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Überraschender Doppelnutzen bei Alzheimer: Moderne Blutverdünner könnten geistigen Abbau verlangsamen

Allgemein

Vorhofflimmern und Alzheimer sind zwei Erkrankungen, die im höheren Alter zusammentreffen können. Moderne Blutverdünner, sogenannte NOAC – Non-Vitamin-K Oral Anticoagulants, sollen bei Vorhofflimmern vor allem Schlaganfälle verhindern. Bei Menschen mit Alzheimer könnten sie jedoch einen weiteren Effekt haben: Ihre geistigen Fähigkeiten nahmen laut einer großen schwedischen Untersuchung langsamer ab. Beobachtet wurden ausschließlich Patienten, die sowohl Alzheimer als auch Vorhofflimmern hatten. Der Unterschied war klein, doch über mehrere Jahre könnte er dennoch spürbar sein. Dahinter stehen Daten von 7308 Menschen aus dem schwedischen Demenzregister SveDem. Ein Forschungsteam des Karolinska Instituts in Stockholm wertete ihre Krankheitsverläufe aus. Die Ergebnisse erschienen im European Heart Journal. Das Durchschnittsalter bei der Alzheimer-Diagnose lag bei 82,6 Jahren. Rund 53 Prozent der Teilnehmer waren Frauen. Die Wissenschaftler verglichen drei Gruppen: 1690 Patienten nahmen als Gerinnungshemmer NOAC, 2277 erhielten den Blutverdünner Warfarin und 3341 gar keine Antikoagulanzien. NOAC wirken langfristig positiv gegen geistigen Abbau Für die geistige Leistungsfähigkeit der Studienteilnehmer nutzte das Team den Mini-Mental-Status-Test, kurz MMSE. Er prüft unter anderem Orientierung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprache. Patienten mit NOAC-Medikation verloren pro Jahr im Schnitt 0,23 MMSE-Punkte weniger als Menschen ohne Gerinnungshemmer. Gegenüber Warfarin betrug der Unterschied 0,21 Punkte. Warfarin selbst schnitt bei der Geschwindigkeit des geistigen Abbaus nicht besser ab als eine Behandlung ohne Antikoagulanzien. Nach fünf Jahren wurde der Abstand zu den Vergleichsgruppen greifbarer. Die statistisch geschätzten MMSE-Werte lagen zu Beginn in allen Gruppen bei ungefähr 21,5 Punkten. Nach fünf Jahren kamen Patienten ohne Blutverdünner auf 14,3 Punkte. Unter Warfarin waren es 14,5 Punkte, unter NOAC 15,3 Punkte. „Der Unterschied ist für einen einzelnen Patienten von einem Jahr zum nächsten gering“, sagt Studienautor Nanbo Zhu. „Über einen längeren Zeitraum könnte selbst ein solcher Effekt jedoch beeinflussen, wie sich die kognitive Funktion entwickelt.“ Bessere Durchblutung und weniger kleine Schäden im Gehirn Eine mögliche Erklärung für die positive Wirkung von NOAC auf die kognitiven Fähigkeiten: Vorhofflimmern begünstigt Blutgerinnsel und damit Schlaganfälle. Doch auch kleinere, zunächst unbemerkte Hirninfarkte können die Blutversorgung des Gehirns beeinträchtigen. Antikoagulanzien verhindern die Bildung von Gerinnseln. Die Autoren diskutieren außerdem eine bessere Durchblutung des Gehirns und einen möglichen Schutz der Blut-Hirn-Schranke. Auch könnten Gerinnung, Entzündungsreaktionen und Alzheimer-typisches Amyloid biologisch miteinander verbunden sein. Maria Eriksdotter, Professorin für Neurobiologie, Pflegewissenschaften und Gesellschaft am Karolinska Institut, nennt deshalb mehrere denkbare Mechanismen. „Es gibt Gründe für die Annahme, dass die Behandlung einen positiven Effekt auf die Kognition haben könnte, beispielsweise durch eine bessere Durchblutung und weniger kleinste Schäden im Gehirn.“ Bewiesen ist dieser Mechanismus beim Menschen damit noch nicht. Frühere Untersuchungen lieferten außerdem kein einheitliches Bild. Zwei randomisierte Studien mit Patienten ohne Demenz fanden zwischen den Blutverdünnern Dabigatran und Warfarin keinen signifikanten Unterschied bei der geistigen Entwicklung. Moderne Blutverdünner schnitten auch bei Schlaganfällen besser ab Die Unterschiede beschränkten sich nicht nur auf die geistige Leistungsfähigkeit. Während einer medianen Nachbeobachtung von 2,7 Jahren registrierten die Forscher 2588 Todesfälle, darunter 833 ischämische Schlaganfälle oder systemische Embolien, 683 schwere Blutungen und 824 Knochenbrüche. Unter NOAC traten Schlaganfälle oder Embolien seltener auf als ohne Antikoagulation. Auch die Sterblichkeit und das Frakturrisiko lagen niedriger. Bei schweren Blutungen fand sich gegenüber der unbehandelten Gruppe kein statistisch signifikanter Anstieg. Auch der direkte Vergleich mit Warfarin fiel teilweise zugunsten der neueren Mittel aus. Nach drei Jahren lag das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall oder eine systemische Embolie unter NOAC um 3,0 Prozentpunkte niedriger. Schwere Blutungen traten um 2,7 Prozentpunkte seltener auf. Warfarin verlangt zudem eine aufwendigere Therapiekontrolle. Während der Untersuchung wechselten oder unterbrachen Warfarin-Patienten ihre Behandlung häufiger. Warum NOAC nicht als neue Alzheimer-Therapie taugen Die Ergebnisse sind kein Beweis für eine bremsende Wirkung moderner Blutverdünner auf Alzheimer. Es handelt sich lediglich um eine Beobachtungsstudie und nicht um einen kontrollierten Medikamentenversuch. Trotz statistischer Anpassungen könnten sich die Patientengruppen in weiteren Punkten unterschieden haben. Dazu zählen Gebrechlichkeit, Blutungsrisiko, Therapietreue oder individuelle ärztliche Entscheidungen. Außerdem konnten die Wissenschaftler einzelne NOAC-Wirkstoffe wegen zu geringer Fallzahlen nicht getrennt bewerten. Die Autoren selbst warnen daher vor falschen Erwartungen. Die Einnahme von Blutverdünnern sollte weiterhin vor allem dem Schutz vor Schlaganfällen dienen und nicht einem erhofften Nutzen für das Gedächtnis. Für Menschen mit Alzheimer und Vorhofflimmern liefern die Daten dennoch einen hoffnungsgebenden Hinweis: Ein Medikament, das ohnehin vor gefährlichen Gerinnseln schützen soll, könnte zugleich mit einem langsameren Verlust geistiger Fähigkeiten verbunden sein. Kurz zusammengefasst: Bei Menschen mit Alzheimer und Vorhofflimmern war die Behandlung mit modernen Blutverdünnern, sogenannten NOAC, in einer breiten schwedischen Untersuchung mit einem etwas langsameren geistigen Abbau verbunden. Im Vergleich zu Warfarin oder keiner Antikoagulation schnitten NOAC zudem bei Schlaganfällen und weiteren Gesundheitsrisiken günstiger ab. Die Untersuchung war eine Beobachtungsstudie und beweist keine Ursache-Wirkung-Beziehung; Blutverdünner gelten daher nicht als Alzheimer-Therapie. Übrigens: Ein neuer Bluttest könnte künftig verraten, wie weit Alzheimer bereits fortgeschritten ist. Sieben Proteine im Blut könnten dabei helfen, spätere Krankheitsstadien genauer zu erkennen. Mehr dazu in unserem Artikel.

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