Ukraine-Drohnen treffen Treibstoffziele tief in Russland. Ein finnischer Sicherheitsexperte warnt nun vor gefährlichen Reaktionen aus Moskau
Der Ukraine-Krieg erreicht zunehmend den Alltag der Menschen in Russland. Drohnenangriffe auf Raffinerien, Häfen und Tanker in Russland setzen nach Einschätzung des finnischen Militärwissenschaftlers und Abgeordneten Jarno Limnell den Kreml stärker unter Druck. Limnell schrieb in einem für die finnische Tageszeitung „Uusi Suomi“, damit gerate das bisherige „stillschweigende Verhältnis“ zwischen Staat und Bevölkerung ins Wanken. Der Kreml habe den Bürgern über lange Zeit vermittelt, der Staat führe Krieg, während das normale Leben im Land weitergehe. „Wenn der Krieg im Alltag des gewöhnlichen Russen sichtbar wird, an der Zapfsäule, in Schlangen, bei Einschränkungen und Preisen, geht es nicht mehr nur um Ereignisse an der Front“, schrieb Limnell. „Diese Vereinbarung gerät jetzt ins Wanken.“ Angriffe auf „den Blutkreislauf der Kriegsführung“ Laut Limnell handelt es sich längst nicht mehr um einzelne spektakuläre Attacken. Vielmehr führe die Ukraine eine Kampagne gegen die gesamte russische Treibstoffkette. Treibstoff sei „der Blutkreislauf der Kriegsführung“, schrieb Limnell. Ohne ihn funktionieren Lastwagen, Flugzeuge und die Logistik nicht. „An der Zapfsäule läuft nicht nur Treibstoff aus. Dort läuft auch die Erzählung des Kremls von Kontrolle aus.“ Russland habe in den Kriegsjahren das Bild aufgebaut, Sanktionen aushalten und den Krieg so lange fortsetzen zu können, wie es wolle. Die ukrainischen Angriffe entscheiden den Krieg aus seiner Sicht zwar nicht allein, greifen aber genau dieses Bild an. ANZEIGE ANZEIGE Nato-Beschlüsse erschweren Putins Kalkül Zusätzlichen Druck sieht Limnell in den Signalen des Nato-Gipfels in Den Haag. Europa übernimmt mehr Verantwortung, die Unterstützung für die Ukraine geht weiter. Aus politischen Zusagen wurden Waffen, Produktion und langfristige Hilfe. Diese Kombination verändert die Lage, so der finnische Militärexperte: die Fähigkeit der Ukraine, tief in Russland zuzuschlagen, und die Zusicherung weiterer westlicher Unterstützung. Für Präsident Wladimir Putin wird die Rechnung damit schwieriger. Er kann sich nicht mehr so leicht darauf verlassen, dass die Zeit automatisch für Russland arbeitet. Limnell warnt: „Die gefährlichste Phase könnte noch bevorstehen“ Kurzfristig rechnet Limnell allerdings nicht mit einer größeren Bereitschaft Moskaus zu Verhandlungen. Im Gegenteil: Der Druck könnte den Kreml zu einer schärferen Antwort treiben. Er räumte ein, dass der Weg zu möglichen Verhandlungen zwar oft über Druck führt. Doch gerade deshalb könnte „die gefährlichste Phase noch bevorstehen“, warnte er. Ein Entgegenkommen unter Druck würde in der Logik des Kremls schnell als Schwäche gelten. „Putin will nicht so aussehen, als hätten ihn Benzinschlangen, Drohnen und Nato-Entscheidungen an den Tisch gezwungen“, schrieb Limnell. „Deshalb kann die nächste Phase gefährlich werden.“ „Niedrigschwellige“ russische Reaktionen erwartet Er erwartet härtere russische Angriffe vor allem auf ukrainische Städte, auf die Energieversorgung und auf die Widerstandskraft der Zivilgesellschaft. Zugleich könnte Russland seine Aktivitäten in der Grauzone in Europa ausweiten. Limnell nennt dabei: Cyberangriffe Sabotage GPS-Störungen Druck an Grenzen Einen offenen militärischen Zusammenstoß mit der Nato hält er nicht für das wahrscheinlichste Szenario. Wahrscheinlicher seien „niedrigschwellige“ Einschüchterungen. Militärexperte sieht zwei parallele Entwicklungen Nach Limnells Einschätzung laufen nun zwei Entwicklungen gleichzeitig: Die Ukraine wird ihre Angriffe auf Russlands Treibstoffkette fortsetzen, weil sie militärische, wirtschaftliche und psychologische Wirkung entfalten. Russland wird versuchen, die Folgen mit Verwaltungsmaßnahmen, Propaganda und Gegenschlägen zu verdecken. Moskau will damit sowohl die eigene Bevölkerung als auch den Westen davon überzeugen, dass der wachsende Druck die Kriegsziele nicht verändert, so der Militärwissenschaftler.