin in regelmäßigen Abständen: „Jeder kleinste Schritt zählt“: Gegen einen Tag auf der Couch spräche nichts, sie habe aber gelernt, immer wieder vor die Tür zu gehen. Nicht, weil die Angst dann verschwunden ist, sondern weil sie weiß: Die Gedanken im Kopf entsprechen nicht immer der Realität.
Und wer weiß: Vielleicht beginnt der nächste Schritt genau dort, wo die Angst sagt, dass man besser stehen bleiben soll. Wo es um den Schritt geht, den man macht – der Angst zum Trotz.