Trolle verschärfen Russlands Benzinkrise
Startseite Politik Putins Wirtschaft wegen digitaler Sabotage in Bedrängnis: Internet-Trolle verschärfen Russlands Benzinkrise Von: Bedrettin Bölükbasi Uns auf Google folgen Russlands Treibstoffkrise verschärft sich weiter. Nun mischen sich Internet-Aktivisten ein – und sorgen mit gezielten Aktionen für noch mehr Chaos an den Tankstellen. Moskau – Russlands Treibstoffkrise bekommt eine neue Dimension: Während ukrainische Drohnenangriffe die Versorgung mit Benzin und Diesel zunehmend beeinträchtigen, verschärfen nun auch Online-Aktivisten die Lage. Die lose organisierte Gruppe NAFO nutzt Schwachstellen russischer Tankstellen-Apps aus und schickt Autofahrer gezielt auf Irrfahrten – mit dem Ziel, die ohnehin angespannte Versorgungslage weiter zu verschärfen. Benzinkrise in Russland: NAFO-Aktivisten sorgen für mehr Chaos Seit Wochen melden zahlreiche russische Regionen Engpässe bei Kraftstoffen. Nach Analysen unabhängiger Beobachter gelten inzwischen rund 90 Prozent der Regionen als betroffen. In vielen Gebieten wurden Verkaufsbeschränkungen eingeführt, Kanisterbefüllungen verboten und an Tankstellen gelten strenge Abgabelimits. Teilweise wird Treibstoff bevorzugt an Behörden, Rettungsdienste oder Militärangehörige ausgegeben. Vor den Zapfsäulen bilden sich lange Schlangen, vielerorts sind die Vorräte zeitweise vollständig erschöpft. Die Ursachen liegen vor allem in den anhaltenden ukrainischen Angriffen auf Raffinerien, Tanklager und die Treibstofflogistik. Dadurch wird die Versorgung innerhalb Russlands zunehmend schwieriger. Selbst Kremlchef Wladimir Putin räumte zuletzt Versorgungsprobleme ein und sprach von Warteschlangen sowie fehlenden Kraftstoffsorten an Tankstellen. In dieser Situation greifen viele Russen auf Apps zurück, die per Schwarmprinzip anzeigen sollen, an welchen Tankstellen noch Benzin oder Diesel erhältlich ist. Nutzer markieren verfügbare Stationen meist mit grünen Symbolen, ausverkaufte Tankstellen mit roten. NAFO-Aktivisten sabotieren russische Benzinversorgung Genau diese Anwendungen haben sich die Aktivisten der NAFO vorgenommen. Die Abkürzung steht für North Atlantic Fella Organization – ein internationales, loses Netzwerk von Freiwilligen, das sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs vorwiegend im Internet gegen russische Propaganda engagiert. Bekannt wurde die Gruppe durch ihren satirischen Stil: Mitglieder, die sich selbst „Fellas“ (Kumpels) nennen, nutzen meist Shiba-Inu-Hunde als Profilbilder und reagieren auf russische Desinformation mit Humor, Memes und schnellen Faktenchecks. Gleichzeitig sammeln viele von ihnen Spenden für die Ukraine oder unterstützen digitale Aktionen gegen Russland. Nach Angaben der Gruppe beteiligen sich inzwischen Zehntausende Menschen aus verschiedenen Ländern an dem Netzwerk. Eine zentrale Organisation gibt es nicht. Stattdessen koordinieren sich die Freiwilligen über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste und entscheiden selbst, an welchen Aktionen sie teilnehmen. Nun haben sie offenbar eine neue digitale Front eröffnet. Weil viele russische Tankstellen-Apps den Standort der Nutzer nur unzureichend überprüfen, können Einträge auch aus dem Ausland verändert werden. Aktivisten markieren deshalb leere Tankstellen als voll und tatsächlich geöffnete Stationen als ausverkauft. Autofahrer fahren dadurch oft unnötige Strecken, geraten in noch längere Warteschlangen oder stehen schließlich vor geschlossenen Zapfsäulen. Nach Einschätzung der Aktivisten erhöht das nicht nur das Chaos, sondern verbraucht zusätzlich den ohnehin knappen Treibstoff. Russische Treibstoffversorgung in der Krise: NAFO-Aktivisten verbreiten Gerüchte Zusätzlich werden über Messengerdienste Gerüchte über angeblich verfügbare Kraftstoffvorräte verbreitet. Das russische Energieministerium warnte inzwischen ausdrücklich vor inoffiziellen Tank-Chats und sprach von unzuverlässigen Informationen. Mehrere entsprechende Gruppen wurden bereits gesperrt. Auch Russlands größter Internetkonzern Yandex reagierte auf die angespannte Lage. Der Kartendienst zeigt inzwischen die Länge der Warteschlangen an Tankstellen in Echtzeit an und soll Autofahrern helfen, freie Zapfsäulen schneller zu finden. Gleichzeitig warnte der IT-Sicherheitsanbieter Kaspersky vor gefälschten Sprit-Apps, über die Cyberkriminelle Schadsoftware verbreiten. In den sozialen Netzwerken werden die Folgen der Treibstoffkrise inzwischen mit Spott begleitet. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Videos aber auch die Schattenseiten: verzweifelte Unternehmer, die ohne Diesel nicht mehr arbeiten können, Streit und Schlägereien an Tankstellen sowie einen florierenden Schwarzmarkt für minderwertigen oder gestreckten Kraftstoff. Ob die digitalen Sabotageaktionen den Treibstoffmangel maßgeblich verschärfen, lässt sich zwar kaum beziffern. Sie treffen Russland jedoch in einer Phase, in der die Kraftstoffversorgung ohnehin unter Druck steht – und zeigen, dass der Krieg längst nicht mehr nur an der Front, sondern auch im digitalen Raum geführt wird. (Quellen: Der Standard, NAFO-Webseite, eigene Recherche) (bb)