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Ukraine eröffnet neue Front im Asowschen Meer

Welt

Über hundert Angriffe auf Schiffe in wenigen Tagen: Kiew zielt nicht auf spektakuläre Versenkungen, sondern auf Russlands Krim-Logistik. Fast aus dem Nichts hat die Ukraine das Asowsche Meer binnen weniger Tage in ein neues Schlachtfeld verwandelt: Seit der Nacht zum 7. Juli führt sie dort eine der intensivsten Drohnen-Kampagnen gegen die russische Handelsschifffahrt seit Kriegsbeginn. Weiterlesen nach der Anzeige Die Operation richtet sich gegen jene Flotte kleiner und mittlerer Tanker, die Treibstoff und Öl aus dem Wolga-Don-Kanalsystem über das Asowsche Meer zur besetzten Krim sowie zu größeren, vor der Schwarzmeerküste ankernden Tankern transportiert. Berichtete der Guardian am 12. Juli von 90 angegriffenen Schiffen binnen einer Woche, waren es laut Reuters zwei Tage später bereits 116 über neun Tage.Am 17. Juli lag der kumulierte Stand bereits bei 159 Treffern: 117 im Asowschen und 42 im Schwarzen Meer, wohin die Angriffe seit dem 15. Juli ausgeweitet worden waren. Rechnerisch wurde damit im Schnitt alle zwei Stunden ein Schiff getroffen. Die unmittelbare Folge war eine faktische Unterbrechung der Schifffahrt durch die wichtigsten Nadelöhre der Region. Russische Grenzschützer nahmen ab dem Abend des 10. Juli keine Anträge für die Durchfahrt durch die Kertschstraße mehr entgegen, wie Reuters berichtet. Gleichzeitig wurde der Verkehr durch den Don-Asow-Kanal ausgesetzt. Da bis zu einem Viertel der russischen Weizenexporte über dieses System läuft, reagierten die Getreidemärkte prompt mit deutlichen Preisanstiegen. Der Plan hinter der Angriffswelle Die Intensität der Kampagne ist militärisch beeindruckend: Ab dem 9. Juli griffen ukrainische Drohnen täglich mindestens ein Dutzend Schiffe an. Ziel waren vor allem kleine, flachgehende Tanker von bis zu 140 Metern Länge und 7.000 Tonnen Tragfähigkeit, die als Feeder-Flotte Öl und Treibstoff aus dem Don-System zu größeren Tankern vor der Schwarzmeerküste bringen, wie Reuters berichtet. Weiterlesen nach der Anzeige Der Schifffahrtsanalyst Sal Mercogliano beschreibt zwei Phasen: Zunächst die Feeder-Tanker im Asowschen Meer, ab dem 15. Juli dann 20 größere Tanker im Schwarzen Meer. Etwa 12 bis 15 kleine Zubringertanker werden demnach benötigt, um einen mittelgroßen Tanker mit 100.000 Tonnen zu befüllen. Ziel ist nach Verlautbarungen von ukrainischem Militärpersonal nicht die Versenkung, sondern die Außerbetriebsetzung der Schiffe. Jedes Schiff soll zu einer treibenden Barkasse werden, ohne Rumpfbrüche oder Ölaustritte zu verursachen. Die Technik hinter den Angriffen Über den genauen Drohnentyp gibt es bislang keine offizielle Bestätigung. Zugeschrieben werden die Angriffe teilweise der ukrainischen FP-2 des Herstellers Fire Point, einer Starrflügel-Angriffsdrohne mit nach Herstellerangaben rund 370 Kilometern Reichweite mit einer für diesen Drohnentypen großen 200 Kilogramm Nutzlast. Gegen einen systematischen Einsatz dieses Systems spricht jedoch der beobachtete Schadensmechanismus: Ein Gefechtskopf dieser Größenordnung würde erhebliche Strukturbrüche und mutmaßlich Ölaustritte verursachen – genau das, was die ukrainische Seite nach eigenen Angaben vermeiden will. Wahrscheinlicher ist der Einsatz kleinerer, speziell angepasster Starrflügeldrohnen mit optischer oder bildgestützter Endphasensteuerung, die gezielt Brücke, Radar, Kommunikationsantennen oder den Maschinenraum treffen, um die Schiffe außer Betrieb zu setzen, ohne sie zu versenken. Ein erheblicher Teil der eingesetzten Drohnen wird über Satelliten des Starlink-Netzwerks gesteuert. Genau darauf zielen russische Gegenmaßnahmen: Entlang der Versorgungskorridore hat Russland leistungsfähige Störsysteme aufgebaut und versucht gezielt, die Starlink-Verbindungen der ukrainischen Drohnen zu unterbrechen. Der Erfolg bleibt jedoch begrenzt, wie der Telegraph berichtet: Zwar deuteten Signaldaten auf russische Störsender rund um die Kertschstraße und die Südküste hin, diese laufen jedoch gegen satellitengestützt gesteuerte Drohnen weitgehend ins Leere. Warum das Asowsche Meer so wichtig ist Die Bedeutung des Asowschen Meeres für Russland liegt vor allem darin, dass es mehrere Systeme miteinander verbindet: das russische Binnenwasserstraßennetz über den Wolga-Don-Kanal, die Agrarregionen am Don und Kuban, die Oblaste Donezk und Saporoschje sowie die Krim. Durchschnittlich nur rund sieben Meter tief und einzig über die Kertschstraße mit dem Schwarzen Meer verbunden, eignet es sich kaum für Hochseefrachter, wohl aber als Zubringer- und Sammelsystem für kleinere, flachgehende Schiffe – und genau das macht es zu einem geschützten logistischen Hinterraum. Ökonomisch ist vor allem der Getreidesektor relevant: Bis zu einem Viertel der russischen Weizenexporte läuft nach Reuters-Angaben über das Asow-Don-System und die damit verbundenen Häfen wie Rostow, Asow, Taganrog, Jeisk und Temrjuk. Hinzu kommt der Transport von Ölprodukten, Diesel und Chemikalien aus dem Don- und Wolga-System, der teils zivile, teils militärische Zwecke bedient. Seit der Einnahme Mariupols 2022 kontrolliert Russland zudem die gesamte Nordküste des Asowschen Meeres. Über Mariupol und Berdjansk werden nach ukrainischen Regierungsangaben Getreide und andere Güter aus den Regionen Donezk und Saporoschje abtransportiert, während Moskau zugleich Milliardensummen in eine neue Bahn- und Straßeninfrastruktur investiert, die diese Gebiete an das russische Kernland und die Krim binden soll. Für die Krim schließlich ist das Asowsche Meer Teil eines redundanten Versorgungssystems neben Kertschbrücke, Fähren und Küstenstraße. Genau darin liegt eine Verwundbarkeit: Wird auch nur eine dieser Verbindungen gestört, muss Russland mehr Verkehr auf die verbleibenden Korridore verlagern – die dadurch anfälliger und leichter aufzuklären werden. Die zweite Front verläuft an Land Zentrale Landverbindung zwischen Rostow am Don und der Krim ist die gut 500 Kilometer lange Fernstraße R-280, die über Mariupol, Berdjansk und Melitopol führt. Seit Ende Mai ist sie für zivilen Verkehr weitgehend gesperrt, wie der Guardian berichtet: Ukrainische Drohneneinheiten jagen dort systematisch russische Militärkonvois. Ausdrückliches Ziel dieser Angriffe auf mittlerer Entfernung gegen Ziele 20 bis 200 Kilometer hinter der Front war laut dem ukrainischen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow eine vollständige logistische Abriegelung der Krim-Versorgung. Präsident Selenskyj bezifferte die Zunahme solcher Mittelstreckenangriffe im Mai auf das Vierfache im Vergleich zum Februar. Wo Treibstoff nicht mehr über das Asowsche Meer transportiert werden kann, muss er auf genau jene Straßen- und Schienenwege ausweichen, die bereits unter Dauerbeschuss stehen. Das ist eine Strategie der Kanalisierung – die Ukraine versucht, Russland nicht vollständig abzuschneiden. Sie zwingt den Nachschub vielmehr auf immer weniger Routen und macht diese dadurch leichter angreifbar. Entscheidend sind die Ausweichrouten Die Angriffe werden Russland weder kurzfristig von der Krim noch von seinen Truppen im Süden abschneiden. Das Rückgrat der Versorgung bleibt die Eisenbahn, und Moskau verfügt über alternative Häfen, große Transportkapazitäten und erhebliche Reparaturreserven. Auch bedeutet die hohe Zahl angegriffener Schiffe nicht, dass ebenso viele dauerhaft ausgefallen sind. Militärisch entscheidend ist jedoch nicht der Verlust einzelner Tanker, sondern die schrittweise Entwertung paralleler Versorgungswege. Wird der Verkehr im Asowschen Meer eingeschränkt, muss mehr Treibstoff und Material über Straßen und Schienen transportiert werden. Damit steigt die Belastung jener Korridore, die entlang der R-280 bereits systematisch von ukrainischen Drohnen angegriffen werden. Die Ukraine versucht somit nicht, die russische Regional-Logistik mit einem einzigen Schlag zu stören. Sie greift Russlands Ausweichmöglichkeiten an: Fällt der Seeweg aus, müssen mehr Transporte über Straße und Schiene laufen – und geraten dort leichter unter Beschuss. Ob daraus ein ernsthafter Faktor für den Landkrieg wird, hängt zwar auch von der Zahl gemeldeter Schiffsangriffe ab, aber mehr noch von der Dauer der Kampagne. Gelingt es der Ukraine, den Druck über Monate aufrechtzuerhalten und maritime, Straßen- und Eisenbahnverbindungen gleichzeitig zu bedrohen, könnte aus der gegenwärtigen Störkampagne eine ernsthafte operative Belastung für die gesamte russische Südlogistik werden.

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