Tunnel in die EU: Frontex erhebt schwere Vorwürfe gegen Belarus
Nachdem zuletzt mehrmals Migranten durch Tunnel von Belarus in die Nachbarländer Litauen und Lettland gelangt sind, ist man sich auf Behördenseite mittlerweile sicher: Dafür ist das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko verantwortlich. Zu diesem Schluss kommt jetzt jedenfalls nach Informationen von WDR und NDR die europäische Grenzschutzagentur Frontex. In einer internen Analyse zieht Frontex die Bilanz: "Solche Tunnel würden auf der belarusischen Seite der Grenze nicht ohne Kenntnis und Unterstützung der belarusischen Dienste gebaut werden." Weiter heißt es, es könne zudem nicht ausgeschlossen werden, dass das Regime von Lukaschenko Spezialisten für die Konstruktion der Tunnel und Migranten zum Graben nutzen würde. Es sei wahrscheinlich, dass Tunnel auch künftig genutzt würden. Erstmals Tunnel in Lettland entdeckt In der vergangenen Woche hatten erstmals auch lettische Behörden einen Tunnel an der Grenze zu Belarus entdeckt - durch diesen sollen 15 Migranten in den baltischen Staat gekommen sein. Nach Angaben des lettischen Innenministers Janis Dombrava soll es sich bei dem Objekt nahe des bereits länger geschlossenen Grenzübergangs Silene um den ersten Tunnel dieser Art in seinem Land handeln. Seit dem vergangenen Jahr waren offiziellen Angaben zufolge mehrere Tunnel zwischen Belarus und Litauen sowie zu Polen entdeckt worden. Weniger irreguläre Grenzübertritte im ersten Halbjahr Insgesamt ist die Zahl der von Frontex gezählten irregulären Grenzübertritte an den östlichen europäischen Außengrenzen zuletzt gesunken: Im ersten Halbjahr 2026 habe es mit insgesamt 3.209 festgestellten irregulären Einreisen 44 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum gegeben, wie Frontex in der vergangenen Woche berichtete - und dennoch warnt die EU-Grenzschutzagentur weiterhin davor, dass Belarus bewusst Migration in die EU unterstütze und zum Teil steuere. Nachdem in den vergangenen Jahren die Zahlen der illegalen Grenzübertritte stark gestiegen waren, hatten Polen, Lettland und Litauen ihre Grenzen stärker mit Zäunen gesichert. Der internen Analyse der Grenzschutzagentur zufolge sorgen diese verstärkten Grenzschutzmaßnahmen dafür, dass der Übertritt schwieriger geworden ist. "Dennoch ist der Migrationsdruck, den Belarus als Instrument nutzt, nicht geringer geworden", heißt es in der Analyse. Tunnel als "ausgefeiltere" Vorgehensweise Dabei würden mittlerweile die mit Abstand meisten Ausreiseversuche von Belarus nach Lettland registriert - und deutlich weniger nach Litauen und Polen. Die Nachrichtendienste in Belarus würden ausgefeiltere Vorgehensweise wählen, um Migranten bei der Weiterreise in die EU zu unterstützen: "Tunnel sind zu einer solchen Option geworden." Im Jahr 2026 seien allein in Litauen fünf solcher Tunnel entdeckt worden. Durch drei von ihnen seien insgesamt mindestens 86 Migranten aus Afghanistan, Pakistan, Irak und Indien eingereist - diese wurden zumindest festgestellt. Die beiden anderen Tunnel seien noch während des Baus entdeckt worden. Die Behörden nutzen offenbar elektronische Geräte, um größere Lufträume im Erdreich zu entdecken. Für Frontex sind die Tunnel ein Hinweis dafür, dass Belarus sich der neuen Situation anpasst: "Es ist davon auszugehen, dass die Tunnel weiterhin genutzt werden, solange der instrumentalisierte Migrationsdruck aus Belarus anhält", heißt es in der internen Analyse. Vorwürfe seitens der EU-Staaten Seit Jahren werfen europäische Staaten sowie die Europäische Union Belarus vor, die Weiterreise von Migranten in den grundsätzlich grenzkontrollfreien Schengen-Raum von staatlicher Seite zu dulden oder zu unterstützen. Auch die Bundesregierung beschuldigte das belarusische Regime, Migration im hybriden Kampf gegen den Westen als politisches Druckmittel zu nutzen und gesellschaftliche Konflikte in Europa über das Thema Migration zu befeuern. Westliche Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Russland das Vorgehen des verbündeten Nachbarstaats unterstützt. Belarus und Russland haben entsprechende Vorwürfe jedoch stets zurückgewiesen. Eine aktuelle Anfrage an die belarusische Botschaft in Berlin blieb zunächst ohne Antwort.