Ukraine feilt an Raketenabwehrsystem
Startseite Politik Neue Waffe gegen Russlands Angriffskrieg: Ukraine tüftelt an Patriot-Alternative Von: Fabian Hartmann Uns auf Google folgen Die Ukraine arbeitet an der Umsetzung einer Raketenabwehr aus eigener Fertigung. Damit könnte sich zur richtigen Zeit von Trump unabhängig gemacht werden. Kiew – Die Vereinigten Staaten beziffern ihre Hilfen für die Ukraine bei ihrer Verteidigung gegen Russland seit Beginn von Wladimir Putins Angriffskrieg dem US Council of Foreign Relations zufolge auf knapp 195 Milliarden Dollar. Für US-Präsident Donald Trump ist das offenbar ausreichend genug, um auf jüngste Forderungen Wolodymyr Selenskyjs nach neuen US-Hilfen für die Ukraine denkbar abgeneigt zu reagieren. Auf die Frage, ob die USA der Ukraine Langstreckenraketen oder weitere Patriot-Systeme zur Verfügung stellen würden, sagte Trump im Weißen Haus: „Wir wollen auch Raketen“, wie Kyiv Independent berichtete. Herbe Kritik brachte Trump auch an seinem Amtsvorgänger Joe Biden an. Dieser habe der Ukraine „300 Milliarden Dollar an Munition“ gegeben, wie Trump von RBC Ukraine zitiert wurde. Was danach klingen mag, als dürfe sich Selenskyj nicht mehr uneingeschränkt auf rasche US‑Unterstützung verlassen, könnte nun ein Mitgrund für ein Umdenken des ukrainischen Regierungschefs gewesen sein. Selenskyj will schnellstmöglich Fortschritte bei der Planung eines eigenen ukrainischen Raktetenabwehrsystems Dem britischen Guardian zufolge erklärte Selenskyj zuletzt, er wolle schnellstmöglich „konkrete Ergebnisse“ bei der Entwicklung eines Raketenabwehrsystems für die Ukraine sehen – und zwar bis Jahresende. Realisierbar werden könnte es durch die jüngst bekannt gewordenen Pläne des sogenannten „Freyja“-Programms. Dabei handelt es sich um Vorhaben hinsichtlich eines europäisch co-produzierten Raketenabwehrsystems unter ukrainischer Federführung. Auch gab Selenskyj eine gesonderte Mitteilung auf der Regierungswebsite aus. Dienen könnte die „Freyja“-Raketenabwehr als Alternative zum US-System „Patriot“, auf das die Ukraine bei ihrer Verteidigung gegen Russland im inzwischen viereinhalb Jahre andauernden Krieg bislang setzte, „Die Ukraine ist in der Lage, ihre Raketen und Abschussvorrichtungen selbst herzustellen, während unsere Partner die notwendigen Komponenten und kritischen Elemente bereitstellen werden“, sagte Selenskyj laut Guardian. Selenskyj will Raketenabwehr-Unabhängigkeit von den USA „Wir schaffen alle notwendigen Voraussetzungen“, betonte Selenskyj weiter, um die Vorhaben eines „Freyja“-Raketenabwehrsystems zu realisieren. Auf der offensiven Seite „arbeitet die Ukraine auch an der Entwicklung eigener ballistischer Raketen“, führte der ukrainische Regierungschef aus. Diesbezügliche Tests hätten bereits großes Potenzial gezeigt. „Wir müssen dies in eine echte Waffe umsetzen“, betonte Selenskyj allerdings. Sich betreffend Raketenabwehrsysteme unabhängiger von den USA zu machen, könnte für Kiew auch aus einem anderen Grund abseits von Trumps zögerlicher Haltung über weitere Ukraine-Hilfen relevant sein. Denn wie der US-Präsident bereits in seiner Kritik an der Ukraine-Unterstützung Bidens im Hinblick auf Munition anprangerte, seien die US-Bestände deutlich kleiner geworden, wodurch das Arsenal Washingtons nun vor einer Aufstockung stünde. Der Ukraine-Krieg stellt die Effizienz des Patriot-Abwehrsystems infrage Nicht zuletzt könnte die Ukraine aber auch aus wiederum anderen Motiven gut daran tun, ein eigenes Raketenabwehrsystem gemeinsam mit europäischen Partnern zu entwickeln. Denn nicht nur rückte US-Präsident Trump jüngst zur Überraschung vieler von seinem ursprünglichen Plan ab, der Ukraine Baupläne für die Patriot-Produktion außerhalb der USA zukommen zu lassen. Ferner könnte die Patriot-Raketenabwehr möglicherweise durch die veränderte Kriegsführung, die im Schlagabtausch Russlands und der Ukraine deutlich wird, an Aktualität einbüßen. Denn Patriots sichern die US- und NATO-Lufträume bereits seit Anfang der 1980er-Jahre ab, erweisen sich aber als kostspielig. „Der entscheidende Maßstab im heutigen Umfeld ist wohl nicht, wie zuverlässig ein einzelner Abfangkörper eine einzelne Rakete zerstört, sondern vielmehr, welche Kosten entstehen, um eine erforderliche Abfangwahrscheinlichkeit über mehrere Schüsse und Salven hinweg zu erreichen, sowie die Fähigkeit, Arsenale in einem andauernden Konflikt wieder aufzufüllen“, betonte hartpunkt-Autor Fabian Hoffmann jüngst in einem Beitrag für das Defence- und Sicherheitspolitik-Magazin. Denn die Abwehrrakete Patriot PAC-3 MSE koste aktuell sieben Millionen US-Dollar, während ihre Trefferwahrscheinlichkeit 70 Prozent beträgt. Hoffmann zufolge sei im Zuge von Abwehrszenarien mit bis zu drei Schüssen pro anfliegender Bedrohung zu kalkulieren, also mit bis zu 21 Millionen Dollar pro einzelnem Angriff eines feindlichen Geschosses. „Dies macht deutlich, warum die ballistische Raketenabwehr bei mehreren Gefechten und Salven schnell unerschwinglich teuer wird“, gab der hartpunkt-Autor zu bedenken. (Verwendete Quellen: Kyiv Independent, RBC Ukraine, Guardian, hartpunkt) (fh)