Trierer stirbt mit 46 Jahren: Frau begleitet ihn bis zum Tod
Sie schreibt ihm Briefe. Immer mal wieder. Teilt ihm mit, was sie erlebt, was sie bewegt. Auch Sprachnachrichten schickt sie ihm. Sein altes Smartphone mit dem WhatsApp-Account, das hat sie behalten. Seine Mobilnummer, das fand sie immer schon, die sei richtig schön, so einprägsam, gefalle ihr einfach. Die Sprachnachrichten, die schickt sie nicht mehr so häufig los wie noch vor ein paar Jahren. Aber ab und an erzählt sie ihm aus ihrem Alltag.
Gerade die Briefe an ihn, so sagt sie, die seien ihr besonders im ersten Jahr nach seinem Tod so wichtig gewesen, hätten ihr so sehr geholfen. Weil sie den Menschen, mit dem sie doch stets über alles gesprochen hatte, der nun jedoch plötzlich nicht mehr bei ihr war, eben weil sie den Menschen auf diesem Wege doch irgendwie erreichen, all das, was in ihrem Kopf schwirrte, in Worte gießen konnte.
Sie sieht ihn zum ersten Mal am 27. August 2016. Auf dem Domfreihof steht das Viezfest an: Viel Apfelwein, viel Musik, viele Menschen ... einer davon: Hajo. Er fällt ihr auf, sie fällt ihm auf, dann fällt beiden auf, dass sie gleich mehrere gemeinsame Freunde haben. Sie unterhalten sich, stoßen an, stoßen noch mal an und noch mal – nach diesem Abend, so wird sich zeigen, wird nichts mehr sein, wie es einmal war …
40 Jahre alt, so erfährt sie, ist ihre Bekanntschaft, arbeitet als Informatiker, war zuletzt lange in Süddeutschland unterwegs, ist vor wenigen Monaten zurückgekehrt an die Mosel, um wieder näher bei seiner Mutter, seinen Freunden zu sein. Er hat eine Wohnung in der Trierer Innenstadt und – auch das erzählt er ihr in einem der ersten Gespräche – lebt mit einem Gendefekt.
Er werde daher, so sagt er, keine 50. „Ich wusste nicht, was das bedeutet“, gesteht Conny Scherer gut zehn Jahre später im Sommer 2026. Die Tragweite dieser Situation, die habe sie nicht fassen können.
Für ihn hingegen sei das anders gewesen, er habe damals schon seit Jahren mit dem Wissen gelebt, früh sterben zu müssen. „Hajo hat es einfach akzeptiert“, sagt die 47-Jährige, „auch, weil er damals schon mehrere Tumorerkrankungen durchlebt hatte“.
Sie sind zwei Jahre zusammen, als Hajo Scherer 2018 eine weitere Krebserkrankung erleidet. Das, so erinnert sich Conny Scherer, das habe ihr zum ersten Mal so richtig den Boden unter den Füßen weggerissen. Es sei, so sagt sie mit Blick auf das, was alles noch kommen sollte, so etwas wie eine Generalprobe gewesen.
Und er schafft es tatsächlich, lässt den Krebs nicht siegen, rappelt sich wieder auf und lebt jeden Tag mit seiner Conny, seinen vielen Freunden so intensiv wie nur möglich. Sein großer Bekanntenkreis, betont seine Frau im Sommer 2026, der sei extrem wichtig gewesen, habe ihn und sie als Paar zu jeder Zeit unterstützt. Sie machen Ausflüge, fahren in den Urlaub, genießen das Leben und die Liebe!
Und da ist sein Job: Als Informatiker beschäftigt er sich schon seit Jahren mit künstlicher Intelligenz, erstellt früh einen eigenen Avatar von sich. Das Thema, es fasziniert ihn. Er ahnt schnell, dass KI die Welt verändern wird. Ihr Mann, sagt Conny Scherer, er habe einen besonderen Pioniergeist besessen.
Drei Jahre später jedoch, 2021, mitten in der Coronazeit, der nächste Schock. Diesmal ist es ein Glioblastom, ein bösartiger Hirntumor. Schnell sei klar gewesen, sagt Conny Scherer, dass man diesmal nichts mehr machen könne, keine Therapie anschlage …
Durch den Tumor im Kopf kann Hajo bald nicht mehr gehen, auch nicht mehr sprechen. Stück für Stück, so sagt es seine Partnerin im Sommer 2026, habe er sich in der Folge aus dem Leben verabschiedet. „Ich weiß nicht, wie“, gesteht sie, „aber irgendwie haben wir auch das gemeinsam gemeistert“.
Doch das Paar, es begnügt sich nicht damit, die Schicksalsschläge lediglich abzuwehren, irgendwie weiterzumachen. Nein, die beiden, sie gehen nach vorne, fassen einen Beschluss: Sie werden heiraten.
Ohne zu wissen, was kommen sollte, hatte Conny Scherer 2020 ihren Job in einem Trierer Schuhladen gekündigt. Nach 20 Jahren, so ihr Plan, wollte sie sich beruflich weiterentwickeln. Viel Zeit verbringt sie im Homeoffice, nimmt an Online-Weiterbildungen teil, stellt 2021 dann alles zurück, als es Hajo zunehmend schlechter geht.
Am 2. November 2021, seinem Geburtstag, ist es dann so weit: die Hochzeit steht an. Sie halten es im kleinsten Kreis, feiern zu Hause, selbst der Standesbeamte kommt für das Ja-Wort in die Wohnung. Sehr emotional, erinnert sich Conny Scherer, sei all das gewesen. Ihr Mann, er habe zu diesem Zeitpunkt bereits im Rollstuhl gesessen. Conny und Hajo, fortan sind sie Mann und Frau – der Tod, das wissen sie, der wird sie scheiden irgendwann. Doch die Liebe, die wird sie vereinen – für immer …
Den ersten Advent 2021, den feiern sie gemeinsam mit ihren Nachbarn, sitzen zusammen daheim in der Küche. Dann, in der folgenden Nacht, passiert noch mehr in seinem Kopf. Der nächste Rückschlag. Hajo kommt danach nicht mehr richtig zu sich. Schon zuvor werden sie zu Hause durch Fachkräfte der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) unterstützt. Nach dem ersten Advent allerdings, da geht es nicht mehr, da muss Hajo Scherer raus aus der Wohnung im dritten Stock.
Weil er nur noch liegend transportiert werden kann, rückt die Feuerwehr an, hebt ihn mit der Drehleiter aus dem Fenster hinab auf die Straße. „Er lag dort auf dieser Trage, und hat gelächelt wie ein Engel“, erzählt Conny Scherer.
Noch heute habe sie den Holzkeil daheim, mit dem die Feuerwehrleute damals die Schlafzimmertür offengehalten hätten. „Das war so eine bizarre Situation, als dort plötzlich diese vier Männer von der Feuerwehr in unserem Schlafzimmer standen“, erinnert sich die Triererin. Alle, so betont sie, alle seien so nett und hilfsbereit gewesen.
Zunächst wird er auf der Palliativstation des Mutterhauses betreut, zieht dann ins Trierer Hospiz an der Ostallee. Seine Frau, sie ist immer bei ihm, schläft mit bei ihm im Zimmer – sowohl auf Station als auch im Hospiz. „Ich habe unsere ganze Weihnachtsdeko mit ins Hospiz genommen“, erzählt Scherer, „wir hatten das tollste Zimmer dort“.
Sie wisse, sagt Conny Scherer rund viereinhalb Jahre später im Sommer 2026, wie es sei, jemanden zu lieben und dann sterben zu sehen. Sie wisse auch, dass Verbundenheit nicht mit dem Tod ende. Und, so fügt sie an, da sei noch etwas, das sie die Monate und Wochen Ende 2021 gelehrt hätten: Wie wichtig es sei, in solch einer Zeit nicht allein zu sein, „echte Begleitung“ an der Seite zu haben.
Diese Erkenntnis, die lässt sie nicht einfach nur so stehen, trägt sie nicht einfach nur so für sich durchs Leben: Sie absolviert eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin, entscheidet sich nach deren Abschluss, Menschen in, wie sie es sagt, „Trauer-, Krisen- und Veränderungsprozessen“ zu begleiten. Genau das macht sie nun seit 2023.
Sie verbinde, so beschreibt es Conny Scherer, persönliche Erfahrung „mit fachlicher Qualifikation, systemischem Denken und einer großen Offenheit für neue – auch auf künstliche Intelligenz gestützte – Wege der Erinnerungsarbeit“.
So hat sie für sich und für Freunde beispielsweise einen virtuellen Erinnerungsraum und einen KI-Podcast aus ihren Erinnerungen an Hajo geschaffen. Sie wolle Menschen Mut machen, auch digitale Wege der Erinnerungsarbeit, wenn es für sie passe, ganz ohne Berührungsängste für sich zu nutzen.
Neben dem Digitalen setzt die Triererin auch auf analoge Wege der Erinnerung. So bietet sie unter anderem einen regelmäßigen „Stammtisch für Trauer und Veränderung“ an, bei dem Menschen zusammenkommen, die jemanden in ihrem Leben verloren haben, darüber sprechen möchten.
Am vergangenen Samstag übrigens, da stand auf dem Domfreihof wieder das Viezfest an. Viel Apfelwein, viel Musik, viele Menschen. Auch Conny Scherer war da. Zehn Jahre, nachdem sie Hajo genau dort kennengelernt hatte, lud sie ihre „Lieblingsmenschen“ ein, dort mit ihr zu feiern. Sie hatten eine tolle Zeit – und Hajo in ihren Herzen ...