Trockenheit in Deutschland: Konzerne pumpen Grundwasser fast gratis ab
Wasserknappheit Milliardengeschäft: Konzerne zapfen gratis Grundwasser Von Jennifer Buchholz 12.08.2026 - 09:09 UhrLesedauer: 4 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Während die Flüsse austrocknen und die Grundwasserspiegel sinken, zapfen Konzerne Grundwasser oft fast kostenlos an. Ein Streit um eine der wertvollsten Ressourcen der Welt. Wasser ist lebensnotwendig und daher ein Allgemeingut. Doch wer hat eigentlich das Recht darauf? Obwohl Deutschland als wasserreiches Land gilt, wird diese Frage auch hierzulande regelmäßig diskutiert. Besonders dann, wenn Trockenheit zu Ernteausfällen und Versorgungsengpässen führt oder Weltkonzerne Grund- und Tiefengrundwasserreserven anzapfen. Nutzungskonflikte: Wer bekommt wie viel Wasser? Was passiert im Notfall? Deutschlands Wasserversorgung in Gefahr Denn während Bürger für jeden Liter, den sie der Leitung entnehmen, bezahlen müssen, können große Konzerne wie Coca-Cola oder Red Bull Grundwasser oft fast kostenlos oder für wenige Cent anzapfen, abfüllen und mit hohem Profit verkaufen. Der Grund: Sie verfügen über große Gebiete, in denen mehrere Brunnen vorhanden sind. Doch mit ihrem Geschäftsmodell senken sie den Grundwasserspiegel. Selbiges gilt für einige große Energiekonzerne und Stahlwerke. Sie verfügen über jahrzehntealte Rechte zur Entnahme von Grund- und Oberflächenwasser, um damit etwa ihre Anlagen zu kühlen. Zwar handelt es sich hierbei oft um ein Kreislaufsystem – Wasser wird für die Kühlung entnommen und anschließend wieder zurückgeleitet –, doch auch dabei wird ein minimaler Teil verbraucht. Auch in der Landwirtschaft kann es Ausnahmeregelungen von der Wasserentnahmegebühr geben. Denn für die Versorgung der Tiere oder den Hofbetrieb sind oftmals gesetzliche Freigrenzen vorgesehen. All diese Faktoren führen insbesondere in Zeiten von Trockenheit und Hitzewellen zu wachsenden Nutzungskonflikten, vor denen der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) im Gespräch mit t-online warnt: "Der Druck auf die Grundwasserressourcen wächst, besonders in Regionen mit wenig Niederschlag und gleichzeitigem Zuzug sowie neuen Gewerbeansiedlungen." Zudem verschärfe der Klimawandel diese regionalen Unterschiede und mache die Wasserbewirtschaftung zu einer zentralen Zukunftsaufgabe, merkt der Verband an. Wasser aus der eigenen Quelle nur aus dem Supermarkt Besonders deutlich wird der Nutzungskonflikt in der bayerischen Stadt Treuchtlingen. Die dortige Lage steht als Sinnbild für die strukturellen Missstände in zahlreichen anderen Regionen Deutschlands und der Welt. In der Stadt entnimmt der Mineralwasserhersteller Altmühltaler einer Quelle pro Jahr etwa 250.000 Kubikmeter Wasser. Das ist in etwa so viel, wie alle gut 13.100 Einwohner der Gemeinde insgesamt im Jahr verbrauchen. Doch deren Wasser stammt nicht etwa aus dem eigenen Brunnen. Die Bewohner müssen es laut der "Süddeutschen Zeitung" aus einer rund 50 Kilometer entfernten Quelle aus dem Donau-Lech-Mündungsgebiet beziehen. Das heißt: Möchten die Treuchtlinger Bürger Wasser aus ihrem eigenen Heimatort trinken, müssen sie es abgefüllt beim Händler kaufen – zu einem deutlich höheren Preis. Mehr wissen Wie viel die Mineralbrunnen-Branche durch den Verkauf von abgefülltem Wasser erwirtschaftet, ist nicht bekannt. Die Zahlen werden vom Verband Deutscher Mineralbrunnen e. V. nicht öffentlich kommuniziert. In den Berichten heißt es lediglich, dass die 150 Betriebe im Jahr 2025 rund 10,2 Milliarden Liter Mineral- und Heilwasser verkauft haben. In einem älteren Bericht von 2022 wurde ein Jahresumsatz von rund 3,78 Milliarden Euro angegeben. Damals lag der Absatz an Mineral- und Heilwasser bei 10,091 Milliarden Litern. Notreserve für kommende Generationen Für den VKU steht außer Frage, dass die öffentliche Wasserversorgung Vorrang vor anderen Nutzungen haben muss. "Das wertvolle Tiefengrundwasser muss für künftige Generationen und als Notreserve der öffentlichen Wasserversorgung bewahrt werden", betont der Verband. Ihm zufolge sollte ein Unternehmen nur Wasser fördern dürfen, wenn klar ist, dass die öffentliche Versorgung dadurch langfristig nicht gefährdet ist. Doch die Realität sieht oft anders aus. Die großen Mineralwasserhersteller bezahlen an einigen ihrer Standorte für die Grundwasserentnahme oft gar nichts. Dazu zählt etwa der Standort der Mitteldeutschen Erfrischungsgetränke in Thüringen. Und auch die Hessia-Gruppe kann in Hessen kostenlos Wasser aus der Quelle pumpen, abfüllen und im Supermarkt oder beim Discounter verkaufen. Bis zum 30. Juni 2026 war dies auch beim Mineralwasserhersteller Adelholzener Alpenquellen an seinem Standort in Bayern der Fall. Da das Bundesland jedoch seit dem 1. Juli 2026 den Wassercent, ein Wasserentnahmeentgelt, erhebt, muss nun auch der Mineralwasserhersteller für die Wasserentnahme zahlen, wenngleich nur einen geringen Betrag. Doch auch wenn der Wassercent in zahlreichen Bundesländern erhoben wird: Fair verteilt ist er nicht. Denn oft müssen Privathaushalte höhere Gebühren entrichten als andere Wasserbezieher. Einige Branchen erhalten sogar eine gewisse Freimenge. In Zeiten des Klimawandels, sinkender Grundwasserspiegel und Inflation führt dies zu wachsender Kritik. Transparenz und klare Regeln gefordert Wie viel Grundwasser ein Unternehmen, ein Landwirt oder ein Wasserversorger entnehmen darf, entscheidet die zuständige Wasserbehörde. Dabei orientiert sie sich daran, wie viel Grundwasser vorhanden ist und wie viel davon neu gebildet werden kann. Das Problem: Die Genehmigungsverfahren sind oft intransparent. Es ist schwer nachvollziehbar, weshalb eine bestimmte Entnahmemenge genehmigt wurde. Auch wird nicht eindeutig aufgeschlüsselt, ob die Natur oder die Anwohner unter der Entnahme leiden oder wer an dem Genehmigungsverfahren beteiligt war. "Es braucht endlich das digitale Wasserbuch in allen Bundesländern", fordert der VKU. Dabei handelt es sich um ein elektronisches Register, das die wasserrechtlichen Genehmigungen, Wasserentnahmen, Einleitungen und Schutzgebiete zentral dokumentiert und verwaltet. Darüber hinaus fordert der VKU, dass genehmigungsfreie Nutzungen so weit wie möglich eingeschränkt werden. Falls es tatsächlich zu Wasserknappheit und infolgedessen zu Konkurrenzsituationen kommt, müsse gelten: "Die öffentliche Wasserversorgung hat immer Vorrang." Eine gesicherte Wasserversorgung sei die Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Kommunen – sowohl als Wohn- als auch als Gewerbestandort. Neben dem VKU fordern das der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches e. V. sowie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. "Deswegen ist auch klar, dass das wertvolle Tiefengrundwasser für künftige Generationen und als Notreserve der öffentlichen Wasserversorgung zu bewahren ist. Um die Versorgung auch in Zukunft zu gewährleisten, brauche es klare politische Rahmenbedingungen", ergänzt der VKU. Loading... Loading... Loading...