Trotz Aufrufen in sozialen Medien: Erneuter Ansturm von Migranten auf Spaniens Exklave Ceuta bleibt aus
Befürchtungen eines neuen Migrantenansturms auf die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta haben sich zunächst nicht erfüllt. Trotz Aufrufen in sozialen Netzwerken zu einer Wiederholung des massenhaften Grenzübertritts von Ende Juli für diesen Samstag war die Lage an der Grenze und in der Exklave zunächst den ganzen Tag über ruhig. Spanien und vor allem Marokko hatten ihre Sicherheitsvorkehrungen im Vorfeld deutlich verstärkt. An der Grenze herrschte am Morgen absolute Stille, berichtete ein dpa-Reporter vor Ort. „Im Stadtzentrum ist sogar so etwas wie heile Welt, man bekommt von alledem nichts mit. Man sieht nur gelegentlich Polizei und Militär, die patrouillieren“, erzählte er. Nur in den Außenbezirken sehe man Gruppen junger Migranten. Von einer weitgehend entspannten Lage berichteten auch der staatliche TV-Sender RTVE und andere spanische Medien aus der Exklave. Mit der Verstärkung der Sicherheitsvorkehrungen wollten die Behörden beider Länder verhindern, dass sich die Ereignisse von Ende Juli wiederholen, als nach verschiedenen Schätzungen bis zu 80.000 Migranten nach Ceuta gelangten. Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska betonte dieser Tage erneut, die damalige Massenankunft sei ein „außergewöhnliches“ Ereignis gewesen, das sich nicht wiederholen werde. Stacheldraht, Wasserwerfer und Patrouillenboote Marokkanische Sicherheitskräfte waren Augenzeugen zufolge rund um Ceuta und Melilla massiv präsent und verhinderten mögliche Grenzübertritte bereits im Vorfeld. Hunderte Migranten, darunter viele aus Ländern südlich der Sahara, wurden nahe der rund 20 Kilometer von Ceuta entfernten Grenzstadt Fnideq gestoppt und an einem Überquerungsversuch gehindert. Nach Angaben des Innenministeriums in Rabat wurden am Samstag zudem 111 Migranten ohne gültige Papiere festgenommen. Marokko hatte seine Sicherheitsvorkehrungen in den vergangenen Tagen deutlich verstärkt. In Fnideq wurden laut RTVE zusätzliche Sperren aus Stacheldraht und Nato-Draht errichtet. Patrouillenboote überwachen die Küste, Wasserwerfer stehen an der Grenze bereit. Zudem wurden auf den Zufahrtsstraßen zahlreiche Kontrollstellen eingerichtet. Auch Spanien hatte die Sicherheitsvorkehrungen angesichts der Befürchtungen erhöht. In Ceuta sind inzwischen 880 Beamte der Nationalpolizei im Einsatz – 270 mehr als noch Ende Juli. Unterstützt werden sie von rund 2000 Soldaten und etwa 700 Beamten der Guardia Civil. Marokko meldet nach Ceuta-Ansturm Festnahmen Anfang dieser Woche hatte die Regierung in Rabat mitgeteilt, sie beobachte „die Verbreitung von Beiträgen in den sozialen Netzwerken und Nachrichten unbekannter Herkunft“, die zu einem Massenansturm am 15. August aufriefen, und warnte, sie werde Organisatoren und Teilnehmer strafrechtlich verfolgen. Um das Engagement des Landes zu untermauern, teilte das marokkanische Innenministerium zugleich mit, dass eine Gruppe von Menschen festgenommen worden sei, die im Verdacht stehe, zu neuen Versuchen der illegalen Einreise in die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla angestiftet zu haben. Ihnen wird unter anderem die Verbreitung von Falschmeldungen vorgeworfen. Rückkehr zur Normalität braucht Zeit Der Ansturm vor rund zwei Wochen war beispiellos. Vor allem am 30. Juli waren Zehntausende Migranten meist schwimmend nach Ceuta gelangt. Bei dem Versuch kamen Dutzende ums Leben: Nach der jüngsten offiziellen Mitteilung Madrids wurden im Meer 83 Leichen geborgen, Nichtregierungsorganisationen schätzen die Zahl der Todesopfer auf weit über hundert. Die meisten Ankömmlinge kehrten nach Angaben der spanischen Regierung innerhalb weniger Stunden oder Tage nach Marokko zurück. Nach Angaben von Minister Grande-Marlaska halten sich derzeit noch rund 5000 Migranten in Ceuta auf. Die Behörden hätten mit der Überprüfung der Erwachsenen begonnen. Spanien werde diejenigen ohne Bleiberecht nach Marokko zurückführen. Es werde noch etwas Zeit dauern, bis man zur totalen Normalität zurückkehrt, räumte er ein. Der Migrantenansturm auf Ceuta hatte einen Zwist innerhalb der EU ausgelöst und die einwanderungsfeindliche Rhetorik rechtsextremer Parteien weltweit verschärft. Italien hatte nach den Grenzübertritten die Anwendung des Schengen-Abkommens für Spanien ausgesetzt, obwohl Ceuta nicht Teil des Schengen-Raums ist. Marokko ruft Spanien zu mehr Kooperation auf Für Samstag sollten die Behörden besser gewappnet sein als bei dem Ereignis vor zwei Wochen. „Es wurden alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, um jeden Versuch einer illegalen Grenzüberquerung zu verhindern und jede Person abzufangen, die daran teilzunehmen versucht“, zitiert die spanische Tageszeitung „El País“ Rachid el Jalfi, einen Sprecher des marokkanischen Innenministeriums. Er forderte die Menschen dazu auf, den Aufrufen in sozialen Netzwerken nicht zu folgen. Diese stellten „ernsthafte Risiken für die Sicherheit der Menschen“ dar, sagte er am Mittwoch weiter. Das marokkanische Innenministerium betonte zudem, dass die Bekämpfung der irregulären Migration und von Menschenhandelsnetzwerken eine engere Zusammenarbeit zwischen Spanien und Marokko erfordere. Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska warnte die Menschen bei einer Pressekonferenz ebenfalls, dem Aufruf in den sozialen Netzwerken zu folgen: „Ich sage Ihnen das, damit Sie nicht auf die Mafiagruppen hören, die mit Ihrem Leben spielen. Keiner von Ihnen wird [in Ceuta] bleiben, keiner von Ihnen wird auf das Festland gelangen, keiner von Ihnen wird einen legalen Aufenthaltsstatus erhalten.“ Nach dem Migrationsdrama hatte es Kritik an der marokkanischen Regierung gegeben, diese habe den illegalen Grenzübertritt Ende Juli nicht mit ausreichendem Engagement zu verhindern versucht. Bereits Anfang August wies ein marokkanischer Regierungsbeamter solche Vorwürfe zurück.