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Türkei und Griechenland: Trotz Nato - Konflikt spitzt sich weiter zu

Welt

"Zunehmende Eskalation"

Am Mittelmeer flammt ein alter Konflikt wieder auf

Von t-online

25.09.2026 - 18:19 UhrLesedauer: 4 Min.

In der Nato sind Griechenland und die Türkei Partner, doch nun verschärfen sich jahrzehntealte Spannungen zwischen Athen und Ankara. Wie gefährlich ist die Lage?

Im jahrzehntealten Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei in der Ägäis haben sich die Spannungen zuletzt wieder verschärft – die Schuld daran sehen beide Nato-Staaten beim jeweils anderen. Es geht um Hoheitsgewässer, Besitzansprüche sowie um politische und militärische Einflusszonen im Mittelmeerraum. Die wechselseitigen Vorwürfe reichen von Luftraumverletzungen bis hin zu Truppenverlegungen in aggressiver Absicht.

So beklagt Athen aus seiner Sicht illegale türkische Meeresnationalparks und türkische Militärbewegungen an die Küste. Auf der anderen Seite kritisiert der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die "Militarisierung" griechischer Inseln und fordert deren Beendigung. Außenminister Hakan Fidan spricht in diesem Zusammenhang von einer Sicherheitsbedrohung für die Türkei.

Griechenland setzt auf Abschreckung

Die Spannungen fallen in eine Phase, die griechische Experten als neue, riskante Ära beschreiben. Meri Bossi, emeritierte Professorin für Internationale Sicherheit an der Universität Piräus, sagte "tagesschau.de": "Wir sehen eine zunehmende Eskalation und eine bedrohliche Rhetorik seitens der Türkei und seitens Griechenlands. All das, und natürlich das unsichere regionale und internationale Umfeld, trägt dazu bei, dass diese Spannungen vielleicht einen extremeren Punkt erreichen könnten."

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Die griechische Regierung setzt vor diesem Hintergrund verstärkt auf Abschreckung. Nach dem Prinzip, wer Frieden wolle, müsse sich auf Krieg vorbereiten, hat Athen Ende August mit Israel einen milliardenschweren Rüstungsvertrag abgeschlossen. Das Programm mit dem Namen "Schild des Achilles" umfasst ein Luftverteidigungssystem und soll zugleich die griechische Rüstungsindustrie stärken.

Journalist beklagt "Atmosphäre der Gesetzlosigkeit"

Der griechische Journalist John Psaropoulos sieht in diesen Maßnahmen vor allem Selbstverteidigung. "Aus griechischer Sicht ist die Destabilisierung in der Region rund um die Ukraine und nun auch am Golf und am Roten Meer eine schlechte Nachricht für die Eindämmung dieses Konflikts mit der Türkei", sagte er "tagesschau.de". Durch die verschiedenen Konflikte sei "eine Atmosphäre der Gesetzlosigkeit" entstanden, "in der Krieg normalisiert wurde".

Psaropoulos kritisiert zudem, der Konflikt mit der Türkei erhalte in Europa und vor allem in Deutschland zu wenig Aufmerksamkeit. Je länger man Konflikte ungelöst lasse, desto größer sei die Gefahr, langfristig ernste Probleme zu bekommen. "Griechenland betrachtet die Türkei als ein potenzielles Russland. Die Bedrohungswahrnehmung, die Europa jetzt von Russland hat, die hat Griechenland seit Längerem gegenüber der Türkei", sagte er.

Darum sind Griechenland und die Türkei verfeindet

Die gegenseitige Bedrohungswahrnehmung hat eine lange Vorgeschichte, die bis in die Zeit des Osmanischen Reichs zurückreicht. Seit der türkischen Invasion in Zypern 1974 kam es immer wieder zu Konflikten um die Ägäis: Luftraumverletzungen, Seerechtsfragen, die Stationierung von Truppen und die Frage, wie Inseln und kleine Felsen völkerrechtlich einzuordnen sind.

Der Politikwissenschaftler Ronald Meinardus, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Athener Thinktank Eliamep, verweist vor allem auf die grundsätzlichen Differenzen. "Man ist sich nicht einig, was eigentlich umstritten ist, und man ist sich nicht einig, wie man diese Streitpunkte lösen soll", sagte Meinardus "tagesschau.de". Der Konflikt trete daher auf der Stelle.

Ein zentrales Beispiel ist die Frage, ob Griechenland seine Hoheitsgewässer rund um die Ägäis-Inseln auf zwölf Seemeilen ausweiten darf. Für Athen ist die Lage klar, weil das UN-Seerechtsübereinkommen eine solche Ausweitung grundsätzlich ermöglicht. Die Türkei hält das aber für problematisch. Das türkische Parlament beschloss bereits 1995, eine solche Ausweitung würde als Kriegsgrund gelten. Die Befürchtung: Durch die vielen griechischen Inseln könnten die internationalen Gewässer in der Ägäis stark schrumpfen, und die türkische Schifffahrt würde deutlich eingeschränkt.

"Die Türkei ist eine revisionistische Macht"

Neben der Frage der Hoheitsgewässer verweist Ankara auf angebliche "Grauzonen" in der Ägäis. Gemeint sind Inseln und unbewohnte Felsen, deren Souveränität aus türkischer Sicht offen sei. Griechenland widerspricht und betont, der Status dieser Gebiete sei vertraglich geregelt.

Meinardus erkennt in der türkischen Haltung eine bewusste Strategie, die Anzahl der Streitpunkte zu erhöhen. "Je kleiner der Streitkorb ist, desto geringer ist die Chance, dass du da was rausholst. Aber je mehr du reinwirfst, desto größer ist die Chance, dass du da was wegnehmen kannst", sagte er. Der Status quo sei eigentlich im Sinne Griechenlands. "Diesen Status quo will die Türkei revidieren. Die Türkei ist eine revisionistische Macht", so Meinardus.

In Griechenland wird in diesem Zusammenhang auch die türkische Doktrin der "Blauen Heimat" kritisch betrachtet, die bald im türkischen Parlament diskutiert werden soll. Sie sieht vor, türkische Einflusszonen im Mittelmeer deutlich zu erweitern. Kritiker sehen darin neo-osmanische Expansionspläne, die über klassische Sicherheitsinteressen hinausgehen.

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"Das ist ein Familienkonflikt"

Trotz der militärischen Symbolik halten manche Beobachter ein direktes militärisches Aufeinandertreffen für wenig wahrscheinlich. Der Politikwissenschaftler Hüseyin Bağcı aus Ankara sagte: "Zwischen der Türkei und Griechenland könnte es nicht zu einer militärischen Auseinandersetzung kommen, weil beide Seiten Mitglieder der Nato sind, und das können sie nicht tun. Das ist ein Familienkonflikt, und das sollte man innerhalb der Nato, aber auch innerhalb der Europäischen Union lösen."

Die Verlegung von rund 2.000 türkischen Soldaten in die Küstenregion südlich von Izmir wertet Bağcı als Zeichen der Kampfbereitschaft, sieht aber Präsident Erdoğan selbst nicht an einem Krieg interessiert. Vieles sei, darin sind sich mehrere Experten einig, innenpolitisch motiviert: In Griechenland stehen im Frühjahr Wahlen an, und Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis will nicht den Eindruck von Schwäche gegenüber Ankara erwecken.

Die jüngere Phase der Entspannung zwischen beiden Ländern, die nach einem Besuch Erdoğans 2023 in Athen als Zeit der "ruhigen Gewässer" in der Ägäis beschrieben wurde, gilt damit als beendet. Stattdessen überlagern sich historische Streitpunkte, veränderte Sicherheitslagen im weiteren Umfeld – von der Ukraine über den Nahen Osten bis zum Roten Meer – und innenpolitische Interessen.

Die Analyse der Fachleute legt nahe: Solange grundlegende Fragen nicht definiert und verhandelt sind, bleiben die Spannungen in der Ägäis ein Risiko. Der Konfliktherd ist alt, aber das Umfeld, in dem er heute besteht, macht die Lage komplexer – und potenziell gefährlicher für die Stabilität im südöstlichen Europa und im östlichen Mittelmeer.

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