DAX +0,74 % 26.319,45 Pkt 18:00:00 MDAX -0,06 % 32.407,20 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,33 % 6.523,86 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,57 % 54.036,93 Pkt 22:50:36 S&P 500 +0,44 % 7.757,64 Pkt 22:50:24 Nasdaq +1,24 % 26.690,62 Pkt 23:15:59 Nikkei -0,12 % 65.606,71 Pkt 08:45:02 Gold +1,36 % 4.399,70 USD 22:59:55 Silber +0,26 % 63,50 USD 22:59:56 Brent 0,00 % 83,55 USD 22:59:58 WTI 0,00 % 78,18 USD 22:59:59 Bitcoin -0,07 % 64.856,49 USD 10:06:19 EUR/USD +0,04 % 1,15620 USD 23:29:57 EUR/GBP -0,15 % 0,85670 GBP 23:29:57 EUR/CHF +0,13 % 0,93350 CHF 23:29:57 EUR/JPY +0,13 % 182,378 JPY 23:29:57

Übermacht der Tech-Konzerne: Wie Europa doch noch zu retten ist

Technologie

Übermacht der Tech-Konzerne : Ist die Demokratie verloren? Von Niklas Maak , Francesca Bria 09.08.2026, 07:55Lesezeit: 7 Min. Ein Rechenzentrum im italienischen SettecaminiPicture Alliance Ist es angesichts der amerikanischen und chinesischen Dominanz zu spät für Europa? Nein, sagt Matteo Lepore, der Bürgermeister von Bologna. Er hat einen Plan, der Europa verändern – und vielleicht sogar retten könnte. Bedrohliche KI-Unfälle, globale Handelskrisen, Abbau von Tausenden von Jobs in Europa: Die letzten Wochen haben gezeigt, wie existenziell die politischen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen die hiesige Wirtschaft und Gesellschaft treffen. Was kann Europa tun, um seine Souveränität, seinen Wohlstand und seine freiheitliche Demokratie zu verteidigen und nicht zwischen den Digitalmächten USA und China zerrieben zu werden – oder ist es zu spät? Immer weniger Wähler trauen den klassischen Parteien zu, Europas Probleme zu lösen und den Technologierückstand aufzuholen. Eine Ausnahme unter den Politikern ist der populäre, 1980 in Bologna geborene Italiener Matteo Lepore. 2021 wurde er mit 61,9 Prozent der Wählerstimmen zum Bürgermeister seiner italienischen Heimatstadt gewählt; nie fiel in Bologna eine Bürgermeisterwahl so eindeutig aus. Lepore will in Italien eine Technopole schaffen, ein Gegengewicht zu Silicon Valley, Open AI und Chinas Digitalindustrien – und damit einer progressiven Demokratie der Zukunft den Weg bereiten. Kann das klappen? Und was steht auf dem Spiel? Ein Gespräch mit einem, der nicht aufgibt. Bologna, Ihre Heimatstadt, lebt von traditionellen Industrien. Die Stadt ist weitgehend vom Automobilsektor, aber auch vom produzierenden Gewerbe abhängig. Sie wollen den Übergang ins Zeitalter der digitalen Industrien schaffen – und sogar ein Modell umsetzen, bei dem Bologna im Zentrum dieses Wandels steht. Ist das nicht unrealistisch? F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Es stimmt, dass Bologna auf eine solide Tradition in der Produktion und der Automobilbranche zurückblicken kann, mit einer engen Verbindung zwischen Hochschulen, Forschung und Industrie. Doch heute ist der digitale Bereich bereits in den Maschinen selbst verankert: KI, Daten und Kompetenzen prägen die Investitionsentscheidungen unseres Industriesystems. Unsere Wettbewerbsfähigkeit hängt zunehmend von Fachwissen, Netzwerken und Innovationsfähigkeit ab und weniger von physischen Produkten. Daher ist es unsere Priorität, diesen Wandel durch Bildung zu unterstützen und dadurch, dass wir die besten Talente zu uns nach Bologna und in die Emilia-Romagna holen. Warum sollte ausgerechnet Bologna zu einem europäischen Gegenentwurf zum Silicon Valley werden? Bologna war schon immer ein Ort, an dem Technologien angewendet wurden: von der Seidenindustrie im Mittelalter bis hin zur modernen Verpackungstechnik. Innovation, Patente und die Verbindung zur Universität bilden einen roten Faden, ebenso wie die technischen Schulen, die unsere Unternehmerklasse geprägt haben. Bologna ist eine der Wiegen des Humanismus, auch durch seine Universität. Die 1088 gegründete Universität, formiert aus Zusammenschlüssen von Studenten, prägte das Rechtsstudium als Mittel zur Regelung der Beziehungen zwischen privaten Akteuren sowie zwischen Institutionen und Bürgern. Der „Liber Paradisus“ von 1257 – das Gesetz, das die Sklaverei in Bologna abschaffte – war ein Kind dieser Kultur. Technische Innovation und zivilisatorischer Fortschritt sind Teil unserer Identität. Ausgehend von dieser Frage der Emanzipation: Was unternehmen Sie, um sich in einer Zeit der Handelskriege, aber auch der Technologiekriege, der Exportkontrollen für Rohstoffe und Mikrochips sowie eines anhaltenden Konflikts, der zu einer fast vollständigen Entkopplung der Wertschöpfungsketten zwischen den USA und China führt, unabhängiger von importierten Infrastrukturen, von den Vereinigten Staaten und China zu machen? Das ist eine politische und eine ethische Frage! Europa und Bologna müssen sich von den USA und China abheben, indem sie den Fokus auf Demokratie, die bürgernahe Nutzung von Daten und universelle Rechte legen. Italien ist immerhin Europas zweitgrößtes Produktionsland, und Europa muss seine Produktionsfähigkeit verteidigen. Wir brauchen eine stärkere europäische Industriepolitik im Bereich der digitalen Technologien und der KI, und die Emilia-Romagna kann dabei eine zentrale Rolle spielen, da sie demokratische Werte mit einem fortschrittlichen industriellen Ökosystem verbindet. Es ist ja aber klar, dass wir wirtschaftlich an Boden verlieren und massiv verloren haben, das zeigt sich sehr deutlich in Deutschland, aber auch in Italien. Deutschland und Frankreich haben vor Kurzem eine Konferenz zur europäischen digitalen Unabhängigkeit abgehalten. Die EU sieht hier aber weitgehend handlungsunfähig aus. Glauben Sie, dass es Raum für ein Netzwerk europäischer Regionen und Städte gibt, das bei Projekten dieser Art über nationale und politische Grenzen hinweg zusammenarbeiten kann – und welche Rolle könnte ein Bündnis europäischer Städte und Regionen für die europäische digitale Unabhängigkeit spielen? Dieser Raum muss geschaffen werden: Technologische Unabhängigkeit und Demokratie erfordern die Zusammenarbeit zwischen Städten und Universitäten. Bologna ist bereits Teil des europäischen Supercomputing-Netzwerks mit Barcelona und Helsinki. Wir entwickeln gemeinsam mit Barcelona einen digitalen Zwilling, und das „Tecnopolo“ ist eines der sieben Supercomputing- und KI-Zentren Europas. In Frankreich werden erhebliche Investitionen in das Technologiezentrum Sophia Antipolis getätigt, das früher als europäisches Silicon Valley galt und jetzt Standort der „AI Factory“ ist. Macron hofft, dass sich dieser Ort zu einer Alternative zum Silicon Valley entwickeln wird. In Bologna gibt es ähnliche Pläne. Was planen Sie mit Ihrer „Tecnopolo“ und Ihrer „Stadt des Wissens“? Bolognas Industrie- und Universitätsgeschichte hat die Stadtgestaltung geprägt. Bolognas Fähigkeit, Studierende, Industriearbeiter und Investitionen anzuziehen, zeigt sich in seinen Stadtvierteln und den umliegenden Gemeinden. Mit dem „Packaging Valley“, dem „Automotive Valley“ und der Fertigungsindustrie im Allgemeinen verfügt Bologna bereits über Orte, die Institutionen, die Privatwirtschaft sowie Bildung und Wissenschaft zusammenbringen. Solch einen Ort müssen wir auch für die digitale Transformation schaffen. Bologna kann Italien eine Führungsrolle in Europa verschaffen, mit einer mediterranen Ausrichtung, die die Beziehungen zu Spanien und Katalonien stärkt, wo bereits eine aktive Zusammenarbeit besteht. Vielleicht können Sie etwas näher auf das Meteorologische Zentrum, die UN-Universität und die gesamte grüne Infrastruktur eingehen – auf die Bemühungen, diese Arbeit mit Umweltfragen, Bürgerschaft und Nachhaltigkeit zu verknüpfen. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Tecnopolo entstand durch die Ansiedlung des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen und durch die Supercomputing-Infrastruktur von Cineca: Zusammen haben sie Investitionen in Höhe von fast zwei Milliarden Euro generiert. Doch sie bringen auch energetische und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich. Bologna gehört zu den 100 europäischen Städten der „Climate Mission“: Wir haben einen 11-Milliarden-Euro-Plan, um bis 2030 Klimaneutralität zu erreichen, sowie ein 220-Millionen-Euro-Wohnungsbauprogramm für 10.000 bezahlbare Wohnungen, was in einer Stadt mit 100.000 Studierenden unverzichtbar ist. Tecnopolo befindet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Tabakfabrik aus den 1950er-Jahren, die von dem legendären Modernisten Pier Luigi Nervi entworfen wurde. Das ist architektonisch ein attraktiver Standort für eine neue europäische Tech-Elite. Aber was wird der dort geboten, damit sie nicht zu Open AI und nach Kalifornien auswandert? Hier befindet sich der europäische Höchstleistungsrechner Leonardo, der vom Konsortium Cineca betreut wird und komplexe wissenschaftliche Simulationen errechnen kann. Tecnopolo ist ein Ort für Quantencomputing und ein europäischer Hub für Künstliche Intelligenz, bei dem Projekt „Destination Earth“ wird etwa ein digitaler Zwilling der Erde erstellt, um den Klimawandel zu simulieren. Schon in den 1990er-Jahren schuf Bologna das erste städtische Internetnetzwerk Italiens. Auf dieser Tradition aufbauend, entwickeln wir andere Systeme als im Silicon Valley, etwa den „Civic Digital Twin“: eine offene Plattform zur Sammlung und zum Austausch von Daten mit Bürgern, Forschern und Unternehmen, die das Wissen und die demokratische Kontrolle stärkt. Unabhängige Institutionen wie Universitäten wachen darüber, dass die Daten im Sinn der Bürger und nicht zu ihrer Steuerung und Ausbeutung verwendet werden: Wie soll das gehen im ökonomisch-gewinnorientierten KI-Wettrennen zwischen amerikanischen Digitalkonzernen und China? Heute befindet sich der Multilateralismus in einer Krise, und die Vereinten Nationen sind geschwächt. In dieser Krise, die auch eine Krise der Nationalstaaten ist, können Städte über nationale und ideologische Grenzen hinweg zu Orten des Widerstands und des Wiederaufbaus gewaltfreier internationaler Beziehungen werden, an denen Gemeingüter geschützt und an künftige Generationen weitergegeben werden. Das heißt, wenn Meloni, Merz und Macron sich nicht einigen können, könnten sich Bologna, München und Paris zusammentun und internationale Digitalpolitik machen – zum Beispiel Bewegungsdaten verwenden, um bessere Bus- und Radwegstrukturen zu schaffen und Künstliche Intelligenzen zu bauen, die Lebensbedingungen optimieren und sich an ethische Standards halten? Die Geschichte des Kalten Krieges zeigt, dass Wettläufe um die Vorherrschaft im Zusammenbruch enden. Die Ressourcen, die für die Vorherrschaft im Bereich der KI benötigt werden, können neue globale Ungleichgewichte schaffen. In diesem Zusammenhang kann Europa eine neue diplomatische Rolle übernehmen, die Machtpolitik vermeidet und ein Gleichgewicht im Umgang mit strategischen Ressourcen schafft. Geht das mit Ihrer aktuellen Regierung in Rom? Wir müssen bestimmte Realitäten akzeptieren. Die Meloni-Regierung, die Mitte-rechts-Mehrheit, ist in Italien das politische Lager, dem es in den letzten Jahren am besten gelungen ist, seine Wählerschaft zu mobilisieren. Viele – wie auch anderswo in Europa – wenden sich aus Angst vor der Zukunft den Konservativen zu. Sollte Meloni also ruhig schlafen können? Meloni sollte besorgt sein: Italien steht am Rande einer Rezession und wäre ohne den NRRP – den Nationalen Wiederaufbau- und Resilienzplan – bereits mitten darin. Die Regierung verschärft die Sicherheits- und Ordnungsmaßnahmen und will das Wahlrecht und die Institutionen ändern, weil sie ihre derzeitige Unterstützung als nicht ausreichend erachtet. Das ist ein Zeichen von Schwäche, nicht von Stärke. Bologna als Stadt des Wissens, der Universitäten und der Technologie zeigt, dass man fortschrittlich sein und gleichzeitig in die Zukunft blicken kann. Fortschrittlichkeit bedeutet heute kollektives Wohlergehen, Wohnraum, Löhne, Gesundheitsversorgung und Fortschritt. Wir setzen der Politik der Angst eine Politik des Mutes entgegen. Was genau meinen Sie mit „Mut“? Im Jahr 1914 wählte Bologna seinen ersten sozialistischen Bürgermeister, Francesco Zanardi, dessen Programm aus sozialem Wohnungsbau, städtischen Bäckereien und Lebensmittelverteilung den heutigen Vorschlägen Mamdanis für New York ähnelt. Er war ein Sozialist, aber auch pragmatisch und in der Lage, seine Versprechen einzulösen. Die Rechte hält, wo sie regiert, ihre Versprechen nicht ein, erhöht die Steuern und nutzt Angst, um Rechte einzuschränken und die Protestfähigkeit der Menschen zu schwächen. Das sehen wir in allen Ländern, in denen sie an der Macht sind. Europas Fehler ist das Fehlen einer Industriestrategie. Um nicht als „die Besten in etwas, das es bald nicht mehr geben wird“, zu enden, brauchen wir eine echte grüne industrielle Revolution: Investitionen, neue Wertschöpfungsketten und neu gestaltete Märkte. China hat dies getan; Europa nicht. Mut bedeutet, den Bürgern zu sagen, dass wir die Voraussetzungen schaffen müssen, damit die Industrien von morgen hier bestehen können. Die Antwort ist eine gemeinsame europäische Industriestrategie – der einzige Weg, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu erhalten und den ökologischen Wandel zu bewältigen, ohne Arbeitsplätze und Industrie zu verlieren. Aus dem Englischen übersetzt von Alina Renner. Quelle: F.A.S.Artikelrechte erwerben Niklas Maak Redakteur im Feuilleton / Frankfurter Allgemeine Quarterly. Schlagworte: Empfehlungen Merken Filmklassiker „Cat People“: Benzin ins Feuer gießen Eigentlich wollte Paul Schrader dieses Remake eines Horrorklassikers nicht drehen. Dann brachte Dante ihn auf die zündende Idee. Maria Wiesner Merken FAZ+Streit ums Schreiben: Warum ein KI-Roman völlig wertlos ist Ein Leipziger Professor behauptet, Algorithmen schreiben schneller und besser als Menschen. Das ist Unfug. Wer den mühsamen Schreibprozess durch Prompts ersetzen will, versteht nicht, warum wir Bücher lesen. Wolfgang Matz Merken Drama in der Eisdiele: „Deine Gen Z geht mir dermaßen auf die Nerven“ Entscheiden Sie sich im Eisladen für den Plastiklöffel oder für den Holzspatel? Sind Sie ein Boomer oder nicht? Und was haben Sie sonst so für Ansichten? Geschichte eines fatalen Missverständnisses. Katja Scholtz Stellenmarkt Frankfurter Allgemeine Zeitung Stellenmarkt IT-Projektmanager (m/w/d) Oskar Frech GmbH + Co. KG Zum Stellenmarkt Frankfurter Allgemeine Zeitung Stellenmarkt Zum Stellenmarkt Frankfurter Allgemeine Zeitung Stellenmarkt Kardioheld*innen (m/w/d) Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Zum Stellenmarkt

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