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Übertreibung oder Warnsignal?

Wirtschaft

Barclays warnt vor Grenzen der Preissetzung bei Energietechnik

Trotz Kursrutsch: Auftragsbestand auf Rekordniveau

Experten bleiben optimistisch

Das Hin und Her der Siemens Energy-Aktie geht in die nächste Runde. Denn auf kräftige Verluste am Dienstag folgte am Mittwoch zunächst eine deutliche Erholung, ehe das Papier am Donnerstag schwächster Wert im DAX ist. Letztlich verlor das Papier via XETRA kräftige 8,56 Prozent auf 122,20 Euro. Damit liegt der Anteilsschein knapp 33 Prozent unter seinem Allzeithoch von 191,66 Euro aus dem April. Ein Abschlag dieser Größenordnung wirft für Anleger eine naheliegende Frage auf: Bietet der Rücksetzer eine günstige Einstiegsgelegenheit, oder preist der Markt Risiken ein, die in den bisherigen Rekordzahlen noch nicht sichtbar sind? Die Antwort hängt davon ab, wie die Aktie überhaupt so hoch gestiegen ist und warum sie seither so viel Boden verloren hat.

Von der Rekordrally in die Korrektur

Vor der aktuellen Schaukelbörse hatte der Titel einen gewaltigen Lauf hingelegt: Seit seinem Tief im Herbst 2023 war der Wert bis Juni auf das 26-Fache gestiegen. Getragen wurde die Rally vor allem vom Strombedarf der Rechenzentren für künstliche Intelligenz (KI), der die Nachfrage nach Gasturbinen und Netztechnik in die Höhe trieb. Zusätzliche Fantasie lieferte der Konzern Ende April dieses Jahres selbst: Per Ad-hoc-Mitteilung hob Siemens Energy die Jahresprognose an und stellte nun ein vergleichbares Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent in Aussicht, nach zuvor 11 bis 13 Prozent. Beim Gewinn nach Steuern peilte das Management rund 4 Milliarden Euro an statt einer Spanne von 3 bis 4 Milliarden Euro. Die Aktie stieg in der Folge auf ihr bisheriges Rekordhoch.

Seither hat sich das Blatt jedoch gewendet. Einen ersten deutlichen Dämpfer gab es im Juli, als der US-Rivale GE Vernova trotz angehobener Prognose Gewinnmitnahmen in der gesamten Branche auslöste. Zudem kommen inzwischen grundsätzliche Zweifel, ob sich die enormen Investitionen der Technologiekonzern in KI tatsächlich rechnen, sowie steigende Zinsen hinzu. Am Dienstag erhöhte eine Branchenstudie von Barclays den Druck auf das Papier: Analyst George Featherstone schrieb, die Lieferkette müsse sich von ihrer "vermeintlich unbegrenzten Fähigkeit" verabschieden, Preise zu erhöhen und Margen auszuweiten. Der Rekordstand vom April zeigt allerdings, welches Niveau der Markt dem Papier bereits zugetraut hat.

Siemens Energy überzeugt mit Zahlenwerk

Operativ ist von der Kursschwäche bislang wenig zu sehen. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026, das am 30. Juni endete, stieg der Auftragseingang auf vergleichbarer Basis um 8,5 Prozent auf den Rekordwert von 17,9 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand wuchs auf 162 Milliarden Euro, nach 154 Milliarden Euro zum Ende des Vorquartals. Die Umsatzerlöse legten vergleichbar um 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro zu, während sich das Ergebnis vor Sondereffekten mit gut 1,6 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahresquartal (497 Millionen Euro) mehr als verdreifachte. Den größten Beitrag dazu leistete laut Unternehmensangaben ausgerechnet die lange defizitäre Windkrafttochter Siemens Gamesa, die erstmals seit dem Geschäftsjahr 2022 wieder schwarze Zahlen schrieb.

Auch beim Geld kommt der Aufschwung an. Der Free Cashflow vor Steuern kletterte im dritten Quartal auf 2,3 Milliarden Euro, nach 419 Millionen Euro ein Jahr zuvor, begünstigt auch durch Anzahlungen von Kunden. Die Prognose für das Geschäftsjahr 2026 bestätigte Siemens Energy, bei der Ergebnismarge vor Sondereffekten mit Tendenz zum oberen Ende der Spanne von 10 bis 12 Prozent. Zwischen Geschäftsentwicklung und Kursverlauf klafft damit eine Lücke: Der Abschlag zum Rekordhoch speist sich bislang nicht aus schwächeren Zahlen, sondern aus der Sorge, dass der Investitionszyklus rund um KI an Tempo verlieren könnte.

Analysten sehen Siemens Energy-Aktie nahe dem Rekordhoch

Auf der Analystenseite überwiegt trotz des Rücksetzers die Zuversicht. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 185 Euro und damit etwa 45 Prozent über dem aktuellen Kursniveau. Bemerkenswert ist der Abgleich mit dem Rekordhoch: Im Schnitt sehen die Analysten das Papier wieder in der Nähe des Aprilniveaus, nicht aber deutlich darüber. Zu den Optimisten zählt JPMorgan. Analyst Phil Buller beließ die Aktie am Montag auf "Overweight". Die Stimmung gegenüber dem Investitionsgütersektor sei bei einer Marketingreise in die USA pessimistisch gewesen, schrieb Buller. Europäische Anbieter sieht er gegenüber der US-Konkurrenz dennoch gut aufgestellt.

Siemens Energy günstig bewertet? Das sollten Anleger jetzt abwägen

Zwar macht der Abschlag zum Rekordhoch die Aktie günstiger als im April, jedoch nicht per se günstig. Der Rücksetzer spiegelt vor allem die Unsicherheit wider, ob die Nachfrage aus dem Rechenzentrumsausbau anhält. Kippt die Stimmung im Technologiesektor weiter, dürfte sich das auch künftig unmittelbar im Kurs niederschlagen, wie die immer häufiger auftretenden starken Ausschläge zeigen.

Hinzu kommen Risiken, die das Unternehmen selbst benannt hat. In der Telefonkonferenz vor Quartalsende am 30. September kündigte Siemens Energy an, dass der Auftragseingang bei Gas Services im vierten Geschäftsquartal unter den außergewöhnlich starken Vorquartalen liegen werde, und verwies auf die Phasierung von Projekten. In Grid Technologies wurde kein Projekt für Hochspannungsgleichstromübertragung (HVDC) gebucht, bei Siemens Gamesa Offshore blieb der Auftragseingang unter den Erwartungen. Solche Lücken können die Jahresbilanz dämpfen, selbst wenn die Grundnachfrage intakt bleibt.

Klarheit dürfte erst die Vorlage der Jahreszahlen am 11. November bringen. Dann will Siemens Energy neben dem Ausblick auf das Geschäftsjahr 2027 auch neue Ziele bis 2030 und einen aktualisierten Rahmen für die Kapitalallokation vorstellen. Erst daran lässt sich messen, ob der Abstand zum Rekordhoch eine Übertreibung des Marktes war oder eine berechtigte Vorsicht.

Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net

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