Trump verdoppelt bei Kritik den Einsatz
Startseite Politik Beharren, nachlegen, spalten: Wie Trumps „Double down“-Rhetorik funktioniert – auch rund um den 4. Juli Von: Jakob Maurer Uns auf Google folgen Der US-Präsident rudert nie zurück, sondern beharrt auf Falschaussagen und erhöht bei Widerspruch stets noch den Einsatz. Diese Rhetorik ändert die Mechanismen der Politik – nicht nur in den USA. Eine Analyse. Er soll 250 Fuß hoch werden, einer für jedes Jahr des Bestehens der USA. Das entspricht 76 Metern, auch diese Zahl steht für das Entstehungsjahr der Unabhängigkeitserklärung. Als Namen für Washingtons Triumphbogen kursieren „Independence Arch“ oder die Verballhornung „Arc de Trump“. So symbolisch der US-Präsident eines seiner protzigen Prestigeprojekte zum USA-Jubiläum auflädt, so tief lässt die Posse auch in Bezug auf die Politik und Rhetorik von Donald Trumps zweiter Amtszeit blicken. Selbstredend sind nicht alle in den USA euphorisiert vom Bauwerk – so wie überhaupt von seiner Inszenierung des Nationalfeiertags und Trumps angeblicher „goldener Ära“. Veteranen klagten wegen der Nähe des Triumphbogens zum Militärfriedhof Arlington. Der Denkmalschutz empfahl, die riesige goldene Engelsstatue und die Adler an der Spitze zu streichen, um die Höhe auf 166 Fuß zu reduzieren. Der Slogan „Stop the Arch“ erschallte in der US-Hauptstadt. Politologe kritisiert Trumps „Beharren auf Lügen und sein schamloses Bekenntnis zum Schwindel“ Doch anstatt die Wogen zu glätten, feuerte Trump das Projekt im Vorfeld des 4. Juli erst recht an. Er prahlte, der Bogen werde „der GRÖSSTE und SCHÖNSTE Triumphbogen irgendwo auf der Welt“. Eine kleine Version steht nun zunächst auf dem spärlich besuchten Festgelände zum US-Jubiläum. Trump lenkte angesichts des Gegenwinds nicht ein, sondern versucht, ihn in seine Segel zu lenken, um das Projekt noch vehementer voranzutreiben. Der US-Politologe Richard Holtzman umschreibt die Trump’schen Redegewohnheiten wie folgt: „Sein routinemäßiger Einsatz völlig unerhörter Rhetorik, sein Beharren auf Lügen und sein schamloses Bekenntnis zum Schwindel lassen in ihrer Gesamtheit vermuten, dass unsere ‚neue Normalität‘ eher dem rhetorischen Verhalten von Führern in autoritären Staaten ähnelt.“ Trump will Fakten schaffen und die USA über seine Präsidentschaft hinaus verändern. Jetzt erst recht. US-Medien verwenden für dieses Beharren und Nachlegen gern die Wendung „double down“. Massenhaft findet sich der Ausdruck in der Berichterstattung über Trumps zweite Amtszeit. Im Falle des Triumphbogens schreibt etwa das US-Architekturportal „Dezeen“: „Trump doubles down on classical capital with ‚Arc de Trump‘ proposal“ – Trump setzt noch stärker auf die klassische Hauptstadt. Der neue Ballsaal, die Versailles-Vibes im goldüberladenen Weißen Haus, riesenhafte Flaggenmasten: Trump will Fakten schaffen und die USA über seine Präsidentschaft hinaus verändern. Jetzt erst recht. 250 Jahre USA – die ungeschönte Geschichte Am 4. Juli 1776 verabschiedete der zweite Kontinentalkongress in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung der 13 britischen Kolonien. Deshalb feiern die USA nun ihren 250. Geburtstag, auf Englisch etwas umständlich „Semiquincentennial“ genannt, das „Halb-Fünfhundert-Jährige“. Vorangegangen war alldem der Franzosen- und Indianer-Krieg (1745 bis 1763), Teil des weltumspannenden Siebenjährigen Krieges. Die Briten verteidigten die 13 nordamerikanischen Kolonien gegen französische Eroberungsgelüste und sicherten sich Kanada als weitere Kolonie. Für die immensen Kosten des Militäreinsatzes wollte London die vermögenden Sklavenhalter-Kolonisten durch Steuern wenigstens teilweise mit aufkommen lassen. Die hatten sich und ihre Latifundien gerne retten lassen -- bezahlen war ihr Ding aber nicht. Sie schickten größtenteils das kolonistische Proletariat in den Krieg. Im Juli 1776 lief der Unabhängigkeitskrieg schon mehr als ein Jahr. Im April 1775 in Lexington bei Boston war es zum ersten Gefecht zwischen britischen Truppen und Kolonisten gekommen. Bis 1781 sollten 40.000 amerikanische Soldaten und Milizionäre zusammen mit 11.000 Franzosen und 12.000 Spaniern gegen rund 48.000 Briten, 25.000 Loyalisten, 13.000 Indigene und 30.000 deutsche Söldner kämpfen. Die numerische und technische Überlegenheit nützte der britischen Seite aber nichts. Die „patriotische“ Freiwilligenarmee unter George Washington erlitt zwar große Verluste, aber konnte einer vernichtenden Entscheidungsschlacht immer wieder ausweichen. Nach ersten Teilerfolgen besserte sich die Moral, die Unterstützung des französischen Marquis de Lafayette wie des Preußen Friedrich Wilhelm von Steuben trugen zur Professionalisierung der US-Armee bei. Im Sommer 1781 gelang unter Lafayettes Führung in Yorktown in Virginia der entscheidende Sieg. Im Dezember 1782 erkannte König George III. die Kolonien als unabhängig an, formalisiert wurde das am 3. September 1783 im Frieden von Paris. Manche Historiker:innen sehen in dem Krieg weniger eine Revolution als einen Bürgerkrieg, auch weil viele soziale Missstände in den USA erhalten blieben. Die Briten hatten auch verhindern wollen, dass die Kolonisten sich nach Westen hin ausbreiten und Konflikte mit den Indigenen provozieren. Ihre Niederlage ermöglichte in der Konsequenz den Genozid im amerikanischen Westen. Dafür dient ihm das „Double down“ – eine im Kartenglücksspiel Black Jack geläufige „Strategie, den Einsatz zu erhöhen, auch wenn damit gleichzeitig das Risiko verdoppelt wird“, wie es Ulrike Schneider und Matthias Eitelmann, die Linguistikfachleute für die englische Sprache an der Universität Mainz, beschreiben. Bezogen auf Trumps Gewinner-Verlierer-Weltsicht und seine kompromisslose Rhetorik analysieren die beiden den Effekt auf FR-Anfrage: „Trump äußert eine kontroverse Behauptung, woraufhin Medien oder politische Gegner ihm widersprechen oder Gegenbelege präsentieren; anstelle die Aussage zurückzunehmen oder abschwächend zu revidieren, beharrt Trump auf der Richtigkeit der Aussage und spitzt die ursprüngliche Behauptung zusätzlich zu, indem er nachlegt, die Kritik bestätige ihn und seine Gegner lügen oder seien Teil einer Verschwörung.“ Trumps Methode: Durch ständige Wiederholung wird aus Schockierendem Normalität Während er mit seinen Protzprojekten zum Nationalfeiertag physisch Fakten schafft, ist Trump sonst meist kein Fan von Tatsachen. Holtzman führt in einem Fachartikel aus dem Jahr 2025 folgende „Double down“-Situation an: Im April 2025 sensationalisierte Trump den Fall des abgeschobenen Kilmar Ábrego García. An dem aus El Salvador stammenden Familienvater sollte ein Exempel für die Abschiebehärte statuiert werden. Trump behauptete, Ábrego García habe „MS13“ auf seine Fingerknöchel tätowiert, ein Verweis auf den Namen einer kriminellen Bande. Sein Team hatte diese Buchstaben und Zahlen aber nur digital anstelle der tatsächlich auf die Fingerknöchel tätowierten Symbole in einem Foto eingefügt. Die Administration wollte damit zeigen, welche angebliche versteckte Bedeutung sie den jeweiligen Zeichen zuschrieb. Trotz allem beharrte Trump auf seiner Falschaussage. Das Schockierendste war dabei für den Politologen: „Nach ein oder zwei Tagen Medienberichterstattung wandte sich die US-amerikanische Öffentlichkeit größtenteils anderen Themen zu.“ Durch ständige Wiederholung werde aus Schockierendem Normalität. Es ist also nicht nur das Tempo, mit dem Trump Kontroversen auftischt, sondern auch die entfesselte Skrupellosigkeit, mit der er an ihnen festhält, die politische Mechanismen verändert. Auch bei Trumps Zöllen oder imperialistischen Gelüsten wird das „Double down“ zum Werkzeug Als im Januar Trumps ICE-Horden in Minneapolis zwei Protestierende erschossen, stoppte der Präsident das brutale Vorgehen nicht direkt. Sondern ging in die Offensive: „Sie versuchen lediglich, ihre Aufgabe zu erfüllen, nämlich AMERIKA SICHER ZU MACHEN. Wir müssen ihnen zur Seite stehen und unsere Polizeibeamten vor dieser radikalen linken Bewegung der Gewalt und des Hasses schützen!“ Auch bei Zöllen oder imperialistischen Gelüsten wird das „Double down“ zum Werkzeug, das „typisch für populistische Spaltung“ ist, so Schneider und Eitelmann. Dazu kommt die „hochemotionale Sprache, gekennzeichnet durch intensivierende Partikel (very, so, totally…) und Superlative“, wie die Fachleute schon 2020 in ihrem Buch „Linguistic Inquiries into Donald Trump’s Language“ erläuterten. Trump „sprengt damit gängige Konventionen politischer Kommunikation“. Auch bei Zöllen oder imperialistischen Gelüsten wird das „Double down“ zum Werkzeug, das „typisch für populistische Spaltung“ ist, so Schneider und Eitelmann. Das soll politische Gegenspieler delegitimisieren. Dazu kommt die „hochemotionale Sprache, gekennzeichnet durch intensivierende Partikel (very, so, totally …) und Superlative“, wie die Fachleute schon 2020 in ihrem Buch „Linguistic Inquiries into Donald Trump’s Language“ erläuterten. Trump „sprengt damit gängige Konventionen politischer Kommunikation“, schreiben sie.