Trump hilflos ausgeliefert? Kanada hat eine Gegenstrategie
Der Nato-Gipfel in der Türkei war das jüngste Beispiel: Die westlichen Partner der USA scheinen den Launen des Präsidenten hilflos ausgeliefert zu sein. Erst beschimpfte Donald Trump die Europäer und drohte erneut mit dem Griff nach Grönland. Am Ende sprach Trump von einem "großartigen Treffen" voller "Liebe und Eintracht". Was gilt denn nun? Und wie geht man damit um? Sich anbiedern? Widersprechen und neuen Streit riskieren? Kanada "steuert Europa weg von den USA" Ausgerechnet das Land, das am engsten mit den USA verknüpft ist, scheint eine Linie gefunden zu haben: Kanada. Bisher gehen rund 70 Prozent der kanadischen Exporte ins Nachbarland, rund 70 Prozent der kanadischen Rüstungsausgaben kommen US-Unternehmen zugute. Doch Premierminister Mark Carney ist dabei, das zu ändern. Und nimmt Deutschland und Europa gleich ein Stück mit. Auch in US-Medien erntet Carney dafür Anerkennung: "Der Kanadier, der Europa weg von den USA steuert", lautet eine Schlagzeile des Wall Street Journal. Die Zeitung erklärte Carney zur "Schlüsselfigur in der Umgestaltung des Westens". Vor gut einem Jahr fuhr der 61-jährige Carney einen fulminanten Wahlsieg ein – gerade weil Donald Trump ständig drohte, Kanada zum "51. Bundesstaat" der USA zu machen. Der bis dahin weitgehend unbekannte Carney begann sofort, seine Kontakte nach Europa zu nutzen. Bis 2020 war Carney als bisher einziger Nicht-Brite Gouverneur der Bank of England. Seitdem kennt er etwa den Ex-Rothschild-Banker Emmanuel Macron, jetzt Präsident von Frankreich, und den Ex-Chef der deutschen Black-Rock-Tochter Friedrich Merz, jetzt Bundeskanzler. Carney wirbt für neue "Allianz der Mittelmächte" Weltweit aufhorchen ließ der kanadische Premier im Januar mit seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum von Davos. Er erklärte die alte Weltordnung unter Führung der USA für beendet und warb für eine neue "Allianz der Mittelmächte". "Sitzen wir nicht mit am Tisch, landen wir auf der Speisekarte", so Carneys eindringliche Warnung. Kurz vor Beginn des Nato-Gipfels von Ankara präsentierte Carney das für Deutschland bisher greifbarste Ergebnis: die Kieler Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) erhielten gemeinsam mit Norwegen den Zuschlag für den Bau von zwölf U-Booten für die kanadische Marine. Geschätzter Wert: zwölf Milliarden US-Dollar. Einschließlich der Wartung über fünf Jahrzehnte könnte die Gesamtsumme auf über 70 Milliarden US-Dollar steigen. Der kanadische Journalist und Autor Stephen Marche hat seit Carneys Amtsantritt über 100 neue Wirtschaftsabkommen gezählt, mit denen Kanada Schritt für Schritt unabhängiger vom Nachbarland USA werden will. Dazu zählen nicht nur weitere Abkommen mit Deutschland, etwa zur Lieferung von kanadischem Flüssiggas LNG. Carney sucht weltweit neue Allianzen – zur Davos-Rede kam er direkt aus China, vom Nato-Gipfel aus flog er weiter nach Saudi-Arabien. Die USA als "schwerfälliger Zombie" Im Podcast "Gloves Off" ("Ernst machen"), beschreibt Stephen Marche den kanadischen Weg so: Aufhören, auf Trumps Drohungen zu starren. Aktiv Schritte zu mehr Unabhängigkeit gehen. "Am Ende können wir gewinnen", meint er. In einem Gastkommentar für die New York Times rechnet Marche vor, dass Kanada im vergangenen Jahr zwar Exporte in die USA im Wert von 21 Milliarden Dollar verloren habe. Dies werde aber durch neue Exporte in andere Länder mehr als ausgeglichen. "Wenn Du Aluminium, Öl und Kalisalz hast, wird es am Ende jemand kaufen", schreibt er. Der Iran-Krieg demonstriere zudem die Grenzen der militärischen Macht der USA. "Die Vereinigten Staaten sind zu einer Art schwerfälligen Zombie geworden", so das Fazit des Kanadiers. Daran werde auch ein nächster US-Präsident, ob Demokrat oder Republikaner, nichts ändern. Wer ein so gespaltenes Land wie die USA regiere, könne kaum "stabile Politik garantieren". Natürlich birgt der kanadische Weg auch Risiken. Schon vor Bekanntgabe des U-Boot-Deals mit Deutschland warnte der Politikwissenschaftler Martin Thunert im BR24-Interview, die kanadische Wirtschaft bleibe "in hohem Maß von den USA abhängig". Carney müsse aufpassen, Trump keinen Vorwand zu liefern, das Freihandelsabkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada USMCA aufzukündigen. Auch die Luftverteidigung Nordamerikas wird bisher weiter von den USA und Kanada gemeinsam organisiert. Die kanadische Zeitung Globe and Mail nennt es das "Carney Paradox": trotz bleibender Abhängigkeit konsequent auf mehr Unabhängigkeit zu setzen.