Ukraine-Krieg: Hoher Blutzoll an der Front
Startseite Politik Putins Truppen zahlen hohen Blutzoll an Ukraine-Front – Kreml sucht nach Ersatz unter Studenten Von: Bedrettin Bölükbasi Uns auf Google folgen Russlands Verluste im Ukraine-Krieg steigen weiter. Um die Lücken zu schließen, wirbt Moskau nun gezielt Studenten mit Geld und Karriereversprechen an. Moskau – Russland zahlt für seinen Ukraine-Krieg einen immer höheren Preis. Während die Verluste der Truppen von Kreml-Chef Wladimir Putin weiter steigen und der Vormarsch an der Front deutlich an Tempo verliert, sucht Moskau zunehmend nach neuen Soldaten. Im Fokus stehen inzwischen sogar Studenten, die mit hohen Geldprämien und dem Versprechen eines vergleichsweise sicheren Einsatzes als Drohnenpiloten angeworben werden. Ukraine-Krieg: Russische Verluste erreichen neue Marke Nach einer aktuellen Studie der Denkfabrik „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) hat Russland seit Beginn des Krieges rund 1,4 Millionen Soldaten verloren. In dieser Zahl sind Gefallene, Verwundete und Vermisste enthalten. Insgesamt soll der Krieg mittlerweile mehr als zwei Millionen Opfer auf beiden Seiten gefordert haben. Die Autoren der Studie sprechen von beispiellosen Verlusten. Demnach seien inzwischen mehr russische Soldaten gefallen als sämtliche sowjetische und russische Streitkräfte in allen Kriegen seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Besonders problematisch für Moskau: Russland könne die hohen Verluste inzwischen nicht mehr vollständig durch neue Rekruten ausgleichen. Nach ukrainischen Schätzungen verlor Russland allein im Juni fast 40.000 Soldaten, während monatlich lediglich zwischen 24.000 und 30.000 neue Soldaten angeworben werden könnten. Russische Verluste steigen heftig: Ukrainische Drohnen verändern den Krieg Als Hauptgrund für die steigenden russischen Verluste sehen Experten die veränderte Kriegsführung der Ukraine. Das Land hat seine Drohnenproduktion massiv ausgebaut und setzt zunehmend auf Angriffe gegen russische Nachschubwege, Munitionslager und Treibstoffdepots. Nach Einschätzung des Institute for the Study of War (ISW) erschwert die hohe Dichte ukrainischer Drohnen russische Angriffe erheblich. Die sogenannte „Kill Zone“ entlang der Front mache größere Offensiven immer kostspieliger. Hinzu kämen taktische Schwächen, mangelhafte Ausbildung, Korruption und sinkende Moral innerhalb der russischen Armee. Die Folgen zeigen sich auch beim Vormarsch. Während russische Truppen in der ersten Hälfte des Jahres 2025 noch mehr als 2.190 Quadratkilometer Gelände eroberten, waren es im gleichen Zeitraum dieses Jahres nur noch 622 Quadratkilometer. Im Juni verlangsamte sich der Vormarsch auf gut einen Quadratkilometer pro Tag. Berücksichtigt man ukrainische Gegenoffensiven, schrumpft der tatsächliche Netto-Gebietsgewinn laut ISW sogar auf lediglich 97 Quadratkilometer im gesamten ersten Halbjahr. Putins Soldaten kämpfen mit hohen Verlusten: Studenten sollen die Lücken schließen Um die hohen Verluste auszugleichen, setzt Russland inzwischen verstärkt auf den Nachwuchs. Seit Anfang des Jahres wirbt das Verteidigungsministerium gezielt an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsschulen um junge Freiwillige. Angeboten werden Einjahresverträge für die neu geschaffenen Drohneneinheiten der Armee. Studenten werden hohe Prämien, moderne technische Ausbildung und ein vergleichsweise sicherer Einsatz fernab der Front versprochen. In Moskau sollen Freiwillige im ersten Jahr Zahlungen von umgerechnet rund 57.000 US-Dollar erhalten können. Nach Recherchen der BBC fanden entsprechende Werbeveranstaltungen bereits an mindestens 95 Hochschulen statt. Andere Erhebungen sprechen sogar von fast 270 Bildungseinrichtungen, an denen für den Militärdienst geworben wurde. Menschenrechtsaktivisten und Juristen bezweifeln jedoch, dass die Versprechen eingehalten werden. Seit der Teilmobilmachung im Jahr 2022 würden Militärverträge faktisch unbegrenzt verlängert. Außerdem entscheide letztlich das Verteidigungsministerium, ob Rekruten tatsächlich als Drohnenpiloten eingesetzt oder doch in reguläre Sturmtruppen versetzt würden. Der 23-jährige Student Waleri Awerin absolvierte etwa laut BBC eine Ausbildung zum Drohnenoperator und teilte seiner Pflegemutter mit, ihm werde nichts passieren. Wenige Tage später fiel er bei einem Mörserangriff nahe Luhansk. Auch der 18-jährige Wladislaw Gorbunow, der ursprünglich Eisenbahnbau studierte, wurde zunächst einer Infanterieeinheit zugeteilt und später in eine Drohneneinheit versetzt. Vier Monate nach Vertragsabschluss war auch er tot. Ähnlich erging es dem Schweißer-Auszubildenden Rachim Abdullin. Kurz nach seinem 18. Geburtstag unterschrieb er einen Vertrag in der Hoffnung auf einen vergleichsweise sicheren Einsatz als Drohnenpilot. Wenige Wochen später kam er an der Front ums Leben. Nach Angaben der BBC sind bislang mindestens 920 russische Drohnenpiloten nachweislich gefallen. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Insgesamt konnten BBC Russian und ihre Recherchepartner bisher mehr als 230.000 gefallene russische Soldaten namentlich identifizieren. Experten gehen davon aus, dass dies lediglich etwa die Hälfte aller Todesfälle erfasst. Mit der gezielten Werbung an Hochschulen verlagert sich der Krieg damit immer stärker in den zivilen Alltag Russlands. Um die wachsenden Verluste auszugleichen, setzt Moskau zunehmend auf junge Menschen, denen Geld, Ausbildung und Sicherheit versprochen werden – obwohl zahlreiche Beispiele zeigen, dass viele von ihnen dennoch direkt an der Front landen. (Quellen: Al Jazeera, BBC, CNN, ISW, CSIS) (bb)